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Kirchs Erbe Da haftete man noch selbst

 ·  Für den Satz, der Leo Kirchs Filmimperium das Rückgrat brach, muss die Deutsche Bank seinen Erben 800 Millionen Euro zahlen. Die Genugtuung für Kirch kommt leider zu spät.

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Leo Kirch hätte verdient gehabt, das noch mitzuerleben. Knapp achthundert Millionen Euro wird die Deutsche Bank seinen Erben voraussichtlich zahlen und damit einen Rechtsstreit beenden, den Kirch ein Jahrzehnt lang verfolgt hat. Es war der Kampf um sein Lebenswerk, das er durch die im Februar 2002 scheinbar leichtfertig dahingesagte Einschätzung des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs Rolf Breuer zerstört sah. „Was alles man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen.“

So lautete der tödliche Satz. Breuers Diktum, dass Kirchs Kreditwürdigkeit in Frage stehe, mochte seinerzeit den Stand der Dinge zutreffend beschreiben. Doch dadurch, dass der Deutsch-Bank-Vorstand Breuer es sagte, vollendete sich die Entwicklung erst: Kirchs Medienimperium brach zusammen. „Erschossen hat mich der Rolf“, sagte Kirch. Dafür muss die Deutsche Bank nun einen denkbar hohen Preis bezahlen, Breuer selbst ist bereits zu einer Strafe von 350.000 Euro verurteilt worden.

Ein Leben wie ein Wirtschaftskrimi

Leo Kirch war es leider nicht vergönnt, den Triumph seiner Anwälte mitzuerleben. Im Juli des vergangenen Jahres ist er im Alter von 84 Jahren gestorben. In seinen letzten Lebensjahren hatte er sich ausschließlich um den Prozess gekümmert, ganz zuletzt gab er noch für ein Buch seine Vita zu Protokoll. Dieses Leben war geprägt von einem einzigartigen Auf- und Abstieg: Der Filmhändler Leo Kirch stattete das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit Programm aus und avancierte zu einem der Paten des deutschen Privatfernsehens, er legte den Grundstein für die Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1 und war in seinen besten Tagen sogar dem Springer-Konzern gefährlich, in den er als Teilhaber einmarschieren wollte.

Doch gründete Kirchs Expansion auf einem verschachtelten Kreditsystem, das ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Springer schüttelte ihn ab, die Deutsche Bank spielte eine Schlüsselrolle. Einen besseren Stoff für einen Wirtschaftskrimi und für ein Drama nationalen Zuschnitts kann man sich gar nicht ausdenken. Es ist dies auch eine Geschichte aus der Zeit vor dem Siegeszug des Finanzmarktkapitalismus. Leo Kirch zahlte den Preis für seinen Husarenritt, sein Fall war tief. Heute gehen Banken selbst Geschäfte ein, für die sie im Versagensfall die Gesellschaft in Haftung nehmen.

Leo Kirch, der, obzwar steinreich, privat ein ganz und gar bescheidenes und, durch Krankheit bedingt, zurückgezogenes Leben führte, haftete selbst. Dass ihn eine Figur wie Breuer zu Fall brachte, wird man vielleicht irgendwann einmal als Treppenwitz der Mediengeschichte erachten. Ein teurer Treppenwitz freilich, mit einem für die Deutsche Bank - von der zunächst 3,6 Milliarden Euro gefordert waren - immer noch glimpflichen Ende. Die Geschichte hat nur einen Fehler: Ihr Ende kommt zu spät. Was Leo Kirch mit achthundert Millionen Euro anfinge, wüsste man nur zu gern.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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