18.01.2007 · China bildet an seinen Hochschulen Jahr für Jahr zahlreiche Ingenieure aus. Doch die Qualifikation dieser Absolventen ist häufig dürftig. Unternehmen vor Ort müssen wohl oder übel selbst zusätzlich ausbilden.
Von Frank HollmannDas Gedränge in der Universität von Nanjing ist riesig. Vor den Dutzenden von weißen Kabinen haben sich große Gruppen von Studenten gebildet. Tausende warten auf eine persönliche Karriereberatung. In den Kabinen sitzen Praktiker aus Wirtschaft und Verwaltung und besprechen mit den jungen Männern und Frauen die Vorbereitung auf die Arbeitswelt: Welche Kurse sollten sie noch belegen, welche Sprachen lernen, wo sich um ein Praktikum bemühen, was darf in keiner Bewerbung fehlen. Die Zeit drängt: Im nächsten Juli werden über 4 Millionen Studenten ihren Abschluss machen, 500.000 mehr als noch 2005.
Inzwischen gesteht auch die chinesische Regierung die schlechten Jobchancen ein. Rund 1,24 Millionen Hochschulabsolventen haben allein dieses Jahr keinen Arbeitsplatz gefunden, erklärte kürzlich der Minister für Arbeit und soziale Sicherheit Tian Chengping. Nur jeder fünfte Job, der 2005 in der Volksrepublik neu geschaffen wurde, forderte eine höhere Ausbildung. Auf der Strecke bleibt eine Heerschar frustrierter Jungakademiker. So viel Verschwendung in der Bildung kann sich China nicht leisten. Wie die staatlich gelenkte Zeitung "China Daily" berichtete, hat die Zentralregierung in Peking jetzt eine interministerielle Arbeitsgruppe eingesetzt, um das Beschäftigungsproblem zu lösen. Ein erster Schritt seien Jobbörsen, die wie in Nanjing derzeit im ganzen Land und auch im Internet angeboten werden.
Vielen freilich wird das nichts nützen, trotz abgeschlossenem Studium sind sie schlichtweg nicht ausreichend ausgebildet. So fehle vielen Ingenieurstudenten "professionelles Wissen" und die "Fähigkeit zur Teamarbeit", zitierte unlängst die "Shanghai Daily" den Vizepräsidenten der East China University of Science and Technology, Tu Shandong. Ähnliche Erfahrungen machte auch Linde. 800 Mitarbeiter beschäftigt der deutsche Baumaschinenfabrikant in China. Für das neue Werk in Xiamen im Südosten der Volksrepublik sucht Christoph Kemppermann, Vertriebschef von Linde-Hydraulics, händeringend qualifizierte Ingenieure und Facharbeiter: "Hydrauliker zu finden ist weltweit schwierig und in China eine besondere Herausforderung. Wir werden selber Leute ausbilden müssen. Eine gute Basis bekommt man sicherlich, aber für unsere speziellen Anforderungen müssen wir unsere eigene Ausbildung machen."
„Wie hat der sein Zeugnis gekauft?“
Eine andere Branche, die gleiche Einschätzung. Thomas Dorn, Geschäftsführer der China-Dependance der nordrhein-westfälischen Kranbaufirma Demag, erlebte Absolventen der sogenannten Schweißer-Fachuniversität, die nicht mal den Ein- und Aus-Schalter der Schweißmaschinen fanden. Von den Kenntnissen der angeblichen Facharbeiter wurde er ähnlich ernüchtert: "Die Kenntnisse sind schlichtweg nicht da. Bei einem Elektriker, der losrennt ohne Schraubenzieher und Prüfgerät, frage ich mich: Wie hat der sein Zeugnis gekauft?" 23 Millionen junge Chinesen studieren derzeit, 8 Millionen davon - also rund ein Drittel - ein ingenieurwissenschaftliches Fach. Zum Vergleich: Im ebenfalls aufstrebenden Indien beträgt der Anteil der Ingenieurstudenten gerade mal vier Prozent. Das klingt nach einem schier unerschöpflichen Reservoir an Fachkräften, die der boomenden Wirtschaft im Reich der Mitte zur Verfügung stehen. Die Realität sieht anders aus.
