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Im Gespräch: Malu Dreyer „Ich konnte kein Wort Hochdeutsch“

Die rheinland-pfälzische Sozialministerin soll am 16.Januar zur Nachfolgerin von Kurt Beck gewählt werden. Im Interview spricht die designierte Ministerpräsidentin über Sachlichkeit zwischen Frauen, Männer, die anders sind, und das Leben mit multipler Sklerose.

© Röth, Frank Malu Dreyer soll am 16. Januar in die Fußstapfen von Kurt Beck treten und zur rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin gewählt werden

Frau Dreyer, hatten Sie als Kind eigentlich ein ungestörtes Verhältnis zur Schule?

Ja.

Immerhin war Ihr Vater Schuldirektor...

...und die Mutter Erzieherin. Das ist schon hart, oder? Aber ich bin trotzdem gerne zur Schule gegangen. Ich hatte vielleicht ein gestörtes Verhältnis zum Fach Geschichte. Mein Vater war Historiker. Das war irgendwie immer schwierig.

Waren Sie eine Streberin?

Ich habe mich nie so gefühlt. Ich habe eher eine leichte Auffassungsgabe, nie wahnsinnig viel gelernt und war dennoch gut. Und ich habe eine hohe Disziplin.

War Disziplin das, was Sie in Ihrem Elternhaus gelernt haben?

Disziplin bestimmt. Aber auch so etwas wie Anständigkeit. Man sagt das heute nicht mehr: „Das ist ein anständiger Mensch.“

Was würden Sie unter Anstand fassen?

Dass man bestimmte Dinge im Miteinander einhält: Umgangsformen und Respekt etwa.

Diszipliniert gehen Sie auch mit Ihrer Krankheit um, einer schleichenden Form von multipler Sklerose.

Nicht nur, aber auch. Es gibt Dinge, die muss man einfach tun, um fit zu bleiben. Ich gehe regelmäßig in die Physiotherapie. Egal wie lang der Arbeitstag wird, dafür stehe ich früh auf und sitze um zehn nach sieben im Auto.

Sie haben vor sechs Jahren Ihre Krankheit öffentlich gemacht. Damals hat hauptsächlich Rheinland-Pfalz davon Notiz genommen. Jetzt weiß es ganz Deutschland. Ändert sich dadurch etwas für Sie?

Nein. Nach der Erfahrung von 2006 gehe ich davon aus, dass, bin ich erst einmal Ministerpräsidentin, meine Krankheit wieder in den Hintergrund tritt. Natürlich war das damals in Rheinland-Pfalz ein großes Thema, gab es viele Berichte und Anfragen für Talkshows. Ich habe das meiste gar nicht gemacht. Danach hat sich alles wieder beruhigt.

Aber ist nun nicht wieder genau das eingetreten, was Sie nicht wollen, nämlich über die Krankheit definiert zu werden?

Nein, das sehe ich nicht so. Im Moment steht die Erkrankung zwar wieder im Mittelpunkt. Das ist auch in Ordnung, denn ich bin noch nicht gewählt, kann noch nicht über Regierungsprogramme sprechen. Aber sobald ich im Amt bin, wird die Krankheit wieder in den Hintergrund rücken.

Dann werden wir Sie ganz anders kennenlernen, nach dem Motto: Donnerwetter, die kann beim Länderfinanzausgleich auf den Tisch hauen.

Zum Beispiel.

Können Sie überhaupt auf den Tisch hauen?

Natürlich. Wobei ich das selten tue, aber im übertragenen Sinne bin ich schon sehr energisch. Passt doch auch zur Disziplin, oder?

Sie haben zuerst Theologie und Anglistik auf Lehramt studiert und dann zugunsten von Jura aufgegeben. Warum?

Damals gab es die Lehrerschwemme. Ich hatte keine Lust, zu studieren und keinen Job zu kriegen.

Es hatte also nichts damit zu tun, dass Theologie Ihnen doch nicht gefiel.

Nein, ganz ursprünglich wollte ich ja Ärztin werden. Deshalb habe ich auch ein gutes Abi gemacht und das große Latinum. Danach habe ich mir von heute auf morgen überlegt, dass ich es doch nicht will.

Wieso?

Keine Ahnung. Das bleibt unerklärt in meiner Lebensgeschichte.

Werden wir bundespolitisch viel von Ihnen hören?

Da werde ich mir ein Standing erst erarbeiten. Kurt Beck ist so lange dabei gewesen.

Sie sind in der Wahrnehmung weniger eine Pfälzerin als Kurt Beck ein Pfälzer ist.

Das stimmt. Ich bin zwar in der Pfalz geboren, bin aber mehr eine Rheinland-Pfälzerin. Und kam übrigens nach Mainz, ohne ein Wort Hochdeutsch zu können. Als Achtzehnjährige habe ich dann Hochdeutsch gelernt. Und zu Hause haben alle gesagt: Was ist denn mit der los?

Meinen Sie, dass Frau Klöckner solche Attacken gegen Sie reiten wird, wie sie es gegen Kurt Beck getan hat?

Das wird auf jeden Fall anders sein. Frau Klöckner und Kurt Beck hatten schon ein spezielles Verhältnis.

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