20.02.2002 · Wie Eduard Benes schon im Londoner Exil die sudetendeutschen Hitler-Gegner ausschaltete / Von Rainer Blasius
Jüngst hat der tschechische Ministerpräsident Zeman bestritten, daß der Vertreibung von mehr als drei Millionen Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg eine "kollektive Schuldzuweisung" zugrunde gelegen habe. Nur die Anhänger Hitlers seien vertrieben worden, nicht aber diejenigen, die gegen ihn gekämpft hätten, sagte Zeman. Auch müsse bei der Beurteilung der Vertreibung die Bewußtseinslage der tschechischen Bevölkerung im Jahre 1945 berücksichtigt werden.
Tatsächlich hatte aber die tschechoslowakische Exilregierung unter Eduard Benes schon kurz nach Beginn des Krieges eine möglichst umfassende Vertreibung der Deutschen angestrebt. Das mußten die sudetendeutschen Hitler-Gegner, die ebenfalls im Londoner Exil lebten und die vom britischen Außenministerium zunächst als Partner akzeptiert worden waren, 1942 erkennen. Vor sechzig Jahren ließ Benes den Sozialdemokraten Wenzel Jaksch und dessen Anhänger spüren, daß für sie nach einem Sieg der Alliierten über das "Dritte Reich" kein Platz in der Tschechoslowakei sein werde.
Jaksch war in der frühen Bundesrepublik der prominenteste Vertriebenen-Politiker der SPD und von Februar 1964 bis zu seinem Tod Ende November 1966 Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV). In dieser Eigenschaft äußerte er: "Es gehört zum Pharisäertum unserer Zeit, Menschen, denen Unrecht geschehen ist, als besonders böse Menschen hinzustellen." Es müsse "gewissen Ratgebern auch in Paris und London" mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß sich Millionen von Sudetendeutschen nicht ungefragt von Staat zu Staat verschieben ließen "wie eine Schachfigur". Damit erinnerte er daran, daß das Münchener Abkommen von 1938, das das Sudetenland dem Deutschen Reich zugeschlagen hatte, nicht nur durch die erpresserische und zum Krieg entschlossene Politik Hitlers zustande gekommen war, sondern auch durch Mitwirkung der Westmächte.
Nicht die Millionen Sudetendeutschen - wie von tschechischer Seite immer wieder pauschal behauptet wird - waren "Hitlers fünfte Kolonne" in der Tschechoslowakei, sondern die Führungsriege der von Konrad Henlein geleiteten Sudetendeutschen Partei (SdP). Die SdP forderte zunächst Minderheitenschutzgesetze und Selbstverwaltung; dann aber stellte sich Henlein im November 1937 heimlich in den Dienst Hitlers. Die Krise um die Tschechoslowakei im Frühjahr und Sommer 1938 wurde einerseits von Berlin aus geschürt. Andererseits setzte sich international der Standpunkt durch, daß die Integration der Sudetendeutschen, die nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie gegen ihren Willen in die Tschechoslowakei eingegliedert worden waren, mißlungen sei. Zu diesem Ergebnis kam auch die Mission des britischen Vermittlers Lord Runciman, der sich von Ende Juli bis Mitte September 1938 in der Tschechoslowakei aufhielt. Auch er tendierte zur Abtretung der Sudetengebiete; die "tschechoslowakische Verwaltung" habe zwar keine "aktive Unterdrückung" ausgeübt, aber "so viel kleinliche Intoleranz und Diskriminierung an den Tag" gelegt, "daß sich die Unzufriedenheit der deutschen Bevölkerung unvermeidlich zum Aufstand fortentwickeln mußte".
Jaksch hatte dies alles aus nächster Nähe miterlebt. Er war 1896 in Langstrobnitz als Sohn eines Häuslers und Bauarbeiters geboren worden. 1913 schloß er sich der Jugendbewegung der Sozialdemokratie an. Als schwer Kriegsversehrter kehrte er nach dem Ersten Weltkrieg in seine Heimat zurück und arbeitete als Redakteur. 1929 wurde er als Abgeordneter der Deutschen Sozialdemokratischen Partei ins tschechoslowakische Abgeordnetenhaus in Prag gewählt und war seit März 1938 Parteivorsitzender, nachdem sich alle anderen politischen Gruppierungen in den Sudetengebieten der Henlein-Bewegung angeschlossen hatten.
