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Designer-ABC Pucci, Emilio

Der Florentiner Emilio Pucci war Mitglied der italienischen Olympia-Skimannschaft, erfand die Caprihose und schuf unvergeßlich bunte Muster. Die Mode im Namen des Marchese ist noch heute wie ein Tag am Meer: frisch, klar, optimistisch.

So einfach war das mal mit der Mode: Ein junger Mann, Politologe, Pilot und ehemaliges Mitglied der italienischen Olympia-Skimannschaft, saust in Zermatt die Pisten in einem selbstentworfenen Skianzug hinab. Dort entdeckt ihn Toni Frissell, Fotografin des amerikanischen Modemagazins „Harper's Bazar“, schießt Bilder und zeigt sie in New York ihrer Chefredakteurin, die sie sogleich veröffentlicht. Das war 1947 – und der Beginn des Aufstiegs von Marchese Emilio Pucci di Barsento zum Modestar. Es sollte nur drei Jahre dauern, bis Pucci, 1914 geboren und Sproß einer alten Florentiner Patrizierfamilie, 1950 seine erste Modenschau mit Ski-, Tennis und Golfkleidung präsentierte.

Er tüftelte an Stretchgeweben, um die Bequemlichkeit der Sporthosen zu verbessern, später beschäftigte er sich mit sommerlicher, aber eleganter Freizeitmode für die Frauen. Pucci hat die Marke zu einer Zeit geprägt, als italienische Mode international noch keine Rolle spielte. Die Diktate kamen aus Paris, die strengen Lehrer der fünfziger Jahre hießen Christian Dior und Hubert de Givenchy. Sie schnürten die Frauen ein, schufen wie Architekten klare, manchmal steife Silhouetten.

Emilio-Rose und Pucci-Türkis

Emilio Pucci ging es spielerischer an, man könnte auch sagen: mediterran. Seine Mode war wie ein Tag am Meer: frisch, klar, optimistisch. Zuerst gab es die Farben: Emilio-Rosa und Pucci-Türkis. Dann kamen die Muster: inspiriert von den Säulen des Florentiner Doms, den Pferderennen in Siena und von Capri, was seit Pucci nicht nur eine Insel im Mittelmeer, sondern auch eine wadenlange Hose mit seitlichem Schlitz ist. Mit den leichten, unkomplizierten Seidenjerseykleidern traf der Designer den Nerv der Amerikanerinnen. Er kleidete Filmstars ein, wurde kopiert, geliebt, hofiert - und plötzlich vergessen.

In den achtziger Jahren, als es leiser um den Marchese wurde, hatte sich Italien längst als wichtigstes Modeland neben Frankreich etabliert. Giorgio Armani und Gianni Versace – die neuen Stars in Mailand – gaben jetzt den Ton an. Pucci sah sich eher als Künstler, die neuen Modemacher aber wussten, dass man auch Geschäftsmann sein muss, um sich auf dem immer größer werdenden Markt zu behaupten. Der Jet-set – Puccis bevorzugte Kundschaft – bröckelte, die Business-Frau war die neue Kundin. In der Mode gaben Minimalismus, Eleganz und die Farbe Schwarz den Ton an, Marken wie Gucci und Prada. Pucci war so etwas wie ein bunter Vogel in einer Gruppe von Raben und wurde belächelt. Die Muster galten als altmodisch.

Mit Lacroix kam die Marke wieder ganz nach oben

Der Marchese starb 1992, und die Strahlkraft des Unternehmens verblasste mit jeder Saison weiter. Acht Jahre später traf Puccis Tochter Laudomia eine wegweisende Entscheidung. Vermutlich keine leichte: Sie verkaufte knapp 70 Prozent des italienischen Familienunternehmens an den französischen Luxuskonzern LVMH. Der Kompromiss: Sie arbeitete weiter für die Marke als Image Director. Boutiquen wurden eröffnet, man erweiterte das Portfolio. Der Umsatz stieg um 400 Prozent. Geholfen hat Pucci aber auch eine Laune der Mode: Mit dem neuen Jahrtausend kam das Ende des Minimalismus und die Lust auf Farben und auffällige Drucke. Die markanten Pucci-Muster galten wieder als stylish. Als 2002 der Franzose Christian Lacroix den Posten des Kreativdirektors übernahm, war die Marke wieder ganz oben angelangt: als begehrenswertes Objekt der internationalen Modeszene.

Lacroix stellte sich als idealer Interpret der Marke heraus: In Südfrankreich geboren, liebt er auch in seinen eigenen Kollektionen mediterrane Farben. Gleichzeitig vermied er es, das Pucci-Muster auszureizen, bis es keiner mehr sehen kann. Vielmehr setzte er es dosiert ein und hielt es so im Gespräch. Den ausdrucksstarken Mustern stellte er simple Silhouetten beiseite oder führte sie zur Abstraktion. Die strenge Schule der Pariser Couture zeigte er in den kunstvoll verarbeiteten Abendkleidern.

„Seine Kleider leuchten wie Schmetterlinge“

Auch sein Nachfolger Matthew Williamson, der Ende 2005 Kreativchef wurde, verschwand zunächst in den Archiven des Florentiner Modehauses und beschäftigte sich drei Monate lang mit den berühmten Mustern und den 510 verschiedenen Farben, die Emilio Pucci zeitlebens entwickelt hat. Auch der Engländer scheut nicht – wie Lacroix – den bunten Auftritt. Er gilt als Meister der Farben. „Seine Kleider leuchten aus dem Modenebel heraus wie Schmetterlinge“, schrieb einmal die „Vogue“. Williamson, der seine eigenen Kollektionen bei der New York Fashion Week präsentiert, geht ebenso unbekümmert mit Neonfarben um wie mit exotischen Mustern. Und wie ehemals bei Emilio zählen Hollywood-Stars zu seinen besten Kundinnen.

In seiner ersten Kollektion für Herbst und Winter 2006/2007 lieferte er pflichtgemäß die typischen knallbunten Minikleider aus Jersey, aber auch schwarze Seidenkostüme, auf denen nur noch die weißen Umrisse des klassischen Pucci-Musters zu sehen sind. Oder eine Bluse, auf der die bunten Ornamente wie eine matte Schwarzweißkopie gedruckt sind und die er in Fragmenten wieder eingefärbt hat. Unifarbene Entwürfe überwiegen, sind aber in typischen Pucci-Farben wie Violett und Rosa gehalten. Den stark geometrischen Formen der Marke aus den Sechzigern gibt er eine feminine Note: Die Röcke haben Volants und schwingen weit. Williamson nennt seine Kollektion die „frische Version“ von Pucci.

Matthew Williamson arbeitete bis 2008 für Pucci, auf ihn folgte der norwegische Designer Peter Dundas, der Pucci zu neuen Höhen verhalf und als Liebling in der Modeszene gilt.

Quelle: FAZ.NET

 
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