27.10.2011 · Im Fall Beltracchi sind die Urteile gesprochen worden. Vieles bleibt dunkel. Was sind die Konsequenzen für die Kunstwelt? Und welche Wahrheiten kommen noch ans Licht?
Von Niklas MaakAls fast alles vorbei war, hatte der Hauptangeklagte Wolfgang Beltracchi das letzte Wort. „Danke“, sagte er, „dass das alles so fair und locker hier war“; der rheinische Humor des Richters Kremer habe ihm gutgetan, „es wurde sogar gelächelt“, auch wenn er „dahinter das Schwert aufblitzen sah“. Das war am vergangenen Freitag, und tatsächlich hatte der Prozess teilweise starke Züge einer Kriminalkomödie angenommen, in der die Sympathien dem Hauptangeklagten, der seit 1975 weit mehr als siebzig Kunstwerke der Avantgarde und der Klassischen Moderne gefälscht, in den Markt gebracht und damit Millionen verdient hat, nur so zuflogen.
Gestern nun hat Richter Wilhelm Kremer, der den größten Kunstfälscherprozess seit 1945 mit einer außerhalb des Rheinlands undenkbaren Mischung aus Kompetenz und urkölnischem Humor leitete, das Urteil gesprochen: Wolfgang Beltracchi bekommt sechs, seine Frau Helene vier, Beltracchis Komplize Otto Schulte-Kellinghaus fünf Jahre; Helenes Schwester Jeannette Spurzem bekommt ein Jahr und neun Monate auf Bewährung. Sie muss nicht ins Gefängnis, die anderen nur nachts; die Strafe wird im offenen Vollzug abgesessen.
Das Urteil war keine Überraschung, sondern das Ergebnis einer sogenannten Verständigung. Der Deal lautete: Die Angeklagten gestehen in vierzehn aus fünfundfünfzig bekannten Fällen von schwerem bandenmäßigen Betrug, dass sie mit gefälschten Meisterwerken der Moderne gehandelt haben, und bekommen dafür rund ein Drittel Nachlass auf die Strafe. Warum dieser Deal? Die Staatsanwältin Kathrin Franz hat zusammen mit den Ermittlern der Kriminalpolizei in Berlin eine eindrucksvolle Arbeit geleistet: Sie hat Erkenntnisse zusammengetragen, die reichen, große Teile des Kunstmarktsystems in die Luft zu jagen - wenn nicht ausschließlich diejenigen auf der Anklagebank säßen, die seine Sicherheitslücken und seine Gier nach „marktfrischen“, gut verkäuflichen Meisterwerken ausnutzten.
Andererseits war es, sagt Staatsanwältin Franz, vor Beltracchis Geständnis nicht einmal zu beweisen, dass er alle Bilder selbst gefälscht habe, was für sie auch heute manchmal noch schwer vorstellbar sei (Beltracchi tippt sich hier, man könnte das auch als Kompliment lesen, verblüfft an die Stirn). Und es wäre schwer gewesen, in einem mühevollen Indizienprozess die Mauer des Schweigens zu brechen, hinter der sich alle anderen Beteiligten verschanzen: Der Pariser Kunsthändler Jacques de la Beraudière ließ mitteilen, er denke nicht daran, in Köln als Zeuge auszusagen.
Auch Marc Blondeau, der zahlreiche falsche Max Ernst und einen falschen Campendonk in den Markt brachte, hatte offenbar kein gesteigertes Interesse daran, Details und weitere Verflechtungen seines Systems offenzulegen: die Deals im Freilager, die Zahlungen von Schweizer auf andorranische Konten, das hohe Risiko, das er einging, als er sich Geld lieh, um die Werke von den Beltracchis zu kaufen, die nur eine Mindestsumme für die Gemälde verlangten; Blondeau verkaufte sie dann deutlich teurer. So bezahlte er für den angeblichen Campendonk 590000 Euro an Beltracchi - und vermittelte ihn für 830000 Euro an die von Werner Spies beratene Sammlung Würth weiter.
