Mainzer Dom, Mainzer Altstadt, Gutenberg und Mainz, Mainzelmännchen, Mainzer Fastnacht - nein, Määnzer Fassenacht, so heißt das. Määnz: schon der mundartliche Name klingt kurios. Er geht störrisch von der Zunge und klingt doch wie ein besitzanzeigendes Fürwort, das etwas zu heftig ans Herz gedrückt wurde. Ja, die Mainzer haben ein inniges Verhältnis zu ihrer Stadt, und es ist kein Zufall, dass der Autoaufkleber „Mainz ist meins“ das ganze Jahr über im Schwange ist und überhaupt nichts mit irgendeinem Fest oder gar einer Partei zu tun hat.
Dabei ist Mainz eine Alltagsfrau. Es lebt sich mit ihr recht problemlos. Sie ist nicht gerade aufregend, aber auch nicht besonders anstrengend. Sie fordert nicht andauernd heraus, sie will nicht ständig wissen, dass sie die Schönste und Begehrenswerteste ist und wie sehr man sie liebt. Das ist ihr nicht so wichtig, da macht sie nicht so große Worte, sie bleibt ziemlich selbstbewusst. Vielleicht spürt sie sogar, was man auch selbst ein bisschen zu wissen glaubt: Irgendwie fühle ich mich ganz wohl bei ihr.
Lokalpatriotismus als Lebenselixier
Drüben auf der anderen Rheinseite klingt das ganz anders. Wiesbaden, Wies-ba-den. Das tönt wie eine Dreiklanghupe und scheint andauernd zu rufen: Weißt du überhaupt, wen du vor dir hast? Schon die deutschen Kaiser und russischen Zaren haben mich besucht, mich, Kurstadt, Flaniermeile, Park- und Promenadendomizil. Mit mehr als zwanzig Thermalquellen habe ich den Geld- und den echten Adel Europas aufgepäppelt. Vergiss, wo du herkommst (vor allem, wenn du von der anderen Rheinseite stammst), und lass bloß nicht den schönen Respekt beiseite. Lokalpatriotismus ist den Wiesbadenern ein Fremdwort - den Mainzern ist es ein Lebenselixier, und der echte Mainzer fragt gelangweilt den Nachbarn von der andern Rheinseite, wo Wiesbaden sich eigentlich herumsuhlte, als Mainz schon das nach Wien bedeutendste Zentrum des Römischen Reiches Deutscher Nation war.
Was ihn nicht daran hindert, bei Gelegenheit auch etwas Spott über den Nachbarn auszugießen. Selbst ein schlechtgelaunter Mainzer, heißt es dann, kommt den essiggurkenhaften Wiesbadenern noch wie ein vergnügter Irrwisch vor. Stoßseufzend und mit dem Finger über den Fluss deutend wird mitgeteilt: Aus einer Seniorenresidenz kann mer keine Jugendherberge machen, auch wenn mer die Gesichter noch so liftet.
Frieden schließen mit seltsamen Blechstangen
Mainz gibt sich bei allem Patriotismus bescheiden und genügsam, und so ist es auch. Wo Wiesbaden seine eher schmalbrüstige Vergangenheit an jeder Ecke prächtig ausstellt, da gibt sich Mainz eher tumb und unbeholfen. Man bindet die beachtliche Tradition nicht jedem auf die Nase, und wo man es doch tut, da wirkt es eher komisch.
Der Domplatz ist ein Beispiel dafür. Sehr hübsch, sagen die Besucher und ste-hen irritiert vor der wie ein Zeigefinger auf Höheres deutenden Säule, von der ihr Blick dann auf den grell bemalten Brunnen fällt und von dort auf die im Quadrat angeordneten Blechstangen, zwischen denen man im Winter Slalom laufen kann, im Sommer jedoch internationales Flair herrscht, mit Flaggen aus vielen Ländern an den Blechmasten. Und es soll schon vorgekommen sein, dass mancher Mainzer davorstand und ehrfürchtig murmelte: „unser Kommunikationszentrum“. Die Anwohner haben schon lange ihren Frieden mit den Slalomstangen geschlossen. An schönen Tagen sitzen sie in deren Nähe am Springbrunnen und lassen der Welt augenzwinkernd, wegen der Sonne, ihren Lauf. Dennoch sind sie nicht unbeeindruckbar. Einer in Tüll gehüllten Dame mit Federboa und zwei gescheckten Windhunden an der Leine würden sie allemal nachstaunen.
