Wie stellt man sich das Büro vor, in dem die Kampagnenfotos von Tuifly, Coca-Cola und Villeroy & Boch ihren letzten Schliff bekommen? Wo die Lottofee aufgepeppt und einem makellosen Model noch der sanfte Flaum von der Nase entfernt wird? Ein Büro, auf dessen Kundenliste große Agenturen, Verlage und Topfotografen stehen? Superschick und clean, trendy eingerichtet und top gelegen, mit hohen, lichtdurchfluteten Räumen - könnte man meinen. Mit einem Wort: repräsentativ. Wer Andreas Doria in Hamburg besucht, findet all das nicht - und wird trotzdem nicht enttäuscht.
Die Adresse liegt versteckt hinter der Universität im herrschaftlichen Hamburger Viertel Rotherbaum. Zwar in einem schönen Jugendstilgebäude, allerdings im Souterrain mit niedrigen Decken. Kein echtes Firmenschild, nur ein schlichter Namenszug verweist auf ihn. Hier würde man einen Copyshop erwarten oder ein Labor. Und genau das war Andreas Doria auch, bevor der Umschwung ins Digitale kam: ein Fachlabor. Dann reduzierte er eine Dunkelkammer. Die analogen Arbeitsplätze wurden weniger, die digitalen mehr.
Eine schleichende Veränderung mit dem Geschäftsziel, den Fokus stärker auf die Bildbearbeitung zu legen. „Ich wollte kommunizieren“, erläutert der Inhaber, „dass wir nicht mehr das Labor sind, das auch drei digitale Plätze hat, sondern dass wir das, was wir jetzt tun, ernstzunehmend betreiben.“ Der Tätigkeitswandel sollte mit einem neuen Raumkonzept unterstrichen werden, bei dem es um mehr ging, als nur um die Einrichtung. Es ging um eine Klammer, um ein Symbol und um eine klare Sprache. Dafür engagierte er das Studio Feldmann+Schultchen, die in Andreas Dorias Büro das schwarze Band einführten, das sich als roter Faden durch alle Räume, über die Homepage, das Briefpapier, die Gruß- und Visitenkarten sowie die Verpackungen zieht.
42 Meter langes „Schwarzes Brett“
Das schwarze Band startet schon an der Außenfassade neben der Eingangstür, streckt sich über alle Wände des Büros, hinter den Arbeitsplätzen entlang, biegt um Türrahmen und macht auch nicht vor der Garderobe halt. Wer seine Jacke aufhängen will, muss darüber hinweggreifen oder unten durchschlüpfen. Das 62 Zentimeter breite Band besteht aus gekantetem, pulverbeschichtetem Stahlblech und ist magnetisch. Alle Teile wurden auf Maß gefertigt und die Paneele durchnummeriert. An dem 42 Meter langen „Schwarzen Brett“ reihen sich Prints und Cover, der E-Mail-Verkehr mit Kunden, Auftragsbestätigungen und Korrekturanmerkungen.
Das Band ist eine Gedankenstütze im Arbeitsablauf und gibt einen Überblick über getane und anstehende Aufgaben. Doch auch bemerkenswerte Aufnahmen und geliebte Fotobücher finden ihren Platz am Kreativboard. Für Bildbände wurden eigens Halter angefertigt. Selbst oft genutztes Bürowerkzeug oder die Notfallapotheke mit Kopfschmerztabletten und Pflastern hängt hier für alle griffbereit. Neben Andreas Dorias Arbeitsplatz darf das stylische Orga-Band dann sogar für einen halben Meter an eine ganz gewöhnliche Pinnwand erinnern, wo „Ihr nächster Arzttermin“-Notizen kleben und für die Nachbarn verwahrte Ersatzschlüssel warten.
Der schöne Nebeneffekt
„Das Grundthema ist relativ einfach“, beschreibt André Feldmann das Konzept. „Es ist das analoge Band, das parallel läuft zu den zerstückelten, fraktalen, digitalen Prozessen.“ Die Ironie des Ganzen: Der Umschwung ins Digitale bei Andreas Doria wird durch ein analoges Ordnungsband symbolisiert. Und es zeigt, dass der Mensch, egal, womit er arbeitet, immer noch analog den Überblick wahrt - ganz gleich, ob im Kopf oder manuell. „Man kann alles ständig umswitchen“, beschreibt er begeistert. „Ich kann handschriftlich drüberschreiben und Sachen besser sortieren als in fünftausend E-Mail-Ordnern.“ Der schöne Nebeneffekt: Auch für die Kunden ist immer deutlich, dass hier etwas passiert. Jedes Mal ist das Band anders bestückt. Gäbe es dieses Tool nicht, böte sich ständig dasselbe Bild von gekrümmten Rücken vor Bildschirmen - wie in allen anderen Büros auch.
