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Libyen : Gaddafis letzte Stunden

Nach der Tötung des langjährigen libyschen Machthabers Mummar Gaddafi gibt es widersprüchliche Angaben zu den genauen Umständen Bild: reuters

Es war wohl die Nato, die den gestürzten libyschen Diktator an der Flucht hinderte. Seine letzten Momente sind durch unzählige Amateurvideos dokumentiert.

          Gaddafi hatte seine Gegner verächtlich als „Ratten“ und „Ungeziefer“ beschimpft. Nun war er es, der sich in den letzten Minuten seines Lebens in einem Abwasserrohr verstecken musste. Die 42 Jahre an der Macht hatte der libysche Despot nur überleben können, weil er lange mit seinem beduinischen Instinkt Gefahren rechtzeitig erkannt hatte und sie dann mit entschiedener Brutalität bannte. Am Donnerstagmorgen habe aber Gaddafi, aus dem Betonrohr kriechend, selbst um Gnade gebettelt, berichten die Kämpfer des Übergangsrats, die dabei waren. Sie wurde ihm verweigert. Aus allen Bildern und Filmsequenzen, die vorliegen, wird deutlich, dass Gaddafi erschossen wurde, als er wehrlos war. Auf einem Wagen aufgebahrt wurde sein Leichnam in Sirte an jubelnden Menschen vorbeigefahren.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das Ende des Revolutionsführers nahte im Morgengrauen. Die Eroberung der Stadt Sirte, in der Gaddafi aufwuchs, stand unmittelbar bevor. Die Kräfte des Nationalen Übergangsrates waren nach einer wochenlangen Belagerung für den entscheidenden letzten Angriff bereit. Nach allem, was über die letzten Stunden des libyschen Diktators bekannt wurde, hatte Gaddafi den Entschluss gefasst, mit den engsten Vertrauten, die ihm verblieben waren, den Bunker, in dem sie sich verschanzt hatten, zu verlassen. Sie stellten einen Wagenkonvoi zusammen und flohen gen Westen in Richtung Misrata aus der Stadt. Einheiten des Übergangsrates nahmen die Verfolgung auf.

          Nur wenige Kilometer weit soll der Konvoi gekommen sein, als eine amerikanische Drohne ihn lokalisierte und ein Kampfflugzeug der Nato die Fahrzeuge beschoss. Ein Automobil wurde nach angaben der Allianz zerstört; Gaddafi saß nicht darin. Die Kolonne von etwa 75 Fahrzeugen, die auch eine beträchtliche Mengean Waffen und Munition transportierte wurde aufgehalten, die Fahrzeuge flohen in unterschiedliche Richtungen. Etwa 20 Fahrzeuge hätten ihre Fahrt mit großer Geschwindigkeit in südlicher Richtung fortgesetzt und seien durch einen weiteren Nato-Luftschlag getroffen worden.

          Der bereits verletzte Gaddafi flüchtete in einen kleinen Palmenhain, wo er mit Leibwächtern in ein herumliegendes Abwasserrohr schlüpfte. Gaddafis Sohn Mutassim war offenbar nicht im Konvoi des Vaters. Auch er sollte den Morgen in Sirte, wo er sich über viele Wochen mit seinem Vater versteckt hatte, nicht überleben. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP berichtete, er habe Mutassims Körper gesehen, er sei von Brandmalen übersät gewesen, die durch Zigaretten verursacht worden seien.

