Der Mörder flieht. In wildem Galopp jagt das Pferd dahin, Schaum vor dem Mund. Plötzlich öffnet sich vor ihm eine Schlucht. Der Reiter riskiert alles und springt. Die Verfolger zögern, ihre Pferde scheuen, sie bleiben zurück. Wer diesen Sprung wagte, war von nun an jenseits des Gesetzes und frei, ein jahrhundertealtes Landrecht. Heute befindet sich hier kein Abgrund mehr, lediglich eine Kneipe und eine scharfe Straßenkurve. Außen an der Schenke hängt ein Schild, darauf ein springendes Pferd. „Leap“, der Sprung, heißt noch immer der ganze Ort. Von dieser Stelle bis zum äußersten Zipfel der Insel erstreckt sich West Cork, der einsamste Landstrich Irlands, damals wie heute. Doch jetzt muss man kein Halunke mehr sein, um hier das Gefühl von Freiheit und Weite zu spüren.
In der Nacht hat es geregnet, nun aber scheint die Sonne. An diesem frühen Sonntagmorgen sieht die Welt aus wie frisch erschaffen. Das Licht erscheint heller, die Farben intensiver. Die Landstraße ist schmal, an den Rändern wuchern Lilien und Fuchsien statt Leitplanken. Auf den Straßen stehen noch Pfützen, in denen sich ein blauer Himmel spiegelt. Kein Auto ist unterwegs. In Ballydehob tritt der letzte Gast zerknittert aus „Vincent Coughlan’s Pub“, blinzelt in die Sonne und läuft dann ein wenig unsicher die steile Straße hinab.
Punkbräute und Vollbartfreaks
Das alte, unverdorbene Irland, Klischee aus Filmen und Romanen, ein Sehnsuchtsort inmitten idyllischer Natur - hier kann man es finden, echt und quicklebendig. Der Wirtschaftsboom der vergangenen zwanzig Jahre, der Aufstieg des „keltischen Tigers“, gefüttert mit Brüsseler Subventionen, ist an dem Landstrich vorbeigegangen. Manch einer hat es neidvoll bedauert, doch nun erweist es sich als Segen - keine Bauruine und keine Autobahn ins Nirgendwo, stattdessen heile Biotope, kleine Dörfer, freundliche Menschen. Auf den ersten Blick ist alles wie früher. Dahinter aber sind die Dinge in Bewegung geraten.
Vom Hang herab schlängelt sich die Straße durch Schull. Im Winter ist es hier oft wie ausgestorben, vom Hafen her steigt dann Nebel auf und dringt durch die Fenster. Heute aber lockt das gute Wetter alle heraus. Vor der roten Holzfassade des „Hackett“ sitzen die Gäste in der Sonne und genießen einen Drink. Sie haben die Holzbänke einfach auf die Straße gestellt. Fahrradfahrer in grellbuntem Outfit hocken neben Punkfrauen mit Igelfrisur und Stachelhalsband, vollbärtige Freaks in ausgeleierten Pullovern, die Dreadlocks schon leicht angegraut, unterhalten sich mit braven Sonntagsgästen in weißem Hemd und Krawatte.
Die Lesbenhauptstadt Irlands
In den sechziger Jahren kamen Hippies und Aussteiger aus ganz Europa nach West Cork. Irgendjemand hatte errechnet, dass bei einem Atomkrieg auf dem Kontinent der Südwesten Irlands vom radioaktiven Fall-out verschont bliebe. Zudem lockten sie das einfache Leben und das milde Klima. „Ein buntes, bärtiges Volk“, erinnert sich der Wirt. „Damals wohnten sie alle zusammen in Teepees, großen Indianerzelten, drüben auf dem Hügel.“ Die meisten zogen irgendwann weiter, manche blieben und gaben dem Dorfbild einen unübersehbar alternativen Anstrich. Schull galt lange als die Lesbenhauptstadt Irlands. Reste der Szene sind geblieben, New Age und Esoterik haben ihre Spuren hinterlassen. Meditationszentren, kosmisch inspirierte Kosmetikinstitute, vegane Restaurants findet hier niemand exotisch. Auf einem komplett dunkelblau gestrichenen Haus sind große weiße japanische Schriftzeichen aufgemalt. Es ist die Zahnklinik, die alternative fernöstliche Heilmethoden anbietet.
“Blow ins“ nennen die Einheimischen alle Zugezogenen, „Hereingewehte“. Ein belustigter Unterton schwingt mit, aber auch eine große Portion Neugier und Gastfreundschaft. Das mag damit zusammenhängen, dass Millionen Iren selbst zu Auswanderern wurden und ihr Glück fern der Heimat suchen mussten. Mit einem ausgeprägten Heimatgefühl und zugleich weltoffen begegnen sie den Menschen, die sich in diese Gegend verlieben und dauerhaft herziehen. Das sind inzwischen keine Hippies mehr, sondern meist Künstler, Akademiker und erfolgreiche Geschäftsleute, die der Karriereleiter den Rücken kehren, um für sich und ihre Familie ein erfüllteres Leben zu finden.
