Home
http://www.faz.net/-gpc-75oys
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Malu Dreyer „Ich konnte kein Wort Hochdeutsch“

Die rheinland-pfälzische Sozialministerin soll am 16.Januar zur Nachfolgerin von Kurt Beck gewählt werden. Im Interview spricht die designierte Ministerpräsidentin über Sachlichkeit zwischen Frauen, Männer, die anders sind, und das Leben mit multipler Sklerose.

© Röth, Frank Vergrößern Malu Dreyer soll am 16. Januar in die Fußstapfen von Kurt Beck treten und zur rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin gewählt werden

Frau Dreyer, hatten Sie als Kind eigentlich ein ungestörtes Verhältnis zur Schule?

Ja.

Immerhin war Ihr Vater Schuldirektor...

...und die Mutter Erzieherin. Das ist schon hart, oder? Aber ich bin trotzdem gerne zur Schule gegangen. Ich hatte vielleicht ein gestörtes Verhältnis zum Fach Geschichte. Mein Vater war Historiker. Das war irgendwie immer schwierig.

Waren Sie eine Streberin?

Ich habe mich nie so gefühlt. Ich habe eher eine leichte Auffassungsgabe, nie wahnsinnig viel gelernt und war dennoch gut. Und ich habe eine hohe Disziplin.

War Disziplin das, was Sie in Ihrem Elternhaus gelernt haben?

Disziplin bestimmt. Aber auch so etwas wie Anständigkeit. Man sagt das heute nicht mehr: „Das ist ein anständiger Mensch.“

Was würden Sie unter Anstand fassen?

Dass man bestimmte Dinge im Miteinander einhält: Umgangsformen und Respekt etwa.

Diszipliniert gehen Sie auch mit Ihrer Krankheit um, einer schleichenden Form von multipler Sklerose.

Nicht nur, aber auch. Es gibt Dinge, die muss man einfach tun, um fit zu bleiben. Ich gehe regelmäßig in die Physiotherapie. Egal wie lang der Arbeitstag wird, dafür stehe ich früh auf und sitze um zehn nach sieben im Auto.

Sie haben vor sechs Jahren Ihre Krankheit öffentlich gemacht. Damals hat hauptsächlich Rheinland-Pfalz davon Notiz genommen. Jetzt weiß es ganz Deutschland. Ändert sich dadurch etwas für Sie?

Nein. Nach der Erfahrung von 2006 gehe ich davon aus, dass, bin ich erst einmal Ministerpräsidentin, meine Krankheit wieder in den Hintergrund tritt. Natürlich war das damals in Rheinland-Pfalz ein großes Thema, gab es viele Berichte und Anfragen für Talkshows. Ich habe das meiste gar nicht gemacht. Danach hat sich alles wieder beruhigt.

Aber ist nun nicht wieder genau das eingetreten, was Sie nicht wollen, nämlich über die Krankheit definiert zu werden?

Nein, das sehe ich nicht so. Im Moment steht die Erkrankung zwar wieder im Mittelpunkt. Das ist auch in Ordnung, denn ich bin noch nicht gewählt, kann noch nicht über Regierungsprogramme sprechen. Aber sobald ich im Amt bin, wird die Krankheit wieder in den Hintergrund rücken.

Dann werden wir Sie ganz anders kennenlernen, nach dem Motto: Donnerwetter, die kann beim Länderfinanzausgleich auf den Tisch hauen.

Zum Beispiel.

Können Sie überhaupt auf den Tisch hauen?

Natürlich. Wobei ich das selten tue, aber im übertragenen Sinne bin ich schon sehr energisch. Passt doch auch zur Disziplin, oder?

Sie haben zuerst Theologie und Anglistik auf Lehramt studiert und dann zugunsten von Jura aufgegeben. Warum?

Damals gab es die Lehrerschwemme. Ich hatte keine Lust, zu studieren und keinen Job zu kriegen.

Es hatte also nichts damit zu tun, dass Theologie Ihnen doch nicht gefiel.