Für die von Werner Spies als von der Hand Max Ernsts zertifizierten Werke „La Horde“ und „La Mer“ bezahlte Blondeau an Beltracchi zusammen 1,87Millionen Euro - und verkaufte dann „La Mer“ für 800000 Euro an die Triton Foundation und „La Horde“ an die Sammlung Würth, für 4,3Millionen Euro. Solche saftigen Gewinne machten auch andere Händler: Ein vermeintliches Derain-Gemälde, für das Beltracchi 800000 Euro bekam, landete über mehrere Galeristen, die alle daran verdienten, kurze Zeit später für 6,2Millionen Euro in der Hilti Art Foundation.
So einfach und risikolos lassen sich nicht einmal im hochspekulativen Finanzsektor Gewinne machen - und man hätte gern gehört, ob Blondeau wirklich gar nie der Gedanke kam, dass es doch merkwürdig sei, wenn ein Besitzer eines echten Max Ernst in Zeiten des Kunstmarktbooms nur eine Garantiesumme verlangt, anstatt mit dem Händler eine feste prozentuale Provision auf den zu erwartenden Rekorderlös zu vereinbaren. Seltsamer Kunstmarkt!
Es wäre das Mindeste, wenn Gutachter im Kunstbereich bei solchen Summen verpflichtet würden, im Zweifelsfall doch auch wenigstens Pigment-Analysen und eingehendere Etikettenforschung zu betreiben. Doch die böse Wahrheit ist: Solche kritischen, oft verkaufsbehindernden Einlassungen sind nicht gern gesehen im Markt; denn an Zuschreibungen verdient jeder, an Abschreibungen keiner. Tenor der Verteidigung war denn auch: Kann man den Beltracchis ihre Taten verübeln, wenn es ihnen so leicht gemacht wurde?
Helene Beltracchis Verteidiger Ferdinand Gillmeister war morgens im Zug der Aktenkoffer gestohlen worden, in dem sich unter anderem das Plädoyer und seine Brille befanden: Deswegen hielt er am vergangenen Freitag ohne Manuskript und ohne Brille ein druckreifes Plädoyer, das bei einem Vergleich zwischen der Gier der Finanzmärkte und der des Kunstmarkts endete: „Auch bei Derivaten wurde nicht geschaut, nie ein Paket aufgeschnürt, es ging nur darum, diese Dinge wie heiße Kartoffeln weiter zu verkaufen.“ Auch die Staatsanwältin erklärte, es wirke „strafmildernd, dass der Kunstmarkt es den Tätern so leichtgemacht“ habe, und Richter Kremer betonte, eine „ernsthafte Prüfung seitens der Geschädigten“ habe „nicht stattgefunden“.
Das ist eine richterliche und staatsanwaltschaftliche Sichtweise, die von Auktionatoren wie Henrik Hanstein - gegen den wegen Prozessbetrugs ermittelt wird und der sich in einer juristischen Auseinandersetzung mit dem Käufer eines falschen Campendonk befindet - energisch bestritten wird und auch bestritten werden muss; denn bei grober Fahrlässigkeit entfällt der Haftungsausschluss von Auktionshäusern.
Wie auch immer zur Frage, ob die Auktionshäuser alles taten, was sie tun mussten, hier entschieden werden wird, es war fast schade, dass in der gelassenen Atmosphäre des ganzen Prozesses der Fall immer weiter von der Dokumentation der Praktiken des Kunstmarkts in die Sphäre des Abenteuerromans abdriftete. Woher aber kommt die große Zuneigung, die Beltracchi in der Öffentlichkeit entgegenschlägt - der „Spiegel“ nennt ihn zärtlich einen „Filou“-, warum erscheint er dort wie ein Robin Hood im Unterholz eines korrupten Systems?