Permanenter Frohsinn seit dem Mittelalter
Mainz ist Landeshauptstadt, natürlich, und sie ist Stadt des Zweiten Deutschen Fernsehens, die Mainzelmännchen-Metropole, aber vor allem ist sie die Stadt in Deutschland, die singt und lacht. Stellt sich heraus, irgendwo, in Aachen oder Aschaffenburg, in Zweibrücken oder Zwiesel, dass man aus Mainz kommt - sofort ist der Urlaubsspaß vorbei. Ein schunkelseliger Blick folgt, ein unternehmungslustiges Einhaken, und schon ist zur falschen Jahreszeit die Fastnacht ausgebrochen. Wanderer, kommst du aus Mainz, vergiss nicht, dir falsche Nummernschilder mitzunehmen! Der Nicht-Mainzer scheint sich den typischen Mainzer als eine Kreuzung zwischen Gonsbachlerche und Funkenmariechen vorzustellen. Einmal im Jahr steigt er in die Bütt, er singt gern und trinkt gern und lacht gern und ist natürlich furchtbar gern närrisch, und am liebsten feiert er Feste, es gibt ja nicht wenige in der Stadt, vom Johannisfest über den Mainzer Weinmarkt bis zur Fassenacht, von den Stadtteilfesten ganz abgesehen.
Jahrein, jahraus poliert Mainz an seinem fidelen Ansehen herum. Kurz vor der Fastnachtszeit, etwa vom Frühsommer des Vorjahres an, verlässt kein Brief, keine Drucksache, kein Päckchen und nicht der klitzekleinste Kartengruß das Hoheitsgebiet der Kampagne ohne den Stempelaufdruck „Mainz - Stadt der Lebensfreude“. Doch schon die deutschen Kaiser amüsierten sich zu gern in Moguntia. Allein sieben Krönungen fanden während der Jahre 1000 und 1250 im Dom statt, und Friedrich Barbarossa wählte wie selbstverständlich die Stadt an Rhein und Main, um im Mai 1184 das größte Fest des Mittelalters zu feiern. Da muss es hoch hergegangen sein, eine Sause ohnegleichen, leer wurden die Weinkrüge nie, die Spieße mit den Ochsen und Schweinen drehten sich Tag und Nacht, und der Frohsinn und das Gelächter nahmen kein Ende.
Lang lebe der ewige Jockel!
Sehr viel anders ist es in unserer Zeit nicht. In Mainz wird sich halt gefreut, und der Oberbürgermeister genießt durch die Fassenacht eine Popularität wie sonst kaum einer. Wenn er vom Elferrat (bekanntlich der Vorläufer unseres ganzen parlamentarischen Systems) bei der närrischen Traditionssitzung begrüßt wird, schaut ganz Deutschland vor dem Fernsehen zu. Der legendäre, im Jahr 2002 verstorbene Jockel Fuchs ist schon lange nicht mehr OB - doch in Mainz hat man es kaum bemerkt, und für die Welt draußen ist nach wie vor „de Jockel“ das unverwüstliche Denkmal fürs Määnzerische schlechthin, ja „Jockel“ ist ein Synonym für Volkstümlichkeit, und dass es Politiker zur Fastnachtszeit nach Mainz ins Kurfürstliche Schloss zieht, ist leicht zu erklären: sie wollen alle jockeliger werden.