Um in einem internationalen Konzern als Ingenieur arbeiten zu können, ist Englisch vielfach als Arbeitssprache unverzichtbar. Tatsächlich aber können Millionen von Hochschulabsolventen nicht mal eine einfache Unterhaltung auf Englisch führen, obwohl sie auf dem Papier die höchste Stufe des CET, des College English Test, bestanden haben. Dennoch sind nicht mal zehn Prozent der Absolventen qualifiziert, in einem ausländischen Unternehmen als Ingenieur, Finanzexperte oder Kundenberater zu arbeiten. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kam die Schanghaier Niederlassung der Unternehmensberatung McKinsey in ihrem jüngsten Report.
Improvisieren nie gelernt
"Nur ein kleiner Teil der Hochschulabsolventen hat die nötigen Sprach- und praktischen Kenntnisse, um erfolgreich im exportorientierten Sektor arbeiten zu können", sagt Andrew Grant, der Schanghaier Büroleiter von McKinsey. Die Praxis bestätigt das. Selbst Einser-Absolventen des Englischtests fangen bei der ersten Unterhaltung mit einem Ausländer an zu stammeln. Noch mehr beklagen sich europäische und amerikanische Unternehmen über die mangelnde Flexibilität der Hochschulabsolventen. Theoretisches Wissen steht im Vordergrund, die Fähigkeit zum Improvisieren und zur Teamarbeit fehlt fast völlig.
Die unbrauchbaren Akademiker fallen tief. "Manchmal denke ich, ich habe die ganzen Ersparnisse meiner Eltern vergeudet", berichtete zum Beispiel Xiao Zhao. Er hat gerade sein Studium als Agraringenieur beendet. Nun arbeitet er tagsüber als Wachmann und abends bei McDonald's, ohne Chance, seinen Eltern auch nur einen Teil der Studiengebühren zurückzahlen zu können. In China kostet das Studium im Durchschnitt rund 40000 Yuan (rund 4070 Euro), zwanzigmal so viel wie noch 1994. Als Folge der Einkindpolitik setzen viele Eltern ihre ganze Hoffnung auf den einzigen Nachkommen und investieren so viel wie möglich in dessen Bildung. Fast ein Drittel seines Einkommens gibt der durchschnittliche Haushalt in der Volksrepublik dafür aus, Menschen wie die Chauffeurin Wang Jing und ihr Mann, der Taxifahrer Ma Wenhao. Umgerechnet 780 Euro im Jahr zahlt das Schanghaier Ehepaar, damit sein Sohn an der Fudan-Universität Informatik studieren kann. Die beiden verdienen überdurchschnittlich, nur so können sie sich das leisten: "Am liebsten würden wir unseren Sohn auf die besten Schulen der Vereinigten Staaten schicken, aber die sind für uns zu teuer. Wir haben so viel in unseren Sohn investiert, doch trotz des Studiums hat er nicht unbedingt eine brillante Zukunft vor sich."
Lausige Bezahlung
Und selbst die Jungakademiker, die einen ihrem Studium entsprechenden Job finden, können keine großen Sprünge machen. 1200 Yuan Monatsgehalt für einen Juristen oder 3000 Yuan für einen Betriebswirt sind durchaus gängige Gehaltsofferten zum Berufseinstieg. Auch Li Jiayue macht sich keine Illusionen. Die 19-Jährige studiert Maschinenbau in Schanghai. Einer ihrer Verwandten arbeitet schon zehn Jahre in diesem Beruf, ist inzwischen ins Management aufgestiegen und verdient trotzdem umgerechnet nicht mal 800 Euro im Monat. Knapp 200 Euro Monatsgehalt seien heutzutage schon ein gutes Einstiegsgehalt, erklärt die Studentin. He Mingjuan, Professorin für Tiefbau und Vize-Dekan an der Tongji-Universität in Schanghai, sieht auch in den niedrigen Einstiegsgehältern den Hauptgrund, warum so viele chinesische Hochschulabsolventen nicht im erlernten Beruf arbeiten. Jobs gebe es genug, sie würden nur nicht gut entlohnt. Doch wer in Schanghai oder Peking leben will, kann sich mit umgerechnet 1500 Euro Jahresgehalt keine vernünftige Wohnung leisten.
Die panische Angst westlicher Unternehmen vor der gelben Gefahr hält Meng Fanchen, promovierter Bauingenieur und als erster Chinese Leiter der größten Auslandsniederlassung von Siemens, für überzogen: "Die meisten deutschen Eliten, die wirklich überdurchschnittlichen Leistungsträger, arbeiten in der Wirtschaft und nicht wie in China in der Politik. Dadurch ist die deutsche Wirtschaft extrem leistungsfähig."