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Kaschmir aus Umbrien Ein Stoff für Solomeo

 ·  Auch in Mittelitalien herrscht Landflucht. Nur ein Dorf in Umbrien will nicht aussterben. Brunello Cucinelli und seine Kaschmir-Marke weben an einer Zukunft für Solomeo.

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© Helmut Fricke Vergrößern Zwischen Wollsäcken und Seneca-Büste: Brunello Cucinelli in seinem Büro

Das ist dann doch eine Überraschung. Da ist man nach Solomeo gekommen, das Navigationsgerät hat geächzt und geirrt, der Weg von Florenz wurde lang und länger, vorbei am Trasimenischen Meer und durch die Hügel, dann endlich auf einen der Berge. Da kommt man also ans Ende der Ende der Welt, und wen man sieht man plötzlich vor sich? Einen Deutschen.

Dabei finden das Geschäft von Brunello Cuccinelli mitten im Ort nur Eingeweihte, was natürlich zur Philosophie der hier herrschenden Marke gehört. An dem Geschäft hängt zwar ein Pfeil, aber der zeigt nach rechts, nicht links auf die Tür, und auf dem Pfeil steht: „Teatro“. Schon seltsam, dass ein Modemann, der ein Dorf rettet und dafür doch auch die Erlöse aus dem Laden braucht, nicht aufs Geschäft hinweist, sondern auf das Theater, das er ebenfalls dem Dorf geschenkt hat.

Also nicht nach rechts, ins Theater, dazu später, sondern nach links, in den Laden. Und da steht dann also zwischen Kaschmirpullis und Verkäuferinnen: Klaus Wagenbach, vom Alter leicht gebeugt, neugierig wie eh und je über die Brille schauend, mit einer alten Freundin, die am Kaschmir gefallen findet. Ausgerechnet hier, wo sich der Kapitalismus einkleidet, ein altlinker Verleger aus Berlin! Na, vielleicht passt das sogar irgendwie.

© Helmut Fricke Vergrößern Cucinelli-Geschäft in Solomeo: Die Kollektionen werden ausschließlich in Italien hergestellt.

Rund 50 Kilometer von hier entfernt, drüben in der Toskana, hat er seine „Sommerresidenz“, sagt der Dreiundachtzigjährige, einer der Begründer der „Toskana-Fraktion“, selbstironisch. Dem Unternehmertum ist er überraschend zugetan. „Wenn hier in einem Städtchen ein Touristenbus vor einem Lokal anhält, telefoniert der Wirt sofort rum, und ganz schnell sind die Helfer da.“
Die gut organisierte Anarchie und allseits geforderte berufliche Flexibilität erfreut den Verleger, der schließlich auch ein Unternehmer ist.

Sie nennen in hier „Il tedesco“, den Deutschen

Die Fäden ziehen sich eben bis nach Deutschland, wo Brunello Cucinelli mindestens so oft zu sehen ist wie Klaus Wagenbach in Italien. Schon vor drei Jahrzehnten fand er seine ersten Kunden in München, wohin er gekommen war, weil er von der guten Zahlungsmoral der Deutschen gehört hatte. Seitdem ist Cucinelli oft jenseits der Alpen zu sehen, sei es beim Abschied seines alten Geschäftspartners Albert Eickhoff aus dem Geschäftsleben, sei es zur Eröffnung der Cucinelli-Geschäfte, zuletzt des Flagship Stores im wunderschön renovierten Haus Cumberland am Kurfürstendamm. „Il tedesco“ nennen sie ihn hier, den Deutschen, weil er Strenge, Regeln, Ehrlichkeit schätzt, und er ist stolz darauf.

© Helmut Fricke Vergrößern Ein paar Kilometer von Perugia entfernt ist das kleine Dorf Solomeo aus dem 14. Jahrhundert, es ist das Hauptquartier des Kaschmirproduzenten Brunello Cucinelli.

Solomeo klebt schon seit dem 13. Jahrhundert an diesem Berg. Die größte Krise erlebte das Dorf zu seinen Jugendzeiten. Brunello Cucinelli wurde am 3. September 1953 geboren und wuchs in Castel Rigone auf, ganz in der Nähe. Die Landflucht seit den Sechzigern war verheerend für die italienische Provinz, wo viele Häuser und manchmal sogar ganze Dörfer verlassen sind.

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