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"Ich kriege hier den Stoff, den ich brauche"

15.03.2003 ·  Zum Beispiel Putenschnitzel, Kartoffeln und Salat: Wenn Petra Rommel morgens mit der Straßenbahn in die Stadt hineinfährt, überlegt sie manchmal, was sie kochen könnte. Sie versucht, ihren Tag zu planen, den Einkauf, das Mittagessen, vielleicht ein bißchen Wohnungsputz.

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Von Julia Schaaf

Zum Beispiel Putenschnitzel, Kartoffeln und Salat: Wenn Petra Rommel morgens mit der Straßenbahn in die Stadt hineinfährt, überlegt sie manchmal, was sie kochen könnte. Sie versucht, ihren Tag zu planen, den Einkauf, das Mittagessen, vielleicht ein bißchen Wohnungsputz. Nichts Besonderes eigentlich. "Ich hab so'n bißchen Hausfrauendasein angenommen", sagt die Zweiunddreißigjährige und lächelt fast ein wenig überrascht. Die Straßenbahn hält vor der Medizinischen Poliklinik Bonn. Hinter der weißen Mauer an der Gebäuderückseite betritt Rommel einen Bungalow. Dort, unter den Augen der Krankenpfleger, spritzt sie sich Heroin.

Petra Rommel (Name geändert) war viermal in der Drogenklinik, knapp zwei Jahre lang obdachlos und 15Monate im Gefängnis. Sie nimmt Heroin, seit sie 17ist. Jeden Tag. Gegessen hat die dünne, blasse Frau oft nur Schokolade, irgendwann zwischendurch, wenn überhaupt. Für mehr hat ein Junkie keine Zeit. Tage und Nächte sind getaktet vom Kreislauf der Sucht, in dem es keine Auszeit gibt, weil sich nach jedem "Druck" sofort die alte Frage stellt: Woher kommt neuer Stoff? Und woher das Geld dafür? Petra Rommel hat geklaut - Spirituosen, Zigaretten, Dinge, die man immer los wird, oder teure Turnschuhe und Luxusparfums, je nach Bestellung des Hehlers. Sonn- und Feiertage gab es nicht und oft genug, aus Angst vor Entzug, nicht einmal ruhige Nächte. Das ist alles vorbei. Seit September bekommt Rommel ihre Droge zweimal täglich in der Heroinambulanz.

Der Staat als Dealer? Nach fast zehnjähriger Debatte sind deutsche Schwerst- und Langzeitabhängige vor zwölf Monaten in Bonn zum ersten Mal mit dem Stoff behandelt worden, der ihr Leben zerstört hat: Heroin als Medizin. Kritiker äußern Bedenken gegen diesen Modellversuch, bei dem in ganz Deutschland 560Süchtige Heroin und noch mal so viele als Kontrollgruppe Methadon bekommen. In den sieben beteiligten Städten haben um ihre Sicherheit besorgte Bürger gegen die Ausgabestellen protestiert. Frankfurt konnte aus diesem Grund erst Ende Februar mit der Vergabe starten. In Hamburg fehlen noch Teilnehmer; für Ergebnisse ist es zu früh. Der Hamburger Psychiater Michael Krausz, Leiter der Studie, lobt, daß tatsächlich Abhängige betreut würden, die bisher von der Drogenhilfe überhaupt nicht profitiert hätten; für Beschwerden der Bevölkerung gebe es keinen Anlaß. Aber erst in anderthalb Jahren werde man wissen, was Befürworter schon lange hoffen: ob die Heroinbehandlung in bestimmten Fällen erfolgreicher ist als jene mit Methadon und deshalb eine Zulassung verdient, wie es Studien in der Schweiz und Holland nahelegen.

Petra Rommel sagt schon jetzt: "Das war das beste, was ich überhaupt machen konnte. Ich kriege hier den Stoff, den ich brauche. Und ich kann mich um wirklich wichtige Dinge kümmern. Ich spüre von mir selber das Verlangen, meine Sachen auf die Reihe zu kriegen." Die Zweiunddreißjährige hat angefangen, ihre Schulden zurückzuzahlen, 20Euro im Monat. Für einen Junkie, der seine 235Euro Sozialhilfe früher spätestens nach zwei Tagen in Drogen umgesetzt hatte, ist das eine ganze Menge. Termine beim Anwalt hält Rommel penibel ein. Und zwei Kilo mehr wiegt sie inzwischen auch. Die Frau wirkt zart, obwohl sie groß ist und selbstbewußt redet. Ihre Augenbrauen sind zu hell für das schwarz gefärbte Haar, blaue Ohrringe, die zu Jeans und Pulli passen, pendeln neben dem Gesicht, das sich beim Erzählen rosig färbt. Der Schatten unter den Augen ist weg, die sichtbare Anspannung verschwunden. Sie sei ruhiger geworden, seit sie keine acht Dosen Bier mehr brauche, um den Tag zu überstehen, sagt Rommel. Manchmal lacht sie, laut und gelöst.

