http://www.faz.net/-gpc-6yve4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.04.2012, 14:13 Uhr

Mali Islamisten und Tuareg kesseln Timbuktu ein

Im Norden Malis haben Aufständische Timbuktu angegriffen. Timbuktu ist einer der letzten Orte im Norden, die noch von Regierungstruppen kontrolliert werden. Die Ecowas versetzte eine 2000 Soldaten umfassende Eingreiftruppe in Alarmbereitschaft.

von , Johannesburg
© dpa Vor dem Sturm: Tuareg-Kämpfer nahe der Stadt Kidal am 21. Oktober 2011

Im westafrikanischen Mali sind rund zehn Tage nach dem Militärputsch gegen Präsident Amadou Toumani Touré Tuareg-Rebellen und Islamisten auf dem Vormarsch. Trotz verschiedener Appelle der Putschisten, einem Waffenstillstand zuzustimmen, hat die Tuareg-Rebellengruppe „Nationalen Bewegung für die Befreiung von Azawad“ (MNLA) ihre Angriffe in Norden Malis verstärkt und zusammen mit den Islamisten einer Gruppe namens „Ançar Dine“ (Verteidiger des Islam) nach der Stadt Kidal, die am Donnerstag erobert worden war, am Samstag auch Gao eingenommen. Gao ist der Sitz des Oberkommandos der malischen Streitkräfte für die gesamte Nordregion. Am Sonntag waren die Tuareg und die Islamisten auf dem Vormarsch auf Timbuktu, der letzten von der malischen Armee gehaltenen Stadt im Norden.

Thomas Scheen Folgen:

Am Nachmittag wurde gemeldet, Timbuktu sei eingekesselt und der Stützpunkt der Armee liege unter schwerem Feuer. Augenzeugen berichteten dieser Zeitung telefonisch aus Timbuktu, die regulären Soldaten seien geflohen. Von den der Junta ergebenen arabischen Milizen der Bérabish, die Timbuktu verteidigen sollen, sei auch nichts mehr zu sehen. Der Führer der Putschisten, Hauptmann Amadou Sanogo, kündigte angesichts der dramatischen Entwicklungen am Sonntag an, die Verfassung sowie alle Institutionen wiedereinzusetzen. Ein konkretes Datum nannte er aber nicht.

Mit dem Fall Timbuktus droht eine Zweiteilung Malis. Die MNLA gibt vor, für ein „freies“ Azawad zu kämpfen. Diese Region umfasst das Dreieck zwischen Timbuktu und Gao im Süden, der Grenze Nigers im Osten, der Algeriens im Norden und der Mauretaniens im Westen. Die Rolle von Ançar Dine ist weniger klar. Mutmaßlich aber steht diese Gruppe unter der Kontrolle von „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim). Die Dschihadisten haben im Norden Malis ihre Rückzugsgebiete und arbeiten seit geraumer Zeit punktuell mit verschiedenen Tuareg-Sippen zusammen, unter anderem beim Transport von südamerikanischem Kokain durch die Sahara. Der Putsch gegen Touré am 22. Februar war mit dessen lascher Haltung gegenüber dem islamischen Terror im Norden begründet worden.

Seit dem Putsch aber scheint der Widerstand der malischen Armee komplett zusammengebrochen zu sein. Viele Generäle waren von den Putschisten festgesetzt worden. Andere wollen sich nicht mit dem Umsturz gemein machen und haben aus Protest ihre Posten verlassen.

Infografik / Karte / Tuaregs stoppen ihren Vormarsch in Mali © F.A.Z. Vergrößern Tuaregs stoppen ihren Vormarsch in Mali

Die Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion (Ecowas) hat eigenen Angaben zufolge eine 2000 Soldaten umfassende schnelle Eingreiftruppe in Alarmbereitschaft gesetzt. „Wir werden alles tun, um die territoriale Integrität Malis zu verteidigen“, sagte der ivorische Präsident Alassane Ouattara, der gegenwärtig den Vorsitz der Ecowas innehat. Obwohl die Junta in den vergangenen Tagen mehrfach um ausländische Militärhilfe gebeten hatte, war am Sonntag noch unklar, ob die Putschisten einer Entsendung ausländischer Truppen bereits zugestimmt haben. Diese westafrikanische Eingreiftruppe mit Nigeria als größtem Truppensteller ist allerdings für den Lufttransport auf französische beziehungsweise amerikanische Militärflugzeuge angewiesen. Insbesondere die Präsenz französischer Soldaten ist in Mali indes nicht gerne gesehen. Frankreich unterhält in Abidjan im Nachbarland Elfenbeinküste einen Militärstützpunkt mir knapp tausend Soldaten. Hinzu kommt eine Staffel Kampfflugzeuge in Tschad.

Gespräche in Burkina Faso

Die Ankündigung von Putschführer Sanogo, die Verfassung wiedereinzusetzen, muss als Kapitulation der Militärs gewertet werden. Nachdem Ecowas am vergangenen Donnerstag mit der Schließung aller Landgrenzen nach Mali gedroht hatte, sollte die verfassungsmäßige Ordnung nicht wiederhergestellt werden, war am Samstag eine Delegation der Militärjunta zu Verhandlungen mit dem burkinischen Präsidenten Blaise Compaoré nach Ouagadougou gereist. Dabei hatten die Malier abermals betont, die Macht „so schnell wie möglich“ an eine zivile Regierung zurückgeben zu wollen. Nach Worten des burkinischen Außenministers Djibrill Bassolé wäre den Forderungen der Ecowas schon Genüge getan, wenn die Putschisten bis zu Neuwahlen den malischen Parlamentspräsidenten Dioncounda Traoré als Interimspräsidenten einsetzen würden. Ursprünglich sollten am 29. April Wahlen in Mali abgehalten werden.