Ackerbau statt Profitmaximierung
Wenn Walter Ryan-Purcell mit leiser Stimme und leuchtenden Augen von der Lammgeburt in der vergangenen Nacht erzählt, mag man kaum glauben, dass einer der erfolgreichsten Geschäftsleute des Landes vor einem steht. Die Recyclingindustrie Irlands hat er mitbegründet, die industrielle Kompostierung eingeführt, eine Investmentgesellschaft für erneuerbare Energien ins Leben gerufen, mehrere Fabriken in Irland und England aufgebaut. Vor ein paar Jahren hatte er genug von Profitmaximierung und Ellbogenmentalität. Er ließ sich ausbezahlen und kaufte von dem Geld ein altes Bauernhaus mit reichlich Land in der Nähe von Lowertown, einem kleinen Flecken westlich von Schull. Hügelig und steinig ist das Gebiet, industrieller Ackerbau ist unmöglich, aber das ist ohnehin nicht, was er will. Mit seiner Frau und den zwei Kindern, zwei Schweinen, einem Dutzend Ziegen, Schafen, Hühnern, Hunden, einem Esel und einem Pferd lebt er in seinem kleinen Paradies, nach eigenem Tempo, abgekoppelt von den Anforderungen der Welt.
“Ich habe in meinem Leben genug Rentabilitätsanalysen und Geschäftsstrategien verfasst, jetzt arbeite ich endlich nur nach Gefühl, ohne auf Profit zu schielen“, sagt Walter und krault die Sau hinter den Ohren, die es ihm mit einem genüsslichen Grunzen dankt. Dem organischen Gartenbau hat er sich verschrieben, das Gewächshaus mit den Tomaten ist sein besonderer Stolz. Wie nebenbei zieht Walter ein kleines Gerät aus der Hosentasche, das aussieht wie ein Taschenradio. Die Antenne hält er in die Gießkanne, nur ein paar Sekunden lang. „Es handelt sich um eine einfache elektromagnetische Radiofrequenz von genau 27 Megahertz. Dadurch wird das Wasser mit Energie aufgeladen“, erklärt er dem erstaunten Gast, „wie bei einem Blitzeinschlag in der Natur. Meine Tomaten brauchen weniger Erde und weniger Wasser und werden doch größer als jemals zuvor.“
Lauter fortschrittliche Nostalgiker
Liegt die Lösung für die weltweiten Wasser- und Nahrungsprobleme in dieser Gießkanne? Man möchte Walter als Spinner abtun, wäre da nicht ein gewisser Prof. Dr. Austin Darragh, Leiter des Department of Chemical and Environmental Science an der Universität Limerick, ein Wissenschaftler von internationalem Rang. Sein Institut hat die Technologie entwickelt, weltweit stößt sie auf positive Resonanz, Patentverfahren in achtzig Ländern der Erde sind auf dem Weg, ein Milliardengeschäft. Walter winkt ab. Das ist nicht mehr sein Ding. Er will gar keinen Gewinn machen. Seine Farm steht jederzeit Urlaubern und Besuchern offen, und sie kommen aus allen Teilen der Welt, aus Kalifornien, Singapur, Neuseeland. Im Blockhaus auf dem Hügel hat Walter eine Montessori-Schule gegründet. Die Kinder versorgen die Tiere, melken die Ziegen, machen aus der Milch Käse und sogar Eiscreme. „Das ist mehr wert als alles andere“, meint Walter. Wir stehen auf einem Hügel und schauen übers Land. In der Ferne sieht man das Meer, milder Wind streicht herüber, ein weißes Pferd grast in der Abendsonne. Wahrscheinlich hat Walter die richtige Wahl getroffen.
Sind diese neuen Aussteiger rückwärtsgewandte, sentimentale Nostalgiker, die es sich in einem zurückgebliebenen Landstrich kuschelig machen? „West Cork ist zutiefst traditionell“, sagt Walter, „und zugleich hochmodern. Dazu braucht es heute keine Schornsteine und Reaktoren, sondern clevere Konzepte und Strategien, um die drohende ökologische und wirtschaftliche Katastrophe zu verhindern.“ Der Schull Campus, den er gegründet hat, besitzt keine Universitätsgebäude. Stattdessen haben sich in ihm Fachleute und engagierte Bürger über das Internet vernetzt, tauschen Erfahrungen aus und entwickeln Projekte. Das reicht von der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln bis zur Abkopplung von der europaweiten Finanzkrise. Auf die große Politik verlassen sie sich nicht mehr. „We are the solution, each and every one“, ist ihr selbstbewusstes Credo.
