20.12.2001 · In Madagaskar gibt es Flecken, die liegen hinter dem Ende der Welt. Die Reise dorthin jedoch ist magisch und führt durch staunenswerte Landschaften und Szenarien in eine Welt, die anders tickt.
Von Jule ReinerAmbohitsara ist eines jener Dörfer, die nicht am Ende der Welt liegen, sondern man muss dorthin - wie es in einer Reportage zu lesen war - durch das Ende der Welt hindurch reisen. Von der Hauptstadt Antananarivo mit ihrem Meer aus kleinen Holzhäusern, die über sieben Hügel und zwischen Reisterrassen in einem endlosen Gewirr verteilt sind, nimmt ein kleines Propellerflugzeug Kurs über das zentrale Hochland. Wollig grünes Dickicht hat sich über die Millionen Jahre alten Falten der Berge geschlungen. Braune Flussmäander durchziehen die Knicke der Falten. So urgewaltig und einsam ist die Landschaft, dass es scheint, kein Mensch könne es mit ihr aufnehmen.
Erst wenn das Flugzeug zur Landung im östlichen Küstenort Mananjáry ansetzt, öffnet sich der Blick vor der Weite des Indischen Ozeans auf kultiviertes Bauernland. Rikschafahrer traben über die einzige, zerlöcherte Asphaltstraße, die das Städtchen durchschneidet. Mandeläugige, schlanke Schönheiten mit schwarzafrikanischem Teint schlendern über einen staubigen Marktflecken. Die asiatischen und afrikanischen Wurzeln ihrer Vorfahren stehen ihnen ins Gesicht geschrieben.
Vier Stunden in die Vergangenheit
Von hier verläuft parallel zur Küste ein insgesamt 650 Kilometer langer Flusskanal. Ein altes Holzboot, das mit einem Außenbordmotor prahlen kann, dient ab jetzt den Reisenden als Fähre durchs Ende der Welt. Die Bootsbesitzerin Irmgard Manambelona stammt aus Deutschland und hat sich vor 30 Jahren mit einem Mann aus Ambohitsara verheiratet. Sie öffnet kleinen Reisegruppen den Weg ins Dorf ihres Mannes und bringt damit bescheidenen Wohlstand in diese abgelegene Welt.
Die vier Stunden Fahrt auf dem Kanal führen weit weg von jeglicher Spur des kolonialisierten Madagaskar. Gewaltige Uferstauden, die Elefantenohr genannt werden, begleiten die Reise. An kleinen Stränden winken Wäscherinnen, jauchzen badende Kinder in glänzender brauner Nacktheit. Archaische Einbäume, überladen mit riesigen Kanistern voll Zuckerrohrmost, mit Bastpflanzen, Bananenstauden oder Brennholz, werden lautlos zu Marktorten gepaddelt. Mit Zeitlupenbewegungen waten Speerfischer im seichten Uferwasser. Auslegerboote mit primitiven Lateinersegeln treiben elegisch unter der Sonne, als hätten sie kein Ziel. Bilder wie aus ethnologischen Studien.
Stillstand der Zeit
Der Flusskanal ist eine natürliche Verkehrsader, auf dem die paar Knoten Geschwindigkeit des altersschwachen Bootes und seine sanfte Bugwelle schon das Gleichgewicht stören. Und bei der Ankunft in Ambohitsara sind auch die "Vazaha" - wie Fremde genannt werden - über die grün-blauen Ewigkeit des Kanals in einen angenehmen Stillstand der Zeit geraten.
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