Es dauerte freilich eine Reihe von Jahren, bis man sich endgültig in Mainz auf den Namen Fassenacht geeinigt hatte. Zunächst galt er für alle närrischen Aktivitäten. Noch länger brauchte man, bis der „Rosenmontagszug“ als Markenname feststand. Ende des 19. Jahrhunderts noch hieß er der „rosenrothe Montag“, aber schließlich setzte sich der Rosenmontag durch. der heute wie selbstverständlich zum deutschen Sprachschatz gehört.
Ein Hohefest der Spaßgesellschaft
Etliche Fastnachts-Gelehrte (die es in Mainz zuhauf gibt) sehen den Ursprung des Rosenmontagszuges im Spätmittelalter. Auch da hätten bereits Umzüge stattgefunden. Doch Rosen sind damals wie heute nicht gestreut worden. Das Wort leitet sich vom niederdeutschen „rosen“ ab, hochdeutsch „rasen“. Man feierte den rasenden Montag, der Aschermittwoch kam schon in Sicht, und von da an hieß es: Carne vale (Fleisch, leb wohl).
Aber vor der Fastenzeit galt es, noch einmal zuzulangen. Entlang des Zuges verteilten Metzger und Bäcker Fleischwurst und Brötchen und etablierten auf diese Art das Mainzer Nationalgericht: Weck, Worscht und Woi, wobei man den Wein selbst mitbrachte. Schon beim allerersten Zug 1838 waren über hundert Fahrzeuge unterwegs. Im Mittelpunkt standen die Ranzengarde und die Tambours, nicht anders als heute. Und schon früh war ein Element unübersehbar, das in unserer Zeit dominierend wurde: die Motivwagen. Der ganze Zug sollte ja vor allem dem Unterhaltungsbedürfnis der Zuschauer dienen. Die Leute wollten ihren Spaß haben, auch wenn die Spaßgesellschaft noch nicht erfunden war. Viele Wagen waren wie Bühnenbilder dekoriert, und auf größeren Plätzen sprang man herab und bot dem geneigten Publikum theatralische Einlagen dar.
Mainz hat immer Zeit zum Träumen
Auch heute noch passt alles zusammen in Mainz. Auf dem Schillerplatz inmitten der Stadt kann man sowohl den edlen Friedrich, unseren teuren Schiller, bewundern als auch den bronzenen Bajazz in Tanzpose bestaunen, und der Fastnachtsbrunnen bietet den Stadthunden eine Tränke. Das alles gehört zum Leben in Mainz wie auch die Elferräte und Narrenzeitungen, die politische Missstände keck aufs Korn nehmen. Und warum eigentlich ist die Elf die Narrenzahl schlechthin? Die Mainzer wollten damit die Franzosen karikieren, denen ihre Revolution heilig war. Auf jeder französischen Münze standen ehemals die Vokabeln egalité, liberté, fraternité. Abgekürzt e.l.f. Daraus entwickelte sich der Elferrat der Fastnachtsvereine. Nicht nur Parodie, sondern auch Bewunderung drückte sich darin aus.
In Mainz wirkt die Vergangenheit. Das heißt ja schon etwas in unseren Zeiten. In Frankfurt zum Beispiel fassen sich die Leute grübelnd an die Stirn, wenn von Vergangenheit die Rede ist, in Wiesbaden ist sie als Dauerparfüm in der Luft, in Darmstadt passt sogar einer auf, dass sie nicht spurlos verschwindet, das ist der Lange Ludwig auf dem Luisenplatz. Vielleicht kann man sogar sagen: Je moderner die Stadt sich gibt, desto modriger ist ihr Atem. Wo Frankfurt erfüllt ist vom Hasten und Rennen und Geschäftemachen, vom ziellosen Durcheinander im Rhythmus des Egoismus, da nimmt sich Mainz auch immer die Zeit zum Träumen. Hier stocke ich schon, denn richtiger ist es wohl zu sagen: zum Dösen.
