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Lagerfelds Jugendjahre „Dat weer Kalli“

Den Nazis war er zu zimperlich, den Mitschülern kein Greuel: Das zeigt der Spaziergang durch Karl Lagerfelds Kindheit und Jugend in Südholstein. Unvergesslich: sein orangefarbenes Samtjackett beim Abschlussball. Manchmal hatte er auch keine Zeit, weil „die Maniküre“ kam. Eine Spurensuche zum 75.

© Vergrößern Karl Lagerfeld bei einem Klassenausflug auf der Kieler Förde 1948

Wenn Karl Wagner über das Gelände des ehemaligen Guts führt, spürt man, dass ihm die Verödung zusetzt. Die Ställe sind zu Wohnblocks umfunktioniert. Zwischen Bäumen des Obsthofs stehen nun Einfamilienhäuser. Im verwilderten Gehölz lassen ein Rondell, Pfeiler des Eingangstors und zerbröckelte Reste einer künstlichen Grotte den einstigen Park erahnen. Von Gut Bissermoor ist nicht viel geblieben außer ein paar Erinnerungen an die Jugend eines Modeschöpfers - die sich auch noch in vielen Einzelheiten widersprechen.

„Bald wird er 75“, sagt Karl Wagner nachdenklich. „Dann geht es wieder los.“ Vor ihm auf dem Wohnzimmertisch liegt sein Presseordner, vornan ein Artikel aus „Bild“ vom 9. Dezember 2006: „Lagerfeld pöbelt im TV!“ Der Affront galt ihm selbst, Karl Wagner, Schuhgeschäfts-Seniorchef im südholsteinischen Bad Bramstedt, der hier mit dem Modemacher Kindertage verbrachte. 2003 riet er Journalisten, Lagerfelds stets falsch datiertem Geburtsjahr 1938 nachzugehen. Die gruben einen „Bild“-Artikel von 1998 aus, in dem eine Klassenkameradin Lagerfeld schon zum angeblich Sechzigsten anschoss. Was der „Spiegel“ damals als Personalie aufgriff, ergänzt um die Angabe eines korrekten Eintrags von 1933 im altkatholischen Taufregister von Hamburg-Winterhude.

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Kronzeuge Karl Wagner

Für die Behauptung, Karl Lagerfeld sei fünf Jahre älter als offiziell angegeben, machte man Wagner zum Kronzeugen. Auch Alicia Drake griff auf ihn zurück, als sie 2005 für ihre Doppelbiographie von Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent („The Beautiful Fall“) sondierte. Wagner bekam die Quittung. Als Sandra Maischberger in ihrer Sendung dem Modeschöpfer Ende 2006 Archivmaterial zeigte, auf dem sich Wagner mit einem anderen Augenzeugen über den mit Puppen spielenden Karl-Otto austauscht, sagte Lagerfeld: „Ich kenne die nicht! Ich habe nie mit Kindern gespielt. Bitte nehmen Sie mir diese grauenhaften Lustgreise da weg!“

„Dat weer Kalli“ Karl Lagerfeld bei einem Klassenausflug auf der Kieler Förde 1948 © Bilderstrecke 

Wer in Lagerfelds Kindheit und Jugend spazieren geht, sieht den Mann vor lauter Mythen nicht. Sogar Wagner ist als verleugneter „Schulfreund“ zu einem Mythos geworden. In Wirklichkeit wohnte er nur - wie der kleine Karl - auf dem damaligen Gut Bissenmoor, einem sinnbildlich stimmigen Ort: Bad Bramstedts Lagerfeld-Fama ist ein Dickicht aus Zeitungskolportage und seinen ebenso schillernden eigenen Interview-Phantasmen. Alicia Drakes Lokalexkurse wiederum erschöpften sich in einem Septembertag 2005 mit Wagner, dem Stadtarchivar und einem Klassenkameraden. Ihr Hauptkonfident war der dem Vetter abholde Kurt Lagerfeld aus Neustadt an der Lübecker Bucht. Ihn hat sie kurz vor seinem Tod 2003 befragt. Das grämliche Vermächtnis gab ihrem Bild die Klischee-Koordinaten vor: Knabe Karl, im Rheuma-Kurort restlos isoliert.

„Glücksklee“-Dosenmilchfabrik an der Ostsee

Lagerfelds heutiger Abgrenzungsstrategie kommt das zwar paradox entgegen - es stimmt aber so kategorisch nicht. Wer sich in Bad Bramstedt umhört, wird schnell gewahr, dass Frau Drake andere Zeitzeugen, unter anderen eine noch äußerst rüstige Lehrerin, vor allem aber die wesentlichste Begegnung dieser Schulzeit vollkommen übersah.

Dass es Lagerfeld über einen Zeitraum von fast 14 Jahren ins Holsteinische verschlug, hängt mit Vetter Kurts Wohnsitz Neustadt zusammen. Wo die Ostsee an die Hafenmauern schwappt, ließ Karls Vater Otto 1925 seine „Glücksklee“-Dosenmilchfabrik errichten. Als junger Mann war er vordem auf Handelsschiffen um die Welt gefahren, hatte das Erdbeben von San Francisco miterlebt. Von 1908 an schaffte er für die amerikanische Firma „Carnation“ Dosenmilch nach Ostsibirien, wo verheerende Rinderseuchen grassierten. Während des Ersten Weltkriegs und der Revolution dort interniert, importierte er ab 1919 von Hamburg aus abermals „Carnation“-Milch. 1923 tauschte er die amerikanische Nelke gegen das von ihm kreierte Glücksklee-Blatt aus. Erhöhte Schutzzölle brachten ihn auf Lizenzproduktion. Dafür eignete sich besonders Ostholstein mit seinen großen Gütern - das Allgäu hatte „Bärenmarke“ okkupiert. Neustadt lag logistisch zentral.

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