Frau Dreyer, hatten Sie als Kind eigentlich ein ungestörtes Verhältnis zur Schule?
Ja.
Immerhin war Ihr Vater Schuldirektor...
...und die Mutter Erzieherin. Das ist schon hart, oder? Aber ich bin trotzdem gerne zur Schule gegangen. Ich hatte vielleicht ein gestörtes Verhältnis zum Fach Geschichte. Mein Vater war Historiker. Das war irgendwie immer schwierig.
Waren Sie eine Streberin?
Ich habe mich nie so gefühlt. Ich habe eher eine leichte Auffassungsgabe, nie wahnsinnig viel gelernt und war dennoch gut. Und ich habe eine hohe Disziplin.
War Disziplin das, was Sie in Ihrem Elternhaus gelernt haben?
Disziplin bestimmt. Aber auch so etwas wie Anständigkeit. Man sagt das heute nicht mehr: „Das ist ein anständiger Mensch.“
Was würden Sie unter Anstand fassen?
Dass man bestimmte Dinge im Miteinander einhält: Umgangsformen und Respekt etwa.
Diszipliniert gehen Sie auch mit Ihrer Krankheit um, einer schleichenden Form von multipler Sklerose.
Nicht nur, aber auch. Es gibt Dinge, die muss man einfach tun, um fit zu bleiben. Ich gehe regelmäßig in die Physiotherapie. Egal wie lang der Arbeitstag wird, dafür stehe ich früh auf und sitze um zehn nach sieben im Auto.
Sie haben vor sechs Jahren Ihre Krankheit öffentlich gemacht. Damals hat hauptsächlich Rheinland-Pfalz davon Notiz genommen. Jetzt weiß es ganz Deutschland. Ändert sich dadurch etwas für Sie?
Nein. Nach der Erfahrung von 2006 gehe ich davon aus, dass, bin ich erst einmal Ministerpräsidentin, meine Krankheit wieder in den Hintergrund tritt. Natürlich war das damals in Rheinland-Pfalz ein großes Thema, gab es viele Berichte und Anfragen für Talkshows. Ich habe das meiste gar nicht gemacht. Danach hat sich alles wieder beruhigt.
Aber ist nun nicht wieder genau das eingetreten, was Sie nicht wollen, nämlich über die Krankheit definiert zu werden?
Nein, das sehe ich nicht so. Im Moment steht die Erkrankung zwar wieder im Mittelpunkt. Das ist auch in Ordnung, denn ich bin noch nicht gewählt, kann noch nicht über Regierungsprogramme sprechen. Aber sobald ich im Amt bin, wird die Krankheit wieder in den Hintergrund rücken.
Dann werden wir Sie ganz anders kennenlernen, nach dem Motto: Donnerwetter, die kann beim Länderfinanzausgleich auf den Tisch hauen.
Zum Beispiel.
Können Sie überhaupt auf den Tisch hauen?
Natürlich. Wobei ich das selten tue, aber im übertragenen Sinne bin ich schon sehr energisch. Passt doch auch zur Disziplin, oder?
Sie haben zuerst Theologie und Anglistik auf Lehramt studiert und dann zugunsten von Jura aufgegeben. Warum?
Damals gab es die Lehrerschwemme. Ich hatte keine Lust, zu studieren und keinen Job zu kriegen.
Es hatte also nichts damit zu tun, dass Theologie Ihnen doch nicht gefiel.
Nein, ganz ursprünglich wollte ich ja Ärztin werden. Deshalb habe ich auch ein gutes Abi gemacht und das große Latinum. Danach habe ich mir von heute auf morgen überlegt, dass ich es doch nicht will.
Wieso?
Keine Ahnung. Das bleibt unerklärt in meiner Lebensgeschichte.
Werden wir bundespolitisch viel von Ihnen hören?
Da werde ich mir ein Standing erst erarbeiten. Kurt Beck ist so lange dabei gewesen.
Sie sind in der Wahrnehmung weniger eine Pfälzerin als Kurt Beck ein Pfälzer ist.
Das stimmt. Ich bin zwar in der Pfalz geboren, bin aber mehr eine Rheinland-Pfälzerin. Und kam übrigens nach Mainz, ohne ein Wort Hochdeutsch zu können. Als Achtzehnjährige habe ich dann Hochdeutsch gelernt. Und zu Hause haben alle gesagt: Was ist denn mit der los?
Meinen Sie, dass Frau Klöckner solche Attacken gegen Sie reiten wird, wie sie es gegen Kurt Beck getan hat?
Das wird auf jeden Fall anders sein. Frau Klöckner und Kurt Beck hatten schon ein spezielles Verhältnis.
