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Kompaktkurs Europa Das Old Star Team gibt Nachhilfe

Was versteht man von Europa eigentlich noch, wenn man ein Dutzend großer Staatsmänner zehn Stunden darüber reden hört? Nicolas Berggruen hat sie zusammengebracht: Ein Selbstversuch in Berlin.

© dapd Vergrößern Das Leben der anderen? Was haben der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein französischer Kollege Pierre Moscovici den Bürgern zu sagen, wenn sie sich miteinander langweilen?

Was Europa betrifft, geht es mir ja inzwischen wie in der elften Klasse, als wir in Mathematik die Sinusfunktion durchnahmen. Da passt man einmal kurz nicht auf, und schon hat man den Anschluss verpasst. Die Leute verwenden plötzlich Abkürzungen, von denen man nie etwas gehört hat, und reden wie selbstverständlich über Dinge, die einem wie aus der Luft gegriffen scheinen. Schaut man dann ins Lehrbuch, um die Sache nachzuarbeiten, wird einem überhaupt erst klar, in welchem Ausmaß man den Faden verloren hat, während die Klasse bereits Aufgaben mit der Kosinusfunktion rechnet.

Insofern war es ein großes Glück, dass das „Nicolas Berggruen Institute on Governance“ am Dienstag in Berlin einen Kompaktkurs in Sachen Europa anbot, in dem man von den wichtigsten Staatsmännern des Kontinents über die wichtigsten Probleme des Kontinents aufgeklärt wurde - und zwar von allen. Die Rednerliste liest sich, als würde die Schülerhilfe jetzt nur noch Nobelpreisträger rekrutieren: Wolfgang Schäuble, Joschka Fischer, Gerhard Schröder, George Soros, Helmut Schmidt, Jean-Claude Trichet, Peer Steinbrück und andere. Ein europäisches Old Star Team, tatsächlich.

Europa - kurz erklärt

Als Seminarraum dient der Innenhof einer Versicherung am Pariser Platz. Draußen hungerstreiken seit Tagen Asylbewerber in der Kälte für bessere Bedingungen, bewacht von ebenso viel Polizei, drinnen füllen sich die Reihen mit älteren Männern in Anzügen, die von Personenschützern bewacht werden. Es ist neun Uhr morgens. Zehn Stunden hintereinander wird einem nun Europa erklärt. Finanzkrise, Euro, Reformen, Wachstum, Sparen, Souveränität - das volle Programm. So etwas gibt es ja eigentlich nur noch, wenn das Kino alle sechs Teile von „Star Wars“ auf einmal spielt. Aber als Konferenz?

Wie immer, wenn man irgendwo Laie ist, fallen einem auch hier zwei Dinge auf: Das Thema ist ganz offensichtlich hochkompliziert, aber dafür sind alle Beteiligten unglaublich vertraut miteinander. Eine Verbindung, die jedem Anfänger undurchdringlich erscheinen muss. Alle Redner kennen einander seit Jahren, duzen sich, legen sich die Hand auf den Arm, wenn sie einander ansprechen. Obwohl sie die jeweiligen Argumente des anderen kennen, fallen sie einander nie ins Wort, bestätigen ihn nur, um ihm danach zu widersprechen, oder beziehen sich gar nicht auf ihn. Es gibt Podien, die bestehen aus vier Diskutanten und sind für eine Stunde angesetzt, und am Ende war jeder nur einmal dran.

Europa im Alltag?

Nach drei Stunden fühle ich mich an den Segelschein erinnert, den ich, statt die Theoriestunden über zwei Wochen zu verteilen, ebenfalls an einem einzigen Wochenende machen wollte. Am Ende dröhnte mir von den ganzen Regeln zu Wasserrecht, Positionszeichen und Navigation so sehr der Kopf, dass ich nicht mehr zur Prüfung gegangen bin. Wenn es nach dieser Konferenz eine Art „Europa-Schein“ zu machen gäbe, ich wüsste nicht, wie ich den bestehen sollte. Andererseits hat nach der Sinusfunktion auch nie wieder jemand gefragt. Was könnte man schon anfangen mit so einem „Europa-Schein“?

Die Zeitungen, Magazine und Sendungen sind voll von Europa. Seit das politische Gebilde in der Krise ist, wird das Thema absolut wichtig genommen. Gleichzeitig kommt es in unserem Alltag eigentlich kaum vor. Unsere Währung heißt immer noch Euro, die Grenzen sind offen, das Gemüse kommt aus Spanien, und Angela Merkel wird unser Geld schon bewachen. Wenn nicht ab und an ein Freund genau begründen könnte, warum Griechenland den Euro verlassen muss, würde man sich gar nicht fragen, ob das denn so stimmt. Es gibt keine Finanzkrise. Es ist eine Staatsschuldenkrise. Ah ja?

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Veröffentlicht: 31.10.2012, 17:32 Uhr

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Von Eckart Lohse

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