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Kommentar zum Amoklauf Signale deuten lernen

11.03.2009 ·  Amok laufende Schüler - wie jetzt in Winnenden - waren nie ein spezifisch amerikanisches Phänomen. Die Erkenntnisse aus solchen Ereignissen müssen dringend weiter verbreitet werden. Schon „Erfurt“ und „Emsdetten“ haben gezeigt, dass verdeckte Signale der Täter nicht ernst genommen wurden.

Von Stefan Dietrich
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Am Dienstag Geneva County, Alabama, am Mittwoch Winnenden, Baden-Württemberg. Die Zeiten, in denen man Berichte über Amokläufe hierzulande als Problem waffenvernarrter Südstaaten-Amerikaner betrachtete, sind endgültig vorbei. Diese Illusion ist schon in Erfurt und Emsdetten zerstoben. Amokläufe waren ohnehin nie ein spezifisch amerikanisches Phänomen. Nur in der besonderen Form mörderischer Schülerüberfälle auf Schulen kamen sie Mitte der neunziger Jahre zuerst in den Vereinigten Staaten häufiger vor. Inzwischen hat es selbst im friedfertigen Finnland in den beiden vergangenen Jahren Massaker an Schulen gegeben.

Für die neun Schüler und sechs Erwachsenen, die der junge Mann in Winnenden und Wendlingen erschoss, bevor er selbst den Tod fand, kommen die Erkenntnisse zu spät, die Wissenschaftler aus den bisherigen Ereignissen gewonnen haben. Ihre Untersuchungen sollten aber dringend verbreitet werden, zumal eines der Ergebnisse ist, dass mit sogenannten School Shootings – so der auf tragische Weise eingebürgerte Fachbegriff – künftig häufiger gerechnet werden müsse.

Exzessive Gewaltdarstellungen

Dass exzessive Gewaltdarstellungen in Filmen dabei eine Rolle spielen, wird nicht mehr ernsthaft bestritten. Insbesondere mit Videospielen, die auf militärischen Schießsimulatoren beruhen (Ego-Shooter), würden Jugendliche wie Soldaten „zum Töten konditioniert“, hieß es in einer Studie aus dem Jahr 2000. Gewiss, Tausende junger Leute reagieren sich damit ab, ohne zu Killern zu werden. Aber bei einigen wenigen kann sich solches virtuelles Training mit anderen Faktoren zu realer Mord- und Rachelust verdichten: Ein schwaches Selbstbewusstsein, gepaart mit unerfülltem Geltungsbedürfnis, Kränkungen von Eltern und Klassenkameraden genügen schon.

Die wichtigste Erkenntnis aus „Erfurt“, „Emsdetten“ und ähnlichen Fällen ist, dass jugendliche Täter jedes Mal mehr oder weniger verdeckte Signale aussandten, die auf ihre Absichten hinwiesen, aber nicht ernst genommen, nur als Angebereien und Imponiergehabe gedeutet wurden. In Winnenden heißt es jetzt, der junge Mann sei „nie in irgendeiner Form auffällig geworden“. Das hat man auch von anderen gesagt, deren in Andeutungen versteckte Hilferufe erst im Nachhinein verstanden wurden. Lehrer, Eltern und Schüler werden lernen müssen, gefährliche Einzelgänger zu identifizieren, bevor sie zu Mördern werden.

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