Das Abbild des Comandante Ernesto Guevara de la Serna ist legendär. Es begleitete schon die Achtundsechziger neben den Porträts von Ho Chi Minh und Mao auf viele Demonstrationszügen. Die stark kontrastierte Darstellung Ches mit einem Barett, einem roten Stern und einem über den Betrachter weisenden Blick zählt zu den bekanntesten Aufnahmen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Seit den Sechzigern dient Ches Konterfei verschiedensten Gruppen als ein politisches, mitunter gar ökonomisches Vehikel. Bei Auftritten der amerikanischen Rockband Rage Against the Machine prangte es als riesenhaftes Banner im Bühnenhintergrund. Der deutsche Mobilitätsdienstleister Sixt meinte sich 1996 dieses revolutionären Charmes bedienen zu müssen und bewarb mit dem Bildnis die automatengestützte Vermietung eines C-Klasse-Mobils von Mercedes.
Eine weichgespülte Popikone
Während eine große Werbekampagne mit Che Guevara zumindest mancherorts noch Widerspruch erregen dürfte, ist der Comandante auf der Straße, dem einstigen Revier der Achtundsechziger, längst zur weichgespülten Popikone verkommen: Che-T-Shirts sind Massenware. Unter ihnen steckt eine ernsthafte politische Haltung wohl nur in den seltensten Fällen.
Dabei würde es nicht schaden, wüssten seine Träger, was sie tun. Schließlich ist der „Christus mit der Knarre“ – so sah ihn Wolf Biermann in einem seiner Lieder – ein Paradoxon: Gilt er den einen als Freiheitskämpfer, sehen andere in ihm den Terroristen, der politische Gegner drangsalierte und erschießen ließ, den Gründer von Arbeitslagern auf der Guanacahabibes-Halbinsel, in die wohl nicht nur Kriminelle, sondern auch Dissidenten oder Homosexuelle gesteckt wurden.
„Ich bin wohlauf und lechze nach Blut“
So fragte sich der liberale Kolumnist Carlos Gebauer einmal, warum bundesrepublikanische Akademiker ein solches Hemd trügen. Könne es vierzig Jahre nach dem Tod Che Guevaras im deutschen Bildungsstaat noch Wissenslücken zu diesem Mann geben? Er wolle nicht glauben, schreibt Gebauer, dass seine Mitbürger jemanden verehrten, der gesagt habe: „Ich bin wohlauf und lechze nach Blut.“
Wer nun modepolitisch abrüsten möchte, baumwollene Alternativen gäbe es: „Garantiert demotaugliche linke T-Shirts im Geiste des Comandante Che Guevara“ bietet beispielsweise ein Internet-Handel an. Darunter findet sich allerhand klassenkämpferische Prominenz. Ein olivgrünes T-Shirt ziert ein gut gelaunter, rotsterngerahmter Rudi Dutschke, dem man wahrlich nicht unterstellen kann, er habe Menschen auf dem Gewissen. Ein anderes zeigt den Hamburger KPD-Politiker Ernst Thälmann mit seiner charakteristischen Schiffermütze. „Teddy“, sein Deckname, steht darunter. Thälmann, von 1924 bis 1933 Reichstagsabgeordneter, wurde in KZ-Haft 1944 auