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„Medea“ im Schauspiel Frankfurt Der Vorsprung einer Schmerzensfrau

Die Urwucht der Tragödie, ungeheuer oben: Constanze Becker spielt, Michael Thalheimer inszeniert die „Medea“ des Euripides im Schauspiel Frankfurt - sie treffen das alte Stück grandios ins dunkle Herz.

© Birgit Hupfeld Vergrößern So schön kann Schrecken sein: Constanze Becker als Medea in der grandiosen Frankfurter Inszenierung

Der Dramatiker Euripides genehmigt am Ende der Frau, die mehr Tote auf dem Gewissen hat (mehr als ein halbes Dutzend), als je ein Höllendrache verspeisen könnte: ein Himmelsgefährt. Eine Erhöhung. Medea erscheint auf einem von Drachen gezogenen Zauberwagen über dem Dach des Hauses von Jason, die Leichen seiner und ihrer beider Kinder im Arm, die sie zuvor erstochen hatte. Die Drachen hat Medeas Großvater, der Sonnengott Helios, geschickt. Drachengezogen und blutbesudelt geht’s nun ab ins Mythische, in den ewigen Nachruhm beispiellosen Horrors.

Gerhard Stadelmaier Folgen:  

Der Regisseur Michael Thalheimer hat im Schauspiel Frankfurt die Drachen gestrichen. Und die Kinder auch - die man nicht sieht; es ist nur die schaurige Rede von ihnen. Dafür hat er die Erhöhung der Medea, der unbegreiflichsten dramatischen Frau überhaupt, nicht erst an den Schluss gestellt - sondern von Anfang an durchgesetzt. Seine Medea ist gleich zu Beginn ungeheuer oben. Und unendlich fern. Und fremd. Man sieht sie kaum. Man hört sie nur. Im zur Gänze aufgerissenen und völlig leeren, trostlos schwarzgruftigen Bühnengehäus kauert sie an der Rückwand, weit hinten, auf einem in halber Höhe angebrachten Vorsprung, der die dunkle, rauhe Wand entlangläuft.

Man schaut wie durch ein umgedrehtes Fernglas auf ein kleines Bündel Frau im schmalen Lichtkegel. Sie trägt eine Art Trenchcoat überm Unterkleid, offenbar von Tränen völlig durchnässt, die Haare wirr und schweißgetränkt, das Gesicht blut- und schminkeverschmiert. Sie ist dort oben in ihrer Schmerzenserhöhung ganz Schrei, ganz Wehklage, ganz Seelenpeingeheul. Man hört ihre wie aus frisch zerfetzten und aufgerissenen Wundabgründen hervorbrechenden Verzweiflungslaute. So weit weg sie sind - so nahe gehen sie einem.

Im fremden, fernen, unbegreiflichen Schrecken stehengelassen

Medea, Königstochter aus Kolchis, vertraut mit Zauber- und Gifttränken, hat ihren Vater und ihren Bruder umgebracht, damit Jason, dem Fremdling, der nach Kolchis kam, um das von einem Drachen bewachte Goldene Vlies zu rauben, der Raub gelinge; sie hat sich bis zur Besinnungslosigkeit in Jason verliebt, ist mit ihm geflohen, hat ihm geholfen, einen heimtückischen Onkel samt etlicher Verwandter zu entleiben, und ist jetzt in Korinth gelandet. In der Fremde. In der weder sie noch Jason zu Hause sind und kein Bleiberecht haben. Damit das sich ändert, geht Jason, der Politische, Opportunistische, Vorteilsschlaue, Gefühlsfreie, eine Ehe mit Kreusa, der Tochter des Korintherkönigs Kreon, ein. Er verlässt Medea, die Unpolitische, ganz aus Gefühl Bestehende. König Kreon verbannt die Ex seines Schwiegersohns samt ihrer Kinder.

19327366 © Birgit Hupfeld Vergrößern Nicht Opfer, nicht Objekt, einfach ein ungeheures, unbegreifbares Subjekt: Medea (Becker) hat am Ende den Schrecken hinter sich, das Schrecklichste aber noch vor sich

Medea wird zur Rechtlosen, Verstoßenen. Und rächt sich bitter mit böser List. Schickt der Neuen ihres Ex ein giftgetränktes Negligé und ein noch giftgetränkteres Diadem. Als Kreusa beides eitel anprobiert, zerfressen die giftfeuerfangenden tückischen Geschenke ihr Kopf und Körper und den Leib ihres Vaters, der sich über sie wirft, gleich mit. Euripides lässt einen Boten berichten, wie das „Feuer das Fleisch von den Knochen löste“. Und um Jason völlig zu vernichten, tötet Medea ihre gemeinsamen Kinder.

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Was Euripides, der schonungsloseste und skeptischste der großen griechischen Tragiker, 431 vor Christus in Zeiten der Krise und des Krieges den Athener Angstbürgern als Umwertung aller Werte in Verrat, Treuebruch, Kinder- und Eheschändung und menschenunmöglicher mörderischer Tollheit szenisch zumutete (und prompt durchfiel), das lässt Michael Thalheimer, der Kerne- und Urwuchtsucher unter den Regisseuren, im ganzen fremden, fernen, unbegreiflichen Schrecken grandios stehen und wirken. Es gibt hier kein flottes Mundgerechtmachen, Einspeicheln und Herrichten, wie das im Frankfurter Hause in jüngster Zeit modisch epidemisch eingerissen ist. Thalheimer knüpft mit seiner „Medea“ fast nahtlos an den „Ödipus“ an, der hier vor drei Jahren der neuen Direktion Reese einen furios einsamen Beginn verschaffte.

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