Und Attacken gegen die Opposition überlassen Sie den Männern an Ihrer Seite?
Nein. Ich streite gerne, allerdings um die Sache und nicht auf persönlicher Ebene.
Ist Sachlichkeit besonders wichtig, wenn zwei Frauen konkurrieren?
Das ist eine schwierige Frage. Mein Nachfolger im Sozialministerium etwa gehört zu einer Generation von Männern, die ganz anders agieren als ihre Vorgänger. Was ist typisch Mann oder Frau? Das ist sicher auch eine Generationenfrage.
So wie es jetzt eine Generation von neuen Vätern gibt?
Es gibt heute mehr Männer, die anders sind. Mein Mann ist übrigens auch so ein Typ, auch wenn er schon Anfang sechzig ist.
Dann hat Familienministerin Schröder recht, wenn sie die Männer mehr einbeziehen will?
Ich würde als Frauenministerin immer noch Frauen- und nicht Männerpolitik machen. Es gibt demnächst vier Ministerpräsidentinnen in Deutschland. Da kann man sagen, in der Politik bewegt sich was. Aber es gibt viel Nachholbedarf.
Ihr Mann ist Oberbürgermeister in Trier, hat seine erste Frau bis zu ihrem Tod gepflegt. Sie leben mit ihm und seinen Kindern im Schammatdorf, einem Wohnprojekt mit Behinderten und Nichtbehinderten. Auf dem Nominierungsparteitag sagten Sie, dass Sie ihn lieben, da stürmte er auf die Bühne und küsste Sie.
Ja, so ist er.
Sind Sie die Anti-Guttenbergs aus der Provinz?
Nein, natürlich nicht. Mein Mann hat einen verantwortungsvollen Job, er wird mich als Ministerpräsidentin nicht oft begleiten können.
Es klingt doch beinahe wie ein Märchen. Beide sind Sozialpolitiker, beide haben ein Schicksal.
Ich bin froh, meinen Mann gefunden zu haben. Er war auch der erste, bei dem ich sagte, den würdest du glatt heiraten.
Und wie viel tragen die politischen Gemeinsamkeiten zum Glück bei?
Wir müssen uns nie gegenseitig erklären, warum wir dauernd keine Zeit haben. Und es gibt ein großes Verständnis für die Höhen und Tiefen in der Politik.
Reden Sie daheim viel über Politik?
Es geht. Wenn Sie Politiker sind, gibt es keine politikfreie Zone.
Hat er Ihnen schon mal den Rat gegeben, auch den SPD-Landesvorsitz zu übernehmen?
Nein. In Rheinland-Pfalz haben wir das Glück, dass es in meiner Generation einige gute Leute gibt. Der Landesvorsitzende etwa, der Fraktionsvorsitzende - wir vertrauen uns. Da sägt keiner am Stuhl des anderen.
So ein Amt verlangt ja seinen Tribut. Werden Sie im Schammatdorf wirklich die „Malu“ bleiben, so wie Sie es immer sagen?
Ja, das bleibt alles normal. Die Nachbarn nehmen weiter die Päckchen an.
Schaffen Sie denn kräftemäßig die vielen Termine einer Ministerpräsidentin, all die Weinfeste etwa?
Mit meinen Kräften hat das nichts zu tun, sondern mit meiner Mobilität. Zu den Weinfesten kann ich auch den Rollstuhl nehmen. Aber man muss immer eine Auswahl treffen. Selbst als Sozialministerin hatte ich 4000 Einladungen im Jahr. Welche Schwerpunkte ich setzen werde, lege ich noch fest. Manches werde ich wie Kurt Beck machen, manches nicht.
Wenn Sie irgendwo eine Rede halten, begleitet Sie jemand zum Rednerpult, stützen Sie sich auf einen Arm. Sind das immer vertraute Arme?
Meistens schon. Aber: Da kommt die Pfälzerin raus. Wenn ich unter Leuten bin, greife ich mir manchmal einfach einen Arm, der gerade da ist.
Lieber einen Arm als einen Stock?
Ja, ein Arm gibt mir die Sicherheit, durch die Reihen marschieren und den Leuten die Hand geben zu können. So eine Stabilität hat man nicht mit einem Stock.
Hoffen Sie, selbst Vorbild zu sein für MS-Kranke?
Das ist nicht mein Vorsatz. Aber ich freue mich, wenn ich höre, dass ich Vorbild für chronisch Erkrankte sei.
Das Gespräch mit der designierten Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz führten Ursula Scheer und Cornelia von Wrangel.
Herr Laurisch,
silvia schleimer (gertrudmaria)
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