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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 10.01.2013, 08:43 Uhr

Holocaust-Überlebende Man spricht Deutsch

In einem Café treffen sich alte Menschen, erzählen Witze, hören Musik, streiten sich. Sie reden über Bienenstich und Birkenau. Es ist wie ein exklusiver Klub, nur hat niemand die Mitgliedschaft gewollt.

© Frank Schultze / ZEITENSPIEGEL

Drei Damen an Tisch 3 beugen sich über den Bienenstich. „Geht gar nicht“, sagt die eine. „Für die Mandeln braucht man eine Lupe“, seufzt die zweite. Die dritte ordnet ihren bronzefarbenen Seidenschal, hebt an zu einer Rede über fingerdicken Hefeteig und Karamell: „Nur ein kleiner Schuss Honig, unbedingt!“ Von drüben, dem anderen Saaleck, schwebt der ungarische Csárdás aus einem Akkordeon der Marke „Weltmeister“ heran. Wie leise er klingt. Das alte Volkslied streicht über die Köpfe an den vier langen Tischen hinweg, verliert sich unter der vier Meter hohen Holzdecke mit ihren Intarsien und geschnitzten Kuppeln.

„Auf dem Transport haben wir auch ständig über Kuchenrezepte geredet, so einen Hunger hatten wir“, fällt Nora O., 88, ein. „Wir auch“, sagt Lilly M., 89. Beide stammen aus einem kleinen Dorf in Ostpolen. „In Birkenau habe ich dich dann aber gar nicht gesehen“, sagt Nora O., sie hält eine kleine Gabel hoch. „Dabei standen wir beide im Stau.“ Ihre Haare waren schon geschoren, sie warteten vor der Gaskammer. Doch die war voll, es ging wieder zurück in die Baracken. „In Bergen-Belsen erst haben wir uns getroffen.“ Eine Tasse klirrt. Von rechts beugt sich eine Dame vor, die Wangen gerötet: „Könnten Sie mal anderes bereden als Kuchenrezepte?“

Dieses Café ist anders. Es ist wie ein exklusiver Klub, nur hat niemand die Mitgliedschaft gewollt; der Preis ist hoch. Hastig nippt ein Mann mit Kahlkopf an seiner Tasse, er schaut zur Garderobe. Als suche er etwas. Es riecht nach herbem Kaffee. Seinen Namen behält dieser kleine, kräftige Mann mit kleinen, blitzenden Augen für sich. „Interessiert doch nicht“, sagt er, mag kaum darüber reden, dass er nicht polizeilich gemeldet ist, seit Jahrzehnten. Dass ihn Erspartes schützt, aber keine Krankenversicherung. Die Leute hier im Café kennen nur seine Postfachadresse. Auf einer Liste will er niemals mehr stehen.

„Treffpunkt“

Die Gäste nennen diesen Ort einfach: „Treffpunkt“. Zärtlich streift im Vorbeigehen ein Herr mit seiner linken Hand die Schulter einer Dame am Tisch der „Golden Girls“, dort sitzen die besonders elegant Gekleideten. Gegenüber, an Tisch 2, sitzt Siegfried A. und schaut zu. „Der macht Schiddech“, lächelt er, „der sucht sich eine Frau.“ Siegfried A. ist 89 Jahre alt, er stützt sich im Sitzen auf einen Stock. Wie jedes Mal hat er zum Besuch des „Treffpunkt“ sein weißes Hemd gebügelt, den waldgrünen Einreiher aus der Plastikschutzhülle geholt und seine Krawatte doppelt geknotet. Er schiebt sein Kinn vor und erzählt erstmal einen Witz:

„Schmuel, was hast du im Radiogebäude gemacht?“

„Mi-mich u-um die Sch-sch-schtelle des A-Ansagers beworben“. „Und, hast du sie bekommen?“

„Nein, d-das s-sind a-alles A-a-antisemiten!“

Shoa Cafe Frankfurt © Frank Schultze / ZEITENSPIEGEL Vergrößern

Siegfried A. erzählt gern Witze, besonders, wenn es Ärger gab, danach fühlt er sich besser. „Heute Vormittag habe ich mit meinem Nachbarn geplaudert. Der erzählte von seiner Bandscheiben-OP und sagte: ,Ich wusste doch immer, dass die jüdischen Ärzte die besten sind.‘“ Da passe er dann auf, „warum sagt er mir das? Ist das jetzt antisemitisch, oder spinne ich?“

„Hier wissen alle Bescheid“

Elf Muttersprachen ließen sich hier hören, aber gesprochen wird zumeist Deutsch. „Hier muss ich nichts erklären“, sagt Siegfried A., „hier wissen alle Bescheid.“ An den Tischen beugen sie sich vor, man schmunzelt - ein leiser Stimmenrausch legt sich auf die Musik. Siegried A. wuchtet sich aus dem Stuhl, legt sanft seine beiden Zeigefinger auf den Tisch. Die braune Hornbrille weitet seine Augen. „Wollen wir tanzen, gnä’ Frau?“, blinzelt er seine Frau an. Anna A. lacht auf. Nein, die Beine tragen ihn nur schwer, zu schwer für die hastige Polka, die das Akkordeon gerade anschlägt. Aber seine Grübchen entlang der Mundwinkel machen alles leicht, entzaubern ihr im Nu ein Lächeln. Wie damals, als sie sich beim Tanzen kennenlernten, es war 1951. Siegfried A. schaut sie immer noch tief an, „na, mein Liebchen, das ist so“.

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