Beltracchi ist kriminell, aber tat nichts, was gesellschaftlich verachtet wäre; er handelte nicht mit Drogen oder Menschen, brachte keinen um, und betrog nicht, wie die Finanzgangster des Anlagebetrugs, die Armen um ihren letzten Pfennig. Er bringt alles mit, was einen sympathischen Delinquenten in der Öffentlichkeit ausmacht, und er führt ein Leben, gegen das alle Hollywoodfilme von „F for Fake“ bis „Catch Me If You Can“ verblassen: Ein hochbegabter Maler, der Harley fährt, fälscht Kunst, kauft sich einen 25 Meter langen Schoner, mit dem er Piratenfilme in der Karibik drehen will, lernt die Liebe seines Lebens kennen, muss vor den Ermittlern der Polizei fliehen, ändert seinen Namen, tourt mit Kleinkind ein paar Jahre im Wohnmobil durch Europa, sieht in den Museen seine eigenen Werke wieder und kommt schließlich auf die Idee mit der „Sammlung Jägers“.
Der Künstler, der als Wolfgang Fischer-Beltracchi abgelehnt wurde, verkleidet sich also als Max Ernst, als Derain - und wird geliebt und trickst ein System aus, das in der Öffentlichkeit ohnehin keinen guten Ruf hat. Am Ende hat er mehr als zehn Millionen Euro verdient, die Weltelite der Experten und Auktionatoren düpiert und mindestens fünfundfünfzig, aber in Wirklichkeit wohl viel mehr „Meisterwerke der Moderne“ erfunden.
Im Französischen gibt es die Redewendung corriger la fortune. Sinngemäß heißt sie falsch spielen, wörtlich das Schicksal korrigieren. Beltracchi hat das in zweifacher Hinsicht versucht. Da ist einmal das Familienschicksal: Der Vater war ein anständiger Kirchenmaler, der etwas konnte, sich aber später als Anstreicher durchschlagen musste - eine Demütigung durch das Leben, die die Kinder miterlebt haben. Wolfgang Beltracchi selbst, der unzweifelhafte handwerkliche Fähigkeiten besitzt, schreibt sich auf einer Kunsthochschule ein, hat Hoffnungen, als Künstler Anerkennung zu finden - und wird vom Kunstsystem abgelehnt.
Hier beginnt der Roman Beltracchis, der die Leute für ihn einnimmt: Er akzeptiert das Schicksal nicht, er korrigiert es und fordert das System heraus. Und er korrigiert auch im kunstgeschichtlichen Sinn das Schicksal: Er fälscht nicht, in dem er Kopien herstellt. Er legt die Künstler auf die Couch; er fragt sie und ihre Werke danach, was sie eigentlich ausdrücken wollten - und malt dann, in Kenntnis des Fortgangs der Kunstgeschichte, den idealen Max Ernst oder den idealen Campendonk, den diese im Gewusel der Möglichkeiten und den Ablenkungen ihrer Gegenwart nicht gemalt haben. Er malt, wie er es sagt, die Bilder, die im Werk dieser Künstler nicht fehlen dürfen. Es ist eine Form von „Appropriation Art“, die Beltracchi hochintelligent gegen Liebhaber und Händler wendet, die nach dem Tod ihrer Künstler auf Neuentdeckungen hoffen.
So wirkt die Beltracchi-Affäre als ein Fukushima des Kunstmarkts: Sie beweist, dass die bloße Inaugenscheinnahme und das „kennerschaftliche Gutachten“ oft höherer Mumpitz und die verlangten Gagen gemessen an der Qualität des Gutachtens eine selbstbewusste Unverschämtheit sind. Das Gutachtersystem muss überdacht werden. Natürlich gibt es Experten, die minutiös und gewissenhaft arbeiten und für wenige hundert Euro pro Gutachten wochenlang in Archiven recherchieren und Laboruntersuchungen anfordern. Aber anders als in jedem anderen Bereich, ob Medizin oder Rechtsprechung, reicht in der Kunst auch allzu oft ein Polaroid mit einer unverbindlich notierten Meinung, um aus nichts Millionen zu machen.