Das Konzept ist exakt auf die Person Andreas Doria zugeschnitten. Die Designer haben es um ihn herumgestrickt. „Wir haben beim Konzeptionieren immer vorwegvisualisiert,“ sagt Arne Schultchen, „wie Andreas Doria mit seinen bunten T-Shirts und seinen Bildern in diesem Bühnenraum funktioniert. Deshalb war es auch möglich, so eine total abstrakte und reduzierte, fast eine Spielfläche zu machen, vor der er mit seiner liebevollen Art gut stattfinden kann.“ Auch seine Art zu arbeiten ging im Konzept auf.
Strukturiert, aufgefädelt und präzise, empfanden die Designer. Der 41 Jahre alte Unternehmer ist tatsächlich ein Ordnungsfreak, was er auch gern zugibt. Er geht durch seine Räume und macht zum Beweis die Klappen und Schübe der USM-Haller-Schränke auf, die im Flur und in der Dunkelkammer stehen. Wenn Schubladen ansonsten prädestiniert dafür sind, dass sich in ihnen alles ansammelt, dann liegt beim gelernten Fotografen Doria alles säuberlich nebeneinander. „Ich habe nicht aufgeräumt, das ist immer so“, beteuert er. „Würde man einem Chaoten einen ganzen Raum voll Pinnwand geben, wäre das eine Tragödie“, ergänzt Arne Schultchen. „Aber er kann damit umgehen, weil er strukturiert und sauber arbeitet.“
Kompromisslose Geste
Noch eine kleine Eigenart haben Feldmann+Schultchen realisiert und in Einrichtung umgesetzt: Doria gibt bei allem etwas Kleines dazu - und sei es nur ein Post-it mit einem selbstgemalten Smiley. Diese Post-its wurden im Bürokonzept zu Schreibtischen, die schräg unter das umlaufende Band eingehängt sind. „Das Präzise einer sauberen Fotoarbeit und das Schräge eines schnellen Post-its“, so fasst es André Feldmann zusammen, sind es, die sich auch hier im Büro treffen. Nach der ersten Idee sollten die Tische in den Schreifarben der kleinen Klebezettel kommen. Doch ein magentafarbener Tisch ist nicht gerade der ideale Untergrund, um eine Fotografie zu beurteilen.
Natürlich gab es zuerst die Überlegung, das neue Erscheinungsbild in neuen Räumen umzusetzen. Man besichtigte weit repräsentativere Flächen, die dann auch mal in der Beletage statt im Souterrain gelegen hätten. Doch schließlich waren alle dafür, dort zu bleiben, wo Andreas Doria schon seit zehn Jahren war.
Selbst die Designer befanden, dass man an diesem schwierigen, kellerartigen Raum besser zeigen könne, was sie zeigen wollten. „Es war viel dankbarer und viel spannender“, meint André Feldmann, „hier so eine kleine, feine Sache zu machen, statt die große Kugel zu spielen.“ Es ging ihnen darum, eine klare Geste zu entwickeln und kompromisslos durchzuziehen. Das ist den beiden immer wichtig, wenn sie sich mal mit Büros beschäftigen. Hätte Andreas Doria einen Innenarchitekten gesucht, der mit Musterbüchern anrückt, wäre er sicher nicht zu ihm gegangen.
Über den Raum hinweggesetzt
Und so haben sich die Industriedesigner einfach über den Raum hinweggesetzt, ihn quasi ignoriert. Das schwarze Band zieht sich zwar an den Wänden entlang, aber es verläuft keineswegs parallel, ist ein paar Grad aus dem Grundriss gerückt. Auch das neu verlegte Industrieparkett richtet sich entsprechend nicht an den Wänden, sondern am schwarzen Band aus. So tritt der Raum völlig zurück.
Lohnt es sich denn, als kleiner Unternehmer ein bekanntes Designerbüro für ein neues optisches Konzept zu engagieren, zumal die Räume nur gemietet und das Interieur auf Maß gefertigt ist? Ein langfristiger Mietvertrag ist sicher die Basis, wenn man den Wert eines Mittelklassewagens investiert. Und das Wissen, dass die Kunden mehr Kompetenz attestieren, wenn sie in schöne Räume kommen. Mut gehört trotz allem dazu. „Für so eine kleine Firma ist das ja, als ob sich Procter & Gamble ein neues Werk hinstellt“, vergleicht Arne Schultchen.