Küchenkonzert mit Patti Smith
Kurz hinter Skibbereen wartet eine angenehme Überraschung, doch sie will entdeckt werden wie eine Prinzessin im Märchen. Der holprige Weg führt durch dichtes Gebüsch, kurvig und scheinbar endlos. Schon kommen Zweifel an der Karte auf, doch dann liegt das helle Herrenhaus plötzlich ganz entspannt in der Abendsonne vor uns: Liss Ard, ehemals Sitz des legendären O’Donovan Clans, jetzt aber auch für normal sterbliche Gäste offen. Seine familiäre, fast intime Atmosphäre hat es sich bewahrt. Nach dem freundlichen Willkommen folgt eine kurze Führung, danach fühlt man sich wie der Hausbesitzer selbst. Zimmernummern gibt es keine, stattdessen im Wohnzimmer eine Bibliothek, aus der man sich bedienen kann. Die Musik legt der Gast eigenhändig auf. Während draußen inzwischen der Regen in dichten Vorhängen vorbeitreibt, versinkt man in einem weichen Sofa vor dem prasselnden Kamin. „Wie fühlen Sie sich?“, fragt Patrick, der gute Geist, und serviert den Tee. „Angekommen!“ trifft es wohl am besten.
“Die Herrenhäuser waren früher ein Zentrum der Geselligkeit und der Kultur“, sagt Arthur Little, der Manager von Liss Ard. „Wir versuchen, diese alten Werte neu zu beleben.“ Was die Gastfreundschaft betrifft, ist das auf jeden Fall schon gelungen. Die entspannte Atmosphäre wissen auch weltberühmte Musiker zu schätzen. Lou Reed und Van Morrison waren hier zu Gast, Nick Cave spielte seine düsteren Balladen am Flügel vor dem Kamin. Patti Smith suchte nach ihrer letzten Europa-Tournee Unterschlupf, um sich in der Abgeschiedenheit zu erholen. Beim Personal bedankte sie sich für die fürsorgliche Bedienung mit einem spontanen Gitarrenkonzert in der Küche, es flossen Tränen.
Der Luxus des Himmelsgartens
Magalie bespricht das Abendessen mit ihrem bezaubernden französischen Akzent. Bei jedem einzelnen Gemüse auf der Speisekarte, bei jedem Lamm und Huhn kann sie den Namen des Produzenten nennen. Die Philosophie dahinter lautet: Die Kochrezepte sind kosmopolitisch, die Lebensmittel aber kommen aus einem Umkreis von höchstens 25 Kilometern. Ortsnah und natürlich, das bedeutet im Zeitalter der Massenproduktion wahre Exklusivität. Doch das ist Arthur Little nicht genug. Seit dem Herbst bietet die Universität Cork auf dem Gelände von Liss Ard den europaweit ersten Studiengang für Grundlagenforschung des organischen Gartenbaus an, wobei die Gäste den Forschern ganz zwanglos über die Schulter schauen können.
Am Morgen schweben noch Nebelschwaden auf dem schilfbewachsenen See. Die Sonnenstrahlen fangen sich darin wie in einem zarten Vorhang. Das Wasser ist torfbraun und schmeichelt der Haut. Es ist still, nur das Plätschern aufgeschreckter Enten ist zu hören. Zeit im Überfluss. Die Natur bietet mehr Luxus als jede Wellness-Landschaft. Beim absichtslosen Stromern durch das wildbewachsene Gelände stößt man auf eine geheimnisvolle Gittertür. Dahinter öffnet sich unverhofft eine andere Welt: der Sky Garden, entworfen von dem amerikanischen Künstler James Turrell. Durch einen engen dunklen Tunnel muss man gehen, dann tritt man befreit hinaus ans Licht und findet sich in einem großen ovalen Krater wieder, rundum begrenzt von einem haushohen, mit Gras bewachsenen Erdwall. Sämtliche Geräusche werden von ihm abgeschirmt, so dass sich die Stille wie ein leichter Druck auf die Ohren legt.
Und endlich ist die Freiheit da
In der Mitte des Kraters steht ein schmaler Steinblock, halb Gartenbank, halb Opfertisch. Legt man sich tagsüber mit dem Rücken auf diesen Stein und schaut geradewegs in den Himmel, kann man sich wunderbar im Spiel der Wolken verlieren. Unvergleichlich ist das Erlebnis jedoch in einer sternklaren Nacht. Ohne Streulicht aus der Umgebung schaut man in den Sternenhimmel, der im Laufe der Zeit immer tiefer, größer und heller zu werden scheint, bis man jegliches Gefühl für sich selbst verliert und im unendlichen Kosmos aufzugehen scheint - ein fast psychedelisches Erlebnis von Weite und Freiheit.
Informationen: Allgemeine touristische Auskünfte gibt es im Internet unter www.tourismireland.de. Ein Leihwagen ist dringend zu empfehlen, da in den ländlichen Gebieten ein öffentlicher Nahverkehr praktisch nicht existiert. Kleine Autos sind wegen der schmalen Straßen vorteilhaft. Das Herrenhaus Liss Ard Estate ist telefonisch unter 00353/28/ 40000 und online unter www.lissardestate.com zu erreichen. Hervorragend essen kann man in der mehrfach prämierten Kneipe „Mary Ann’s“ in Castletownshend (Telefon: 00353/28/36146); der Wirt Fergus ist ein Original. Im Südwesten von Irland trinkt man übrigens keinesfalls Guinness aus Dublin, sondern das lokale Bier Murphys.
Die Reise wurde unterstützt vom irischen Fremdenverkehrsamt.