Jaksch setzte nicht - wie Henleins SdP - auf einen Bruch, sondern auf einen Ausgleich mit der tschechoslowakischen Regierung. Nach Abschluß des Münchener Abkommens verließ Benes am 5. Oktober 1938 das Land; Jaksch floh erst nach Hitlers Einmarsch in Prag am 15. März 1939 über Polen und Schweden nach Großbritannien. Hier begegnete er Benes wieder, der kurz vor dem Zusammenbruch Frankreichs im Juni 1940 den Sitz des tschechoslowakischen Nationalkomitees von der Seine an die Themse verlegt hatte. Die britische Regierung erkannte ihn als Präsidenten der tschechoslowakischen Exilregierung an.
Benes verfolgte zwei Hauptziele: die Ungültigkeitserklärung des Münchener Abkommens durch die Alliierten und die Genehmigung einer - als "Bevölkerungsumsiedlung" oder "Bevölkerungstransfer" umschriebenen - Vertreibung eines möglichst großen Teils der Sudetendeutschen bei Kriegsende. Auf britischen Druck hin mußte er anfangs noch mit Jaksch über eine Aufnahme sudetendeutscher Politiker in den Exil-Staatsrat verhandeln. Dabei widersetzte sich der Sudetendeutsche den Vertreibungsplänen von Benes am 23. Januar 1942 sogar öffentlich: "Das Ziel der tschechischen Politik bleibt nach wie vor ein maximaler nationaler Machtgewinn nach dem Kriege. Es wäre bequem für unsere Partner, wenn sich dieser Prozeß mit unserer formellen Zustimmung vollziehen würde. Unsere Führung denkt nicht daran, diese Zustimmung zu geben."
Im Juni 1942 - nach dem in London beschlossenen und von dort aus ins Werk gesetzten Attentat auf Reinhard Heydrich und nach den "Vergeltungsmaßnahmen" an den Einwohnern des Dorfes Lidice - wollte Benes etwa eine Million "schuldige" Sudetendeutsche vertreiben. Am 2. Juli 1942 umriß der britische Außenminister Eden für Churchills Kriegskabinett die Vorstellungen von Benes über die Abtretung des Gebietes um Eger an Deutschland mit etwa 600 000 bis 700 000 Sudetendeutschen, den "Transfer" von 300 000 bis 400 000 "Kriegsverbrechern" sowie einer zusätzlichen Million Menschen, "um somit die sudetendeutsche Minderheit auf ungefähr eine Million zu verringern". Daraufhin stimmte das Kriegskabinett am 6. Juli 1942 "für die Nachkriegszeit dem Grundsatz der Umsiedlung deutscher Minderheiten von Mittel- und Südosteuropa nach Deutschland in geeigneten Fällen" zu, ohne sich jedoch auf das Schuldprinzip und auf den zahlenmäßigen Umfang festzulegen.
Auch in der Frage des Münchener Abkommens wurden die Erwartungen der Exilregierung nicht ganz erfüllt. Immerhin erklärte Eden am 5. August 1942, das Abkommen sei nicht von Anfang an ungültig gewesen, sondern "durch die Deutschen" 1939 vorsätzlich gebrochen worden. Im Gegensatz dazu beharrte der Exilpräsident am Abend des 5. August in einer Rundfunkansprache "nach wie vor auf der juristischen Kontinuität unserer Republik, so wie sie vor München existierte". Überhaupt wandte er sich nun außenpolitisch mehr und mehr der Sowjetunion zu, der er sich mit dem Freundschaftsvertrag vom 12. Dezember 1943 endgültig als Vasall Stalins andiente. Für die sowjetische Zustimmung zur Vertreibung von "nur" zwei Millionen Sudetendeutschen hintertrieb Benes das Lieblingsprojekt der Londoner Planungsbürokratie seit 1940: eine polnisch-tschechoslowakische Konföderation als Schutz vor Deutschland und vor der Sowjetunion nach dem Krieg.
Das letzte Gespräch zwischen Jaksch und Benes fand am 1. Dezember 1942 statt. Am folgenden Tag teilte der Exilpräsident dem Foreign Office mit, das Selbstbestimmungsrecht für die Sudetendeutschen zerstöre "das Recht auf Selbstbestimmung von zehn Millionen Tschechoslowaken und mache die Existenz eines unabhängigen tschechoslowakischen Staates unmöglich". Im Januar 1943 vollzog er den endgültigen Bruch, indem er Jaksch vorwarf, aus internen tschechoslowakischen Angelegenheiten ein internationales Thema machen zu wollen. Jaksch und seine Anhänger müßten als "Landesverräter" betrachtet werden. So schaltete Benes die sudetendeutschen Exilpolitiker aus, obwohl sie frühe Gegner des Nationalsozialismus gewesen waren. Sie hatten Benes in London aber keinen "Blankoscheck" für die geplante millionenfache Vertreibung ihrer Landsleute ausstellen wollen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |