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Kaschmir Dann eben auf dem Landweg

10.10.2005 ·  Um Überlebende aus dem Erdbebengebiet zu retten, muß so schnell wie möglich gehandelt werden. Soldaten und Mitarbeiter des Technischen Hilfswerkes stehen bereit, doch es ist schwer überhaupt vor Ort zu gelangen.

Von Stephan Löwenstein
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Die Hilfe ist schnell angelaufen und dann erst mal in der Unübersichtlichkeit hängengeblieben, die bei solchen Katastrophen wohl unausweichlich ist. Seit Montag morgen warten die 45 Soldaten, Männer und Frauen, der Bundeswehr und 15 Männer vom Technischen Hilfswerk darauf, daß sie zu ihrem Einsatzort aufbrechen können: Muzaffarabad, etwa 160 Kilometer nördlich der Hauptstadt Islamabad. Kontingentführer Oberstleutnant Clauss und Einsatzleiter Michael Walsdorff wissen: Jeder Verzug schadet den Opfern des Erdbebens, denen sie zu Hilfe eilen sollen.

Jetzt sitzen sie noch am Flughafen von Islamabad, dem militärischen Teil. Auf einer Wiese am Rand des Rollfelds sind ein paar Zelte aufgebaut, die immerhin etwas Schatten spenden. Vorgesehen war, daß sie mit pakistanischen Hubschraubern weiterbefördert werden. Die seien aber zunächst mit Evakuierungseinsätzen ausgelastet, so heißt es. Endlich, am späten Nachmittag, scheint es soweit: Eilig nehmen die dafür eingeteilten Männer ihre Rucksäcke auf und hasten zu zwei bereitstehenden Hubschraubern mit hellbraun-khakifarbenem Tarnanstrich.

Afghanistan steht den Soldaten kritisch gegenüber

Doch dann stellt sich heraus: Der eine ist defekt, der andere hat keinen Treibstoff, und bis der getankt hat, sei es so spät geworden, daß es beim Rückflug dunkel sei. Clauss hat „die Faxen dicke“: Jetzt wird auf dem Landweg „marschiert“: Mit Lastwagen für Gepäck, Ausrüstung und Hilfsgüter und mit zwei kleineren Bussen für die Mannschaften. Ziel: das Stadion von Muzaffarabad, der Stadt, die mit am schlimmsten getroffen worden sein soll. Wie der Zustand der Straße ist, ist nicht gewiß. Vorsichtshalber rechnet man damit, unter Umständen bis zum Morgen unterwegs zu sein auf der etwa 160 Kilometer langen Strecke.

Die deutschen Helfer folgen - nach entsprechenden Beschlüssen der Bundesregierung - einem Ersuchen des pakistanischen Präsidenten Musharraf. Für die Soldaten kam die Entscheidung erst am späten Sonntagabend. Sie müssen nicht erst von Deutschland hergebracht werden. Schon mittags erhielt das deutsche Kontingent der Afghanistan-Schutztruppe einen Prüfauftrag, ob von den derzeit gut 2.250 Mann Hilfe abgezweigt werden kann, ohne den Auftrag zu gefährden. Die 25 Sanitäter und Ärzte, neun Pioniere und elf Stabsleute und Führungsoffiziere fliegen ab Kabul.

In vier Touren mit dem Transportflugzeug „Transall“ werden sie samt zunächst fünfzehn Tonnen Material nach Islamabad gebracht. Ihr Einsatz ist humanitär motiviert, doch enthält er auch ein zweifaches politisches Signal. Erstens: Die ausländischen Soldaten in Afghanistan helfen, wo Not am Mann ist. Daß Afghanistan ein zumindest teilweise auch feindlich gesinntes Gebiet sein kann, wird den Transall-Insassen in Erinnerung gerufen, als das Flugzeug plötzlich Hitzefackeln ausstößt. Sie sollen auf das Flugzeug abgeschossene Raketen stören - zum Glück war es offenbar ein Fehlalarm. Zweites politische Signal des Einsatzes: Es operieren nicht einzelne Nationen auf eigene Faust.

THW-Helfer aus Hessen unterwegs

Auch andere an Isaf beteiligte Nationen haben Material gespendet, Decken etwa, Zelte und dergleichen. Für die 45 deutschen Soldaten soll zunächst kein Ersatz aus Deutschland nach Afghanistan kommen. Das bedeutet Extraschichten für die Truppe dort, vor allem für das Sanitätspersonal. Etwa eine Woche, so die Planung, sollen die 45 nach Pakistan entsandten Soldaten im Erdbebengebiet bleiben. Die Planung basiert auf der Erfahrung der Fachleute vom Technischen Hilfswerk: Später besteht kaum mehr Aussicht, Überlebende aus den Trümmern zu retten.

Die Helfer vom THW kommen vor allem aus Südhessen. Doch ist die Einheit mit Leuten aus Nordrhein-Westfalen und dem Saarland verstärkt worden, weil die Hessen, wie Einsatzleiter Walsdorff sagt, mit dem Hurrikan-Hilfseinsatz in New Orleans „so ziemlich verbraten“ sind. An diesem Dienstag soll noch ein Wasseraufbereitungstrupp folgen. Bis dahin, so hoffen beide Einsatzleiter, wird man in Muzaffarabad eingetroffen sein, die Lage erkundet haben und mit der eigentlichen Arbeit beginnen können: Retten, bergen und medizinische Erstversorgung leisten.

Quelle: F.A.Z., 11.10.2005, Nr. 236 / Seite 9
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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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