Liberal bis zum lustigen Ende
Die Schriftstellerin Anna Seghers, die in Mainz aufwuchs, wurde schnell noch vor ihrem Tod zur Ehrenbürgerin gekürt. Vierzig Jahre lang hatte die Stadt am Rhein nichts von sich hören lassen - ja, ja, da gab es eine Kommunistin in Ost-Berlin, weit weg und fern der Heimat -, doch auf einmal fand jemand heraus, dass diese Frau auch den wunderbaren Roman „Das siebte Kreuz“ geschrieben hatte. Der spielt doch hier in der Gegend. Nix wie los und die Autorin auf die Schultern gehoben. Ihre Geburtsstadt ehrte sich gern selbst, indem sie sich mit ihr schmückte. Der örtliche Anzeiger hat das Ereignis eifrig gelobt und nichts dabei gefunden, dass er einige Jahre zuvor, als es um Anna Seghers’ Ehrenbürgerschaft der Universität ging, die entgegengesetzte Meinung genauso heftig vertreten hatte. Wenn es um den Fortschritt geht, ist man sich in Mainz für nichts zu schade. Hauptsache, es geht voran, die Richtung ist egal.
In Mainz heißt das: Wir sind alle liberal, gell! Und außerdem, das klingt eben-so gut, tolerant. Liberalität und Toleranz, das schreibt sich der Mainzer gern auf die Fahne. Und auf eine Provokation reagiert er in Loriotscher Manier: Nehmen Sie das eventuell zurück? - Nein! - Dann ist der Fall für mich erledigt.
Der Mensch ist eben irre
Wer die Stadt zur Fastnachtszeit besucht oder hier gar länger bleiben will, sollte sich wappnen. Das Dösige besitzt ein einnehmendes Wesen. Nach einigen Stunden ist man, in einer Weinstube sitzend, von einer nicht unangenehmen Schläfrigkeit befallen, nach einigen Tagen scheint die Döserei das schönste Tun auf Erden, nach einigen Wochen gluckst man glücklich im Tiefschlaf und wundert sich beim seltenen Erwachen bloß, wie es draußen in der Welt doch zugeht. Hier wäre nun, wider alle Logik, zu behaupten: Die Vergangenheit wirkt in Mainz, ohne dass man es auch nur merkt. Es ist alles Vergangenheit, und auf einmal ist die Zukunft auch schon vorbei. Rafft der Quartalsschläfer sich jedoch einmal auf und geht vor die Tore der Stadt, so stellt er augenreibend fest: Überall brennt’s ja! Und kehrt gemächlich wieder zurück in seine Traum-Stadt Mainz.
Doch das alles sind nur vorläufige Erkenntnisse. Die Mainzer sind im Grunde ein viel zu wenig erforschtes Völkchen. So wie es einen Homo heidelbergensis gibt, so gibt es auch einen Homo moguntiensis. Sammler und Liebhaber menschlicher Gestalten, Physiognomien und Seelenlandschaften werden diesen Typus mit Inbrunst studieren, für den Anthropologen tut sich ein unüberschaubares Feld auf, der Ethnologe wird fündig und der Sprachwissenschaftler entzückt sein. Mit großer Sicherheit werden spätere Generationen eifrig den Typus des „Määnzer Schlippchens“ erforschen. In der Stadt selbst allerdings werden sie dabei unbeachtet bleiben. Und auf dem Postamt erklärt ein älterer Gonsenheimer mit einem lateinischen Wort die Lage, indem er das berühmte „Errare humanum est“ seinen Zuhörern frei übersetzt mit den Worten: „Der Mensch ist irre“ - womit er eine Mainzer Weisheit gelassen ausgesprochen hat.
Eine liebenswerte Stadt
Harald Sulzmann (hsulzmann)
- 12.02.2013, 17:06 Uhr
Helau & Alaaf
Boris Wedel (belein)
- 11.02.2013, 08:40 Uhr
Solch eine Mainzer Selbstverliebtheit "Wir sind liberal" haben
Franken nicht nötig. Das ist mir
Fritz Garbor (Staffelberg2)
- 09.02.2013, 00:25 Uhr
