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Es nervt Schluss mit dem Hipsterspuk!

Lange glaubten diese Kerle, sie seien die Coolsten. Aber jetzt ist langsam Schluss mit dem Spuk. Denn wenn hier einer spießig ist, dann ist es der Hipster.

© Gottfried Müller Vergrößern Skinny Jeans, Honecker-Brille und Jutebeutel: Wir zeigen Ihnen, was den Hipster ausmacht.

Wurde aber auch Zeit, dass man ihn zur Strecke bringt, den Hipster. Was hat er uns genervt: mit seinem betont modischen Auftreten, seiner Stilversessenheit, seiner Konsumbegeisterung. In Brooklyn, einer der Hochburgen des Hipstertums, hat der Künstler Jeff Greenspan deshalb Fuchsfallen für die Zeitgeistjünger aufgestellt, als Köder dienten Ray-Ban-Sonnenbrillen und analoge Kameras. Schöne Vorstellung: wie sie da am Straßenrand verenden, die dürren Beinchen, in Skinny Jeans eingezwängt, stecken fest, und weil die letzten Momente nur per Polaroid festgehalten werden, gibt es nicht mal eine Erinnerung auf Facebook.

Natürlich ist auch diese Aktion, wie so oft bei Feindseligkeiten, ein Kompliment, und wenn die Hipster eine wirkliche Bewegung wären, dann könnten sie sich kollektiv darüber freuen, dass man sie in der Welthauptstadt der kreativen Intelligenz zur Hassfigur erkoren hat. Das Problem ist nur: Hipster sind viele, aber niemand will ein Hipster sein, so wie niemand Lust hat, sich als Tourist oder Spießer zu bezeichnen. Wen hatte Greenspan also im Visier? Gibt es diesen Typus nun, oder ist er nur ein Gespenst, das durch die Medien geistert?

Es gibt ihn – und sie, denn der Hipster kennt auch die weibliche Erscheinungsform. Man muss nur am Wochenende an den Hackeschen Markt in Berlin-Mitte gehen und ein bisschen herumlungern vor den Boutiquen und Designerläden. Da sieht man sie, junge Männer mit Wollmütze, Kastenbrille und Flanellhemd über dem kunstvoll ausgeleierten T-Shirt. Dazu trägt man Turnschuhe und eben jene Hosen, die oben weit und an den Beinen bizarr eng geschnitten sind. Die Frauen treten auf mit Ponyfrisur, Militärjacken und wenn es ganz schlimm kommt: Radlershorts. Teure Sneakers sind Pflicht, zur Zeit sollten sie schreiend neonfarben sein.

Das alles ist eigentlich kein Drama. Warum sollen sich Menschen zwischen zwanzig und dreißig nicht in Hosen zwängen, in denen sie aussehen wie ein Junkie, der eine Windel trägt? Was ist an einer Kastenbrille auszusetzen, die sogar Honecker als extrem empfunden hätte? Und Holzfällerhemden, die halten sicher schön warm, und wenn beim Pubcrawling das Bier über den Kragen kleckert, fällt es nicht groß auf. Leider hat der Hipster auch eine Agenda im Gepäck, wobei das Gepäck aus einer Jutetasche besteht. Die muss aus einem schicken Laden kommen, in Berlin zum Beispiel aus der Buchhandlung Do You Read Me?, wo es eine exzentrische Auswahl an Designmagazinen gibt. Die Agenda ist diffus, sie setzt sich aus verschiedenen lebensanschaulichen Gesten zusammen. Man könnte sagen, es ist eine postmoderne Ideologie, in der Ideen auf einen bestimmten Look zugeschnitten werden. Zentral sind: ein Faible für Nachhaltigkeit, das heißt Einkaufen im Biomarkt, Umweltschonung, Fahrradfahren statt Auto. Das Fahrrad sollte allerdings ein so genanntes Fixie sein, ein handgefertigtes Bike ohne Gangschaltung, das wirkt, als hätten sich Kreidler und Marinetti ein Fortbewegungsmittel ausgedacht.

Sie wollen zurück in die Kindheit

Eine Vorliebe für ehemalige Arbeiterstadtteile gehört dazu, weil man die ästhetisch aufmöbeln kann, bis die ursprüngliche Klientel aufgrund der explodierenden Mietpreise abzieht und man unter sich ist. In New York war das so. Da wanderten die wohlhabenden Vorort-Kids Ende der Neunziger nach Brooklyn ein und freuten sich über dumpfbraune Sozial- und Gewerkschaftsbauten. Rund zwanzig Jahre später sind die einzigen Arbeiter, die man dort noch findet, jene, die zum Putzen oder Kellnern in die Szene-Cafés kommen.

Das ist überhaupt wesentlich beim Profil des Hipsters: seine Vorliebe für die unteren Klassen und deren Insignien. Man kolonialisiert Moden nach unten, trägt Trucker Caps, also Baseball-Mützen, die so hoch sind, dass man sie als Werbefläche vermieten könnte. Außerdem Pilotenbrillen, Sportsocken und Feinrippunterhemden, „wife beater“, Frauenprügler, genannt. Die Kappe wurde später durch die Wollmütze ersetzt. Man behält sie auch in geschlossenen Räumen auf, was einerseits die klimatische Resistenz des Hipsters deutlich macht, andererseits sein Bedürfnis nach flauschigem Umschmeicheltsein. Die Wollmütze ist ein Regressions-Utensil, sie erinnert an die Frauenhauben des 19. Jahrhunderts. Hipster sehen aus wie ihre eigene Amme, und das ist vollkommen schlüssig, weil ihre Begeisterung für vergangene Moden und aussterbende Milieus genau das deutlich macht: Sie wollen zurück in die Kindheit.

Hipster lieben analoge Fotos, sie kaufen Platten, und in ihren Lieblingskneipen klebte lange Holzimitat an den Wänden. Das ist mittlerweile ausgetauscht worden mit edlen Naturmaterialien. Im Café 88, einer Zentrale des New Yorker Hipstertums, sieht es aus wie im Landhaus von Ralph Lauren. Kissen im Ethnostil, dazu schwarzweiße Fotografien, und auf den Tischen dampft der garantiert fair gebrühte Espresso. Hier sitzen sie an ihren Laptops, auf den Wollmützen thronen teure Kopfhörer, und surfen durchs Netz auf der Suche nach neuen Trends, das heißt weiteren Versatzstücken des Vergangenen und Bewährten. Nach Reminiszenzen an eine gefühlt gute alte Zeit, die sich schick kombinieren lassen mit dem neuesten Gadget von Apple.

Und vielleicht ist es das, was uns so anstrengt beim Anblick des Hipsters: dass er vorführt, was es bedeutet, unter heutigen Bedingungen modern und kreativ zu sein. Immer unterwegs im Web, vernetzt durch Twitter und Facebook, bewohnt er eine flüchtige Welt, einen Nicht-Ort, dessen Programm in permanenter Bewegung besteht. Wenn man sie da so sitzen sieht, die Finger fliegen über die Tasten, ab und zu wird an der Zucchini-Möhren-Tarte genascht, und schon geht es weiter zum nächsten Chat, zum nächsten Blog, dann hat ihre atemlose Nostalgie fast etwas Rührendes. Hüllt euch ruhig ein in Flanell, Hipster. Seid behütet mit Wolle und Jute, denn draußen weht ein kalter Wind. Und weil euer Draußen ein virtuelles Drinnen ist, hört er niemals auf zu pfeifen.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

 
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