          Kämpfer der neuen Führung halten eine Pistole, die Gaddafi gehört haben soll

          Als die Soldaten des Übergangsrats, die früheren Rebellen, an dem Ort eintrafen, an dem sich Gaddafi versteckte, feuerten sie erst mit Flugabwehrgeschützen, die sie auf Pritschenwagen montiert hatten, auf die verdächtige Stelle. Dann näherten sie sich dem Abwasserrohr zu Fuß. Einer der Soldaten erzählte später, wie ein Leibwächter erst signalisiert habe, dass sie sich ergäben, um ihn dann aber anzuschießen. Während des Feuergefechts soll der am Kopf und Leib blutende Gaddafi aus dem Rohr gekrochen sein, mit einer Kalaschnikow in einer Hand und einer Pistole in der anderen. „Was ist los“, soll er ausgerufen haben. Die Soldaten erschossen nach eigenen Angaben alle Leibwächter, nicht aber Gaddafi. Die Zeitung „Al Sharq al Awsat“ berichtete unter Berufung auf Augenzeugen, er habe sie ungläubig angefleht: „Meine Kinder, ihr erschießt mich? Meine Söhne, ich bin doch Gaddafi, ich bin der Führer, wieso erschießen?“ In weinerlichem Ton habe er um Gnade gebeten.

          Der Despot winselt um Gnade

          Unter den zahllosen Videos, die inzwischen zur Gefangennahme Gaddafis verbreitet wurden, ist keines, das diese Szene zeigt. Die letzten Minuten des gestürzten Machthabers sind durch zahlreiche Amateurvideos von Beteiligten dokumentiert worden, die rasch ins Internet gestellt und von arabischen Nachrichtensendern ausgestrahlt wurden. So zeigt eine Aufnahme, wie die Soldaten Gaddafi auf die Kühlerhaube eines Wagens heben, in einer Art Siegesparade ein paar Meter fahren, während der blutüberströmte Despot weiter um Gnade winselt.

          Ein Soldat hält ihm als Zeichen seiner Verachtung einen Schuh entgegen. Eine weitere Sequenz zeigt, wie ein Soldat den am Boden liegenden Gaddafi an den Haaren zerrt, ein anderer tritt ihn. Der noch lebende Gaddafi wird in einen Krankenwagen gestoßen, der zu der Einheit der Soldaten gehörte. Von diesem Moment an sind die Augenzeugenberichte nicht mehr eindeutig. Eine amerikanische Fotojournalistin in Sirte sagte, es seien etwa zehn Soldaten mit Gaddafi in dem Krankenwagen gefahren und dieser sei mit einer goldfarbenen Hose bekleidet gewesen.

          Wer Gaddafi wann erschoss, ist nicht geklärt

          Mahmud Dschibril, der Ministerpräsident der neuen libyschen Führung, sagte, Gaddafi sei kurz vor dem Eintreffen im Krankenhaus in Misrata den Schussverletzungen erlegen, die er während eines Feuergefechts erlitten hatte. Das klingt unglaubwürdig. Gaddafi war ja von Soldaten begleitet worden. Im Krankenhaus selbst zeigt ein Amateurvideo, wie der blutüberströmte nackte Körper des toten Gaddafi auf dem kahlen Fußboden lag, wie er gestoßen und getreten wurde. Westliche Ärzte vertreten die Auffassung, das zwei Schusswunden auf der Stirn Gaddafis nicht aus einen Gefecht stammen können, sondern durch Schüsse verursacht wurden, aus unmittelbarer Nähe abgefeuert worden waren. Wer zu welchem Zeitpunkt Gaddafi erschossen hat, ist nicht geklärt.

          Gaddafis Getreue wurden immer weniger

          Nur wenige aus dem engeren Kreis um Gaddafi haben ihn überlebt. Die meisten seiner Getreuen sind entweder festgesetzt oder getötet worden – oder haben sich seinen Gegnern angeschlossen. Von Gaddafis acht Kindern sind mutmaßlich vier am Leben. Tochter Aisha sowie die Söhne Hannibal und Muhammad haben sich Ende August nach Algerien in Sicherheit gebracht, wo sie sich frei bewegen können. Gesichert ist der Tod von Saif al Arab (30. April in Tripolis), Chamis (29. August in Tarhuna) und dem Mutassim (20. Oktober in Sirte). Die nigerische Regierung gab bekannt, dass der Gaddafisohn und frühere Fußballspieler Saadi in das Land eingereist sei. Am 29. September schrieb ihn Interpol zur Fahndung aus.

