10.01.2006 · Im Jahr 2004 wurden in Deutschland weniger Frauen Opfer von Menschenhandel als im Jahr 2003. Das zeigt der Anfang dieser Woche veröffentlichte Bericht „Lagebild Menschenhandel“ des Bundeskriminalamtes.
Im Jahr 2004 wurden in Deutschland weniger Frauen Opfer von Menschenhandel als im Jahr 2003. Das zeigt der Anfang dieser Woche veröffentlichte Bericht „Lagebild Menschenhandel“ des Bundeskriminalamtes (BKA). Während die polizeiliche Statistik 2003 noch 1235 Opfer zählte, waren es 2004 lediglich 972. Allerdings weist das BKA darauf hin, daß die EU-Ost-Erweiterung Frauen aus den neuen Mitgliedstaaten die Möglichkeit eröffnet hat, Prostitution in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen legal auszuüben. Diese Situation macht es für die Polizei noch schwieriger, potentielle Opfer zu erkennen. Denn 75,5 Prozent der Frauen, die Opfer von Menschenhandel wurden, kamen aus Osteuropa, die meisten von ihnen aus der Ukraine, aus Rumänien und Bulgarien.
Nicht alle Frauen wurden über den Grund ihrer Einreise nach Deutschland getäuscht. Etwa 21 Prozent der Opfer waren laut dem „Lagebild“ zunächst einverstanden, in Deutschland als Prostituierte zu arbeiten. „Viele Frauen haben jedoch falsche Vorstellungen von den Arbeitsbedingungen in Deutschland“, sagt die Juristin Annette Herz vom Max-Planck-Institut in Freiburg, die eine Studie über Menschenhandel erstellt hat. Einige Zwangsprostituierte handelten am Anfang nach dem Motto „Augen zu und durch“. Sie wenden sich erst dann an die Polizei oder Opferberatungsstellen, wenn der Leidensdruck zu groß ist. Abhängigkeit, Angst und Scham unter den Opfern machen es für die Polizei so schwierig, an die Opfer heranzukommen.
„Auf die meisten Frauen wird die Polizei bei Zufallskontrollen oder Razzien in Bordellen aufmerksam“, sagt die Berliner Anwältin Regina Kalthegener, die schon viele Opfer von Menschenhandel in der Nebenklage vertreten hat. Ihr ist kein Fall bekannt, in dem eine Frau von sich aus zur Polizei gegangen ist. „Die meisten Frauen wollen nicht aussagen, weil sie Angst um ihr eigenes Leben und das ihrer Familie haben oder sich zu sehr schämen“, sagt Regine Uysal von der Dortmunder Fachberatungsstelle „Mitternachtsmission“.
Frauen, bei denen vermutet wird, daß sie Opfer von Menschenhandel geworden sind, erhalten eine vierwöchige Duldung. In dieser Zeit sollen sie sich überlegen, ob sie bereit sind, als Zeugen auszusagen. Entscheiden sie sich dafür, wird ihre Duldung für die Dauer des Prozesses verlängert. Wenn sie nicht aussagen möchten oder Polizei und Staatsanwaltschaft nicht weiterhelfen können, werden sie abgeschoben oder zur Ausreise aufgefordert. Das trifft auf die meisten Opfer zu: Nur jede zwanzigste Frau nimmt an einem Zeugenschutzprogramm des BKA teil.
Um Zwangsprostituierte einzuschüchtern, wird häufig gedroht, Gewalt gegen Dritte auszuüben. „Da körperliche Blessuren bei Prostituierten sofort auffallen, werden die Frauen meist massiv bedroht“, sagt Herz. Außerdem nutzen die Menschenhändler die Angst der Frauen vor den Behörden: „Den Frauen wird erzählt, sie kämen direkt ins Gefängnis, da sie sich illegal in Deutschland aufhielten“, sagt Kalthegener. Andere Zuhälter behaupten, sie steckten mit der Polizei unter einer Decke - was viele Frauen aufgrund ihres Erfahrungshorizonts aus den Heimatländern auch glauben.
Fachberatungsstellen wie die „Mitternachtsmission“ versuchen, den Frauen, die oft jahrelang auf ihren Prozeß warten, eine Ausbildungsstelle oder zumindest Deutschunterricht zu vermitteln. Die verbleibende Zeit in Deutschland soll nicht ungenutzt verstreichen. Die Frauen sollen mit besseren Voraussetzungen in ihr Heimatland zurückkehren, als sie es verlassen haben. Sonst ist die Gefahr groß, daß sie mangels anderer Möglichkeiten wieder in die Fänge von Menschenhändlern geraten.
Obwohl die Geschichten von Opfern mittlerweile auch in Osteuropa bekannt sind und Fachberatungsstellen dort versuchen, junge Frauen mit Fernsehspots und Flugblättern über die Gefahren in den vermeintlichen Traumländern aufzuklären, machen sich immer noch viele Frauen auf die Reise in eine ungewisse Zukunft in Westeuropa. Solange die Verlockung größer ist als die Furcht, verlassen sich viele Frauen darauf, daß es „schon nicht so schlimm“ werde. Kalthegener hat es in Weißrußland erlebt: „In den Beratungsstellen werden den Frauen Videos gezeigt, in denen die schlimmsten Fälle geschildert werden. Aber am Ende erinnern sich die Frauen nur noch daran, daß in Deutschland die Häuser sauber verputzt sind und bunte Tulpen in den Vorgärten stehen.“
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat nun angekündigt, das Ausländerrecht zu verschärfen, um Zwangsehen, Prostitution und Menschenhandel zu erschweren. Der Gesetzentwurf zum Ausländerrecht sieht unter anderem vor, daß Ehepartner beim Familiennachzug erst vom 21. Lebensjahr an eine Aufenthaltserlaubnis erhalten sollen, um so junge Ausländer vor Zwangsehen zu schützen. Auch soll jeder Ausländer „auf Verlangen“ ein digitales Foto vorlegen, das im Ausländerzentralregister gespeichert werden soll. Kritik an Schäubles Vorstoß kam von den Oppositionsparteien im Bundestag. Die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, sagte, es sei falsch, wichtige Fragen wie die Bekämpfung von Zwangsehen und Prostitution als Vorwand zur Verschärfung des Zuwanderungsgesetzes zu mißbrauchen. Petra Pau von der Linkspartei sagte, eine weitere Verschärfung des Zuwanderungsrechts sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.