26.11.2004 · Wortfindungen blitzen auf wie exotische Insekten: Brigitte Oleschinski, Jan Wagner und Marion Poschmann beweisen, daß das Gedicht die kürzeste Gattung der Erzählkunst ist.
Wie Zauberformeln kommen viele der neuen Gedichte von Brigitte Oleschinski daher, es sind oft nur kurze, wie abgerissen wirkende Satzfragmente: „die Wespen- / gespenster in ihren Erdnestern / knistern / auch“. In lyrisch verdichteten Notizen von ihren Reisen unter anderem nach Indonesien blitzen immer wieder überraschende Wortfindungen auf wie exotische Insekten. In den Vertonungen auf der beigelegten CD findet diese Sprachmusik ihre konsequente Umsetzung. Jan Wagner dagegen bedient sich in seinem zweiten Gedichtband noch konsequenter als früher traditioneller lyrischer Spielformen wie der Vilanelle, der Sestine oder dem Sonett, ohne das Handwerk zum Selbstzweck zu erheben. Statt lyrischem Ich läßt er Gestalten der Kulturgeschichte sprechen und erneuert so das Gedicht als kürzeste Gattung der Erzählkunst.
Auch Marion Poschmann bestätigt mit ihrem neuen Buch ihren Rang als vielleicht begabteste jüngere Poetin. Formbewußt führt sie das Naturgedicht auf die Höhe einer Zeit, in der der Biologie die letzten Geheimnisse entrissen werden: Doch wie Flora und Fauna sich Betonwüsten zurückerobern, so kann auch die Welt durch Sprache erneut zum schillernden Rätsel werden.
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