Nein, ganz ursprünglich wollte ich ja Ärztin werden. Deshalb habe ich auch ein gutes Abi gemacht und das große Latinum. Danach habe ich mir von heute auf morgen überlegt, dass ich es doch nicht will.

Wieso?

Keine Ahnung. Das bleibt unerklärt in meiner Lebensgeschichte.

Werden wir bundespolitisch viel von Ihnen hören?

Da werde ich mir ein Standing erst erarbeiten. Kurt Beck ist so lange dabei gewesen.

Sie sind in der Wahrnehmung weniger eine Pfälzerin als Kurt Beck ein Pfälzer ist.

Das stimmt. Ich bin zwar in der Pfalz geboren, bin aber mehr eine Rheinland-Pfälzerin. Und kam übrigens nach Mainz, ohne ein Wort Hochdeutsch zu können. Als Achtzehnjährige habe ich dann Hochdeutsch gelernt. Und zu Hause haben alle gesagt: Was ist denn mit der los?

Meinen Sie, dass Frau Klöckner solche Attacken gegen Sie reiten wird, wie sie es gegen Kurt Beck getan hat?

Das wird auf jeden Fall anders sein. Frau Klöckner und Kurt Beck hatten schon ein spezielles Verhältnis.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
8-Jährige über die Zukunft Mit 40 mag ich Lego immer noch

Die Zweitklässler Jan und Laura reden über die Zukunft, das Älterwerden und die Frage, ob Erwachsene mehr Angst haben als Kinder. Mehr Von Wibke Becker

16.05.2015, 21:31 Uhr | Gesellschaft
Frankfurter Anthologie Kurt Drawert: Matrix Amerika

Matrix America von Kurt Drawert, gelesen von Thomas Huber. Mehr

06.02.2015, 17:15 Uhr | Feuilleton
Frauen in Führungspositionen Es gibt nicht den einen Typ Frau, der erfolgreich ist

Frauen können heute Mutter sein und Karriere machen. Um als Frau in der Hierarchie weit nach oben zu klettern, dafür gibt es keinen Königsweg, sagt Führungskräftetrainerin Kerstin Plehwe. Mehr Von Jennifer Warzecha

10.05.2015, 08:00 Uhr | Beruf-Chance
Von wegen Frauensache Männermodels gesucht

Die Agentur Elite Model Look weitet ihren internationalen Model-Wettbewerb auf junge Männer aus. Gesucht werden nunmehr nicht nur Mädchen und Frauen, sondern auch Jungen und Männer - sie sollen 16 bis 22 Jahre alt sein und mindestens 1,84 m messen. Mehr

03.04.2015, 10:23 Uhr | Stil
Uwe Becker (CDU) Es geht darum, unsere Kanten wieder stärker herauszuarbeiten

Ein knappes Jahr vor der Kommunalwahl spricht der Frankfurter CDU-Vorsitzende Uwe Becker über die Chancen, die schwarz-grüne Koalition fortzusetzen. Dazu will er das christdemokratische Profil stärken. Mehr Von Tobias Rösmann

14.05.2015, 09:06 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.01.2013, 14:21 Uhr

Verordnete Einheit

Von Heike Göbel

Zum ersten Mal erntet die Bundesarbeitsministerin Lob aus der Wirtschaft. Aber tatsächlich sieht es eher so aus, als würde das neue Tarifeinheits-Gesetz Verteilungskonflikte verschärfen. Mehr 5 10

Paul Ivic Der beste vegetarische Koch Europas

Weltweit gibt es kaum vegetarische Restaurants mit Michelin-Stern. Seit April 2014 gehört das „Tian“ in Wien dazu, das außerdem drei Hauben von Gault Millau vorweisen kann. Das verdankt das Restaurant den Ideen seines Küchenchefs Paul Ivic. Mehr 4

Das Beste aus dem Netz Wenn sich so nicht Drachen zähmen lassen

... wie dann? Rastafarian Targaryen, John Snow, Chris Martin: Sie alle standen beim diesjährigen Red Nose Day für Coldplay’s Game of Thrones-Musical auf der Bühne. Mehr 0