Ein anderes Problem sind die fehlende Trennung von gutachterlicher und händlerischer Tätigkeit - und die Tatsache, dass vieles, was sonst überall als illegal gilt, Insidergeschäfte etwa, im Kunstbereich völlig normal sind. Experten wie Werner Spies haben von den Beltracchis viel Geld für die erfolgreiche Vermittlung der Werke in den Markt bekommen, in seinem Fall 400000 Euro. Dazu kamen Zahlungen des Kunsthändlers Blondeau, an den Spies die Beltracchi-Werke vermittelte und der damit die bekannten massiven Gewinne machte - unter anderem, indem er die vermeintlichen Meisterwerke der Sammlung Würth anbot. In deren Kunstbeirat saß, nicht ehrenamtlich, sondern gegen Bezahlung, Werner Spies, der seinem Auftraggeber Würth freilich verschwieg, dass er von den Beltracchis und vom Händler Blondeau in derselben Angelegenheit schon recht üppig kassiert hatte.
Ebenfalls im Würth-Kunstbeirat saßen der ehemalige Generaldirektor der Berliner Museen, Peter-Klaus Schuster und Thomas Gaehtgens, Gründer des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris, wo übrigens auch die 2003 von Spies ins Leben gerufene „Forschungsstelle Max Ernst“ angesiedelt ist, die den Oeuvrekatalog Max Ernst erstellt. Gaehtgens leitet seit 2007 das Getty Research Center in Los Angeles, an dem Schuster 2009 als Gastforscher arbeitete. Alles renommierteste Experten also; wie konnte es sein, dass keiner auch nur einen Zweifel, wenn nicht an der Qualität der brillant gemachten Bilder, so doch an der Herkunft hegte - die zu erforschen einem Kunsthistoriker von Rang nicht so schwerfallen dürfte und eine Verpflichtung hätte sein müssen?
Was Beltracchi gemalt hat, sind keine klassischen Fälschungen, sondern eigene Kunstwerke, die den Mechanismus des Kunstmarkts offenlegen - und die, weil sie so präzise in kunsthistorische Nischen, in Marktbedürfnisse, in Desiderate hineingemalt sind, ein präzises Epochenporträt abgeben. Sie sagen viel über die Gegenwart, ihr Bild von Kunstgeschichte, und über die ökonomischen Bedingungen von „Meisterwerken“. Beltracchi hatte in einer Zeit Erfolg, in der die Chance, bisher unbekannte oder verschollene Meisterwerke zu entdecken, immer geringer wurde. Die „Sammlung Jägers“ ist auch gigantischer Spiegel eines Markts. Beltracchi malte dem System eine Fata Morgana an den Horizont; es war, als hätte plötzlich einer einen sechsten Kontinent entdeckt.
Nun bietet er den Geschädigten an, die gefälschten Werke mit dem Zusatz „Wolfgang Beltracchi - Hommage an...“ zu versehen, und vielleicht werden sie so doch noch zu Klassikern. Vor allem aber haben die Ermittlungen im Fall Beltracchi eine Ahnung davon gegeben, auf welch abenteuerlichen Wegen im Kunstmarktsystem die Produktion von Werten funktioniert. Der Prozess ist an seinem Ende angekommen, die Aufklärung noch lange nicht.
Literarische Vorlage?
Nikolaus Neininger (astroklaus)
- 28.10.2011, 09:49 Uhr
Finanzgangster des Anlagebetrugs
Wolfgang Körner (oskartheo)
- 28.10.2011, 09:43 Uhr
Gewerbsmäßigen Bandenbetrug: Justiz-Art-Deal & Markt-EULENSPIEGELEI
Werner Hahn (wernerhahn)
- 28.10.2011, 09:37 Uhr
Eindrucksvolles Lehrstück
Winfried Trümper (wtruz)
- 27.10.2011, 23:11 Uhr