          Ungewiss ist der Status von Saif al Islam, dessen Tod schon gemeldet wurde, von dem es aber auch am Freitagnachmittag hieß, er sei gefangengenommen worden. Gegen Saif al Islam ist ebenfalls ein internationaler Haftbefehl ausgeschrieben wie auch gegen den früheren berüchtigten Geheimdienstchef Abdullah Senussi, ein Schwager Gaddafis. Am 16. März 2011 beantragte der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs Haftbefehl gegen ihn wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Am 9. September 2011 wurde er gemeinsam mit Muammar Gaddafi und dessen Sohn Saif al Islam von Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. Zweimal war Senussis Tod gemeldet worden. Er sei am 29. August in Tarhuna zusammen mit Chamis Gaddafi getötet worden hieß es etwa, zuletzt hieß wurde sein Tod am 20. Oktober in Sirte gemeldet.

          Gaddafis Ministerpräsident in tunesischer Haft

          In einem tunesischen Gefängnis sitzt Gaddafis letzter Ministerpräsident Baghdadi al Mahmudi. Er hatte am 1. September verkündet, fortan die Rebellen zu unterstützen. Wegen unerlaubten Grenzübertritts wurde er in Tunesien festgenommen und zu sechs Monaten Haft verurteilt. Aus Protest hat er einen Hungerstreik begonnen. In Tunesien hält sich ebenfalls Shukri Ghanem auf, der von 2006 bis zu seinem Übertritt zu den Rebellen am 16. Mai 2011 Ölminister und auch im Ausland anerkannter Technokrat war. Von der tunesischen Insel Djerba setzte am 19. August Abdussalam Dschallud, der einen maßgeblichen Anteil an Gaddafis Putsch von 1969 hatte, wegen Reformforderungen aber in Ungnade fiel, nach Europa ab.

          Schon am 30. März war Mussa Kussa in Großbritannien aufgetaucht. Die Rebellen ignorierten den Wunsch des langjährigen Geheimdienstchefs (1994 bis 2009) und Außenministers (seit 2009), ihm einen Posten anzubieten. Auch der Spitzendiplomat Ali Triki, der 2009 bis 2010 Vorsitzender der Generalsversammlung der Vereinten Nationen war, wandte sich im Frühjahr von Gaddafi ab. Er setzte sich am 31. März nach Kairo ab und ist seither von der Bildfläche verschwunden. In einem libyschen Gefängnis sitzt seit dem 31. August der langjährige Vorsitzende des Allgemeinen Volkskongresses und Gaddafis letzter Außenminister, Abdul Ati al Obaidi. Er hatte sich freiwillig den Rebellen gestellt.

          Einige Technokraten aus Gaddafis Regime, die dem Reformflügel um Gaddafis Sohn Saif al Islam angehörten, stellten sich rechtzeitig auf die Seite der Rebellen. Umstritten ist unter den Gaddafi-Gegnern Abdurrahman Schalgham, der von 2000 bis 2009 Außenminister war und danach Botschafter bei den Vereinten Nationen. Der Nationale Übergangsrat ernannte ihn am 5. März zu ihrem UN-Botschafter. Auch der Wirtschaftsfachmann Mahmud Dschibril, der unter Gaddafi dem Nationalen Wirtschaftlichen Entwicklungsfonds vorstand, gilt als zu eng mit dem Regime verbunden, so dass die Kritik an dem seit März amtierenden Chef der Übergangsregierung nie abriss – auch wenn er sich früh vom Regime gelöst hatte.

          Mustafa Abd al Dschalil, der jetzige Vorsitzende des Nationalen Übergangsrates, war der erste ranghohe Vertreter des Regimes, der sich unmittelbar bei dem Beginn der Proteste von Gaddafi löste. Dschalil legte sein Amt als Justizminister nieder und wurde später in Benghasi zum Vorsitzenden des Nationalen Übergangsrats gewählt. Er hatte sich schon während seiner Amtszeit gegen Entscheidungen Gaddafis gestellt und es sogar gewagt, den Machthaber öffentlich zu kritisieren. (Her.)

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