Die großen Geländegewinne der Tuareg-Rebellen und der Islamisten sind indes nicht nur der unorganisierten malischen Armee, sondern vor allem der ungewöhnlich umfangreichen Bewaffnung der Rebellen geschuldet. Der harte Kern dieser Rebellengruppe setzt sich aus Söldnern zusammen, die einst in der regulären libyschen Armee Dienst versahen. Ihr Anführer, Mohamed Ag Najem, bekleidete den Rang eines Obersts. Nach Gaddafis Tod setzte sich diese Tuareg unter Mitnahme beeindruckender Waffenarsenale bis hin zu Kampfpanzern, die aus dem Militärstützpunkt von Bani Walid in Libyen stammen, in ihr Herkunftsland Mali ab, wo sie mit den Terroristen von Aqim eine taktische Zusammenarbeit vereinbarten. Mehr als 200.000 Menschen sind inzwischen vor den Kämpfen geflohen. Über die Zahl der Todesopfer liegen keine verlässlichen Angaben vor, weil das umkämpfte Gebiet nicht mehr zugänglich ist. Insbesondere Ançar Dine verweigert internationalen Hilfsorganisationen jeden Zugang zu den von der Gruppe kontrollierten Regionen, in denen die Scharia eingeführt werden soll. Dem Norden Malis drohen Zustände wie in Stammesgebieten Wasiristans, die Rückzugsorte radikaler Islamisten sind.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Deutsche Sicherheitspolitik Wann raffen wir uns endlich auf?

Nur das tun, was gerade nötig ist. Und bloß keine Kampfeinsätze. Die Friedensliebe unseres Staates bringt uns überallhin. Nur nicht in eine sichere Zukunft. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Wolf Poulet

20.05.2016, 10:08 Uhr | Politik
Amadou Diallo Vom Senegal in eine deutsche Führungsetage

Aufgewachsen als Kind armer Eltern im Senegal und heute CEO vom Großkonzern DHL Fracht: Amadou Diallo ist einer der wenigen afrikanischen Chefs in deutschen Großkonzernen. Ihn stört, dass viele Afrikaner hierzulande nur Taxi fahren oder putzen und fordert mehr Respekt gegenüber Immigranten ein. Mehr

14.05.2016, 11:55 Uhr | Wirtschaft
Kampf gegen IS Syrische Rebellen nähern sich Raqqa

Im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz IS in Syrien melden die Syrischen Demokratischen Kräfte erste Erfolge. Die Dominanz der Kurden in den Streitkräften könnten den Islamisten aber Kämpfer zutreiben. Mehr Von Christoph Ehrhardt, Beirut

27.05.2016, 09:02 Uhr | Politik
Nach heftigen Regenfällen Verheerende Überschwemmungen in Sri Lanka

Die Lage in den Überschwemmungsgebieten auf Sri Lanka bleibt angespannt. Auch am Freitag stiegen die Pegel weiter an. Tausende Menschen in der Hauptstadt Colombo sind von den Wassermassen eingeschlossen. Soldaten versuchen sie mit Schlauchbooten und aus der Luft zu retten. Tagelanger starker Monsunregen hatte den Fluss Kalani über die Ufer treten lassen. Mehr

22.05.2016, 11:49 Uhr | Gesellschaft
Kampf gegen den Terror Pentagon verbietet Soldaten kurdische Abzeichen

Um den Zwist mit der Türkei nicht noch weiter anzuheizen, hat Amerika seinen Soldaten das Tragen kurdischer Abzeichen untersagt. Zuvor hatten Fotos die Türken erzürnt. Die Offensiven gegen den IS gehen unterdessen weiter – und gefährden hunderttausende Zivilisten. Mehr

28.05.2016, 07:40 Uhr | Politik

Not-Millionen für die Milchbauern

Von Jan Grossarth

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt verspricht den Milchbauern hundert Millionen Euro „plus x“, weil die unter dem niedrigen Milchpreis leiden. Das wird den Bauern aber nicht viel helfen. Mehr 4 6

Super Constellation Connies Neuer ist flügge

Die Super Constellation absolviert letzte Trainingsflüge vor Saisonbeginn. An Bord des Oldtimers: ein neuer Pilot. Der muss eine spezielle Prüfung bestehen. Mehr Von Jürgen Schelling 3 27

Das Beste aus dem Netz Dinge, die uns niemand sagt

Die wichtigsten Dinge bringt uns nur das Leben selbst bei – das zeigt Alex Noriega mit seinen zum Nachdenken anregenden Illustrationen. Mehr 4

Aktivkohle in Getränken Die Kohle hat es in sich

Aktivkohle ist die neue Trend-Zutat in Kosmetikprodukten und Getränken, soll sie doch den Körper entgiften. Aber was ist am Heilversprechen dran? Mehr Von Madeline Dangmann 0

Kolumne „Nine to five“ Kampfradeln für Pendler

Die Hölle, das sind die anderen, wusste schon Sartre. Für alle, die mit dem Rad ins Büro pendeln, sind die anderen aber vor allem die Hundehalter. Das kann aber auch Vorteile haben. Mehr Von Eva Heidenfelder 1 12