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Irland Kosmische Kosmetik, energetisches Obst

West Cork ist der hinterste Winkel von Irland. Hier kam der trügerische Boom der vergangenen Jahre nie an. Das hat dieser einsamen Gegend nicht geschadet. Denn so ist sie die Heimat stiller Weltverbesserer geblieben.

© Martin Glauert Vergrößern Ganz im Süden Irlands ist viel Platz - auch für Menschen, die man anderswo als Spinner verspotten würde. Hier aber können sie sein, wie sie sein wollen.

Der Mörder flieht. In wildem Galopp jagt das Pferd dahin, Schaum vor dem Mund. Plötzlich öffnet sich vor ihm eine Schlucht. Der Reiter riskiert alles und springt. Die Verfolger zögern, ihre Pferde scheuen, sie bleiben zurück. Wer diesen Sprung wagte, war von nun an jenseits des Gesetzes und frei, ein jahrhundertealtes Landrecht. Heute befindet sich hier kein Abgrund mehr, lediglich eine Kneipe und eine scharfe Straßenkurve. Außen an der Schenke hängt ein Schild, darauf ein springendes Pferd. „Leap“, der Sprung, heißt noch immer der ganze Ort. Von dieser Stelle bis zum äußersten Zipfel der Insel erstreckt sich West Cork, der einsamste Landstrich Irlands, damals wie heute. Doch jetzt muss man kein Halunke mehr sein, um hier das Gefühl von Freiheit und Weite zu spüren.

In der Nacht hat es geregnet, nun aber scheint die Sonne. An diesem frühen Sonntagmorgen sieht die Welt aus wie frisch erschaffen. Das Licht erscheint heller, die Farben intensiver. Die Landstraße ist schmal, an den Rändern wuchern Lilien und Fuchsien statt Leitplanken. Auf den Straßen stehen noch Pfützen, in denen sich ein blauer Himmel spiegelt. Kein Auto ist unterwegs. In Ballydehob tritt der letzte Gast zerknittert aus „Vincent Coughlan’s Pub“, blinzelt in die Sonne und läuft dann ein wenig unsicher die steile Straße hinab.

Punkbräute und Vollbartfreaks

Das alte, unverdorbene Irland, Klischee aus Filmen und Romanen, ein Sehnsuchtsort inmitten idyllischer Natur - hier kann man es finden, echt und quicklebendig. Der Wirtschaftsboom der vergangenen zwanzig Jahre, der Aufstieg des „keltischen Tigers“, gefüttert mit Brüsseler Subventionen, ist an dem Landstrich vorbeigegangen. Manch einer hat es neidvoll bedauert, doch nun erweist es sich als Segen - keine Bauruine und keine Autobahn ins Nirgendwo, stattdessen heile Biotope, kleine Dörfer, freundliche Menschen. Auf den ersten Blick ist alles wie früher. Dahinter aber sind die Dinge in Bewegung geraten.

22621955 © Martin Glauert Vergrößern Auch kein schlechtes Lebensmotto: Aufforderung zum restlosen Durstlöschen in West Cork.

Vom Hang herab schlängelt sich die Straße durch Schull. Im Winter ist es hier oft wie ausgestorben, vom Hafen her steigt dann Nebel auf und dringt durch die Fenster. Heute aber lockt das gute Wetter alle heraus. Vor der roten Holzfassade des „Hackett“ sitzen die Gäste in der Sonne und genießen einen Drink. Sie haben die Holzbänke einfach auf die Straße gestellt. Fahrradfahrer in grellbuntem Outfit hocken neben Punkfrauen mit Igelfrisur und Stachelhalsband, vollbärtige Freaks in ausgeleierten Pullovern, die Dreadlocks schon leicht angegraut, unterhalten sich mit braven Sonntagsgästen in weißem Hemd und Krawatte.

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Veröffentlicht: 27.12.2012, 15:50 Uhr

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