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Justiz und Mode Kleidung vor Gericht

Das rockt den Richter nicht: Zu schön und zu weiblich, um wirklich wichtig zu sein – warum sich die Justiz mit Mode auch heute noch schwer tut.

© AP Vergrößern Gucci-Herrenmode für Frühjahr und Sommer 2014 in Mailand – Männerkleidung in starken Farben kannte aber auch schon die Frühe Neuzeit.

Der Begriff „Mode“ hat einen abwertenden Unterton. Etwas, das „modisch“ ist, hat den Einwand gegen sich, wenig Gewicht und Beständigkeit zu besitzen. Es wird - dem Wesen der Mode entsprechend - womöglich ebenso rasch und unerklärlich wieder verschwinden, wie es zuvor auf der Bildfläche erschienen war, und die Gründe dafür sind eben gerade nicht vollständig rational angebbar. Diese Wahrnehmung hat Konsequenzen für den Umgang mit dem Topos Mode im wissenschaftlichen Diskurs. Weil Wissenschaftler sich der Rationalität verpflichtet fühlen und jeden Anschein mangelnder Ernsthaftigkeit vermeiden wollen, haben sie Schwierigkeiten, „Mode“ als Erklärung oder Argument zu akzeptieren, wo es um gesellschaftlichen Wandel geht. Im Zweifel wird lieber auf andere anerkannte Begriffe ausgewichen, um kulturgeschichtliche Verschiebungen zu erläutern.

Dass es auch im Recht analoge Hemmungen gibt, Mode ernst zu nehmen, verdeutlicht ein origineller Aufsatz des an der New York University School of Law lehrenden Juristen Charles E. Coleman, der im Herbst passenderweise in der britischen Zeitschrift „Vestoj: The Journal of Sartorial Matters“ gedruckt werden soll, nun aber bereits online als Preprint verfügbar ist (Charles E. Coleman, „Fashion, Sexism, and the United States Federal Judiciary“).

Der Moderechtler Coleman, der schon allerlei Rechtsstreitigkeiten zwischen Modefirmen kommentiert hat, beschäftigt sich mit dem Umgang amerikanischer Bundesrichter mit Mode im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Die Urteile umfassen viele Arten von sozialen Konflikten, sie waren ursprünglich in verschiedenen Rechtsgebieten beheimatet, und sie stammen aus unterschiedlichen Epochen. Gemeinsam ist ihnen lediglich, dass es im Kern um Auseinandersetzungen um Kleidung geht, und Coleman analysiert die Unter- und Zwischentöne der Entscheidungsbegründungen.

Dabei fällt ins Auge, dass die Richter zwar einerseits immer wieder die große ökonomische Bedeutung der Mode- und Bekleidungsindustrie anerkennen, sie aber gleichzeitig gerne Seitenhiebe auf die Mode als solche austeilen. Mode wird als primär mit dem weiblichen Geschlecht verbunden assoziiert, sie wird trivialisiert und am Ende herabgewürdigt. Dieser Spagat wird etwa deutlich bei der Würdigung technischer Innovationen, auf denen die moderne Bekleidungsindustrie basiert. Sie steht in scharfem Kontrast zu den verächtlichen Worten, die sich auf konkrete Kleidungsstile beziehen. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts werden letztere Stilfragen als „frivolous“ (leichtfertig, unseriös) oder „mischievous“ (schädlich) abgetan, während den maschinentechnischen Erfindungen Kränze geflochten werden.

Dahinter standen und stehen selbstverständlich Geschlechterrollenklischees. Zwei Frauen, die über Urheberrechtsfragen in der Mode stritten, mussten sich 1862 scharfe Worte des Gerichts gefallen lassen, dass sie ihre Leidenschaften nicht hatten besser zügeln können und unnötigen Ärger und teure Verhandlungen verursachten. Kurz: Immer, wenn es um ästhetische Fragen ging, wurden diese feminisiert, mit offener Herablassung behandelt oder den dahinter stehenden Interessen gar offen der Schutz des Rechts entzogen.

Das änderte sich auch in den späten sechziger Jahren zunächst nicht. Obwohl Mode und Kleidung nun zunehmend individualisiert wurden und bei beiden Geschlechtern als Ausdruck von Persönlichkeit und Stil begriffen wurden, behandelten Richter Bekleidungsfragen als des Rechtsstreits für unwürdig. So erging es einer jungen Frau in einem 1974 entschiedenen Fall, die statt des auf ihrer Hochzeit vor dem städtischen Beamten in New York vorgeschriebenen Rocks lieber Hosen tragen wollte. Da meinte der (männliche) Bundesrichter einerseits, die Gerichte hätten zu viel (Wichtigeres) zu tun, um in solche Fälle hineingezogen zu werden.

Andererseits unterstrich er wortreich die besondere Wirkung von Kleidung bei solch einem Anlass, und er konnte in der Urteilsbegründung gar nicht genug die notwendig „feierlichen“ Stilelemente von Hochzeiten anführen, die es gegen Leichtfertigkeiten und Frivolitäten zu verteidigen galt. Der paradoxe Widerspruch zwischen paralleler Leugnung und Würdigung der eminenten sozialen Funktion von Kleidung schien ihm dabei nicht bewusst zu sein. Noch in einer Entscheidungen von 2012 (Gucci America, Inc. v. Guess, Inc.) mokierte sich die Richterin Shira A. Scheindlin über den Streit über Mode, den die Parteien mit ihr ungeziemend scheinender Energie ausgetragen und vor Gericht gezerrt hätten, wobei sie Oscar Wilde zitierte: „Mode ist eine so unerträgliche Form der Hässlichkeit, dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen.“

Zu Recht weist Coleman auf die kulturelle Relativität und Kontingenz dieser richterlichen Haltung hin (und übergeht den einseitigen Umgang mit dem Zitat). Denn die Feminisierung von Mode ist jedenfalls im westlichen Kontext ein Phänomen der jüngeren Geschichte. Im vormodernen Europa und besonders in der höfischen Kultur waren es die Männer, die oft sogar prächtiger und extravaganter gekleidet waren. Auch das Bürgertum des frühen neunzehnten Jahrhunderts kannte noch eine Farbigkeit, die im zwanzigsten erst wieder von den Männern zurückerobert werden musste. Diese Beobachtungen legen eine Wechselwirkung von rechtlichen Haltungen und sozialen Konventionen nahe. Dass auf dem neuen Kontinent gar ein besonders rigides Regime der juristischen Modeverachtung praktiziert wurde, könnte sich als amerikanischer Anti-Aristokratismus lesen lassen, der sich zudem womöglich aus konfessionellen Motiven speiste. Es wäre très chic, wenn dort weiter geforscht würde.

Hintergrund

Im März 2012 begann ein Verfahren vor einem New Yorker Gericht, das die Firma Gucci gegen das Modelabel Guess angestrengt hatte. Der Vorwurf lautete, Guess habe erkennbar Zeichen von Gucci plagiiert. Die Schadensersatzforderungen der Klägerin waren exorbitant: Mindestens 124 Millionen Dollar sollte die beklagte Firma bezahlen. Die Richterin Shira Sheindlin untersagte Guess zwar die weitere Verwendung der strittigen Zeichen, blieb aber in puncto Schadensersatz weit unterhalb der Gucci-Forderungen - die Firma erhielt nur 4,7 Millionen.

Quelle: F.A.Z.

 
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