Ihre Biographie ist typisch: mit Zwölf der erste Schluck Alkohol, dann Joints und schon bald, bis zum ersten Schuß Heroin, Experimente mit allem, was zu kriegen ist - Amphetamine, LSD, Stechapfel und Tollkirsche. Die Eltern, beide Alkoholiker, waren so mit sich beschäftigt, daß die Tochter früh allein zurechtkommen mußte. Und Petra Rommel blieb bei Heroin. Sie sagt: "Ich hab' ein wirkliches Wohlempfinden, wenn ich mir'n Druck mache. Das gibt mir alles, was ich sonst verloren habe." Halt, Wärme, Geborgenheit. Ein Pulver, von dem sie genau weiß, wie sehr es ihr geschadet hat. Wenn Rommel erwähnt, wie sehr sie sich vor dem Gefängnis fürchtet, schweigt sie plötzlich, greift nach einem Taschentuch und drückt es gegen die Augen. Weitergeklaut hat sie trotzdem. Und sich mit Hepatitis infiziert. Wie viele Heroinabhängige beschreibt die Frau, die einen einfachen, vom Sozialamt bezahlten Ehering trägt, weil sie vor zwei Jahren ihren Freund aus der Szene geheiratet hat, ihre Sucht erstaunlich klar. Das liegt auch an den Therapien: "Da lernt man reflektieren."

Das Therapieangebot der Studie hingegen ist für sie neu. Erstmals werden bei dem Modellversuch zwei Betreuungskonzepte überprüft, um bisherige Ansätze in der Drogenhilfe zu verbessern und zu standardisieren. In Bonn wird das Prinzip "Psychoedukation" getestet: Statt um Kindheitserinnerungen geht es um Lebenshilfe für die Zukunft. "Positives Selbstbild" heißt zum Beispiel ein Thema. Petra Rommel knetet die Kappe eines Kugelschreibers. "Mir fiel da nichts ein", sagt sie. Weil es allen in der Gruppe ähnlich ging, mußten die Süchtigen aufschreiben, was sie aneinander schätzen. Schnell waren die Zettel voll. "Clever", "zuverlässig", "guter Humor" stand bei Rommel, bei ihr, die sich so widerlich fand, wenn sie klaute oder betrunken war: "Ich hab' vorher immer gedacht, ich bin wertlos."

Andere Begleitstudien sollen ermitteln, wie sich die vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Heroinvergabe auf die örtliche Beschaffungskriminalität auswirkt, welche Kosten entstehen - und wieviel Geld gespart würde, wenn durch die Behandlung medizinische Ausgaben oder Haftstrafen vermieden werden könnten. Schmutzige Spritzen und das typischerweise gestreckte Straßenheroin zum Beispiel verursachen Abszesse, die manchmal zu Amputationen führen. Für den Erfolg der Studie jedoch kommt es laut Studienleiter hauptsächlich darauf an, ob es den Abhängigen gesundheitlich bessergeht und ob sie weniger illegales Heroin spritzen, ohne daß der bei vielen übliche Kokainkonsum steigt. Dafür werden die Patienten ärztlich untersucht; regelmäßige Urin- und Haarproben dokumentieren Spuren von Valium und anderen Rauschgiften. Ihr Heroin bekommen die Teilnehmer zwei- bis dreimal täglich in einem weiß gekachelten Raum der Bonner Ambulanz, der im Neonlicht sehr nüchtern aussieht. Auch Wasch- und Fußbecken für ein warmes Bad, falls jemand seine geschundenen Venen nicht findet, wirken klinisch. Die Durchreiche jedoch für die fertig aufgezogenen Spritzen erinnert an den Kassenschalter einer Bank: Diaphin, also reines Heroin, in Wasser gelöst, von einem europäischen Pharmaproduzenten aus Rohopium hergestellt, der auch Holland und die Schweiz beliefert. Die Droge wird im Tresor verwahrt. Die Trennscheibe ist aus Panzerglas.

Warum ausgerechnet Heroin? Ist es nicht Wahnsinn, Süchtige mit illegalem Rauschgift zu versorgen, anstatt sie davon abzubringen? Anders als Alkohol, sagt Dirk Lichtermann, leitender Prüfarzt der Bonner Studie, habe Heroin den Vorteil, daß es zwar abhängig mache, aber keine Organe schädige. Linde Wüllenweber, die die psychosoziale Betreuung leitet, hofft auf einen dringend nötigen Baustein im Hilfesystem, der auch bisher aussichtslosen Fällen eine Chance bietet - den Verelendeten, den Kranken, denen, die riskieren, am Heroin zu sterben. "Alles andere ist schon probiert worden", sagt Studienleiter Krausz. Er schätzt die Zahl der Heroinabhängigen in Deutschland, pessimistischer als andere, auf mindestens 150000, von denen bis zu 40000 bisher keinen Kontakt zu Hilfsangeboten hätten oder kaum von der Methadontherapie profitierten - die mögliche Zielgruppe. Petra Rommel erzählt, sie sei immer rückfällig geworden. Methadon habe sie dösig gemacht, ohne ihre Sehnsucht nach dem Kick zu befriedigen. War sie nach einer stationären Behandlung clean, kreisten ihre Gedanken um das Ziel, clean zu bleiben, bis sie sich wieder Stoff besorgte.

Der Ausstieg ist auch bei der Heroinstudie das letzte Ziel. Wenn man Sucht aber nicht moralisch begreift als persönliches Versagen oder Schuld, sondern, wie medizinisch üblich, als chronische Erkrankung, braucht Heilung logischerweise Zeit. Erster Schritt ist die Stabilisierung der Patienten. Petra Rommel sagt: "Daß sich das so entwickelt, da hätte ich wirklich nicht mit gerechnet." Ihre Ehe ist weniger chaotisch; inzwischen nimmt auch ihr Mann an dem Modellversuch teil. Manchmal sitzt die Abhängige abends einfach zufrieden auf der Couch. Auch arbeiten würde sie gern - zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie sagt: "Ich will nicht immer nur auf irgendwelchen Ämtern bitte-bitte sagen." Sie träumt von einer Stelle in der Kneipe. Oder im Zoo. Womöglich nicht trotz, sondern wegen des Heroins. Die Studie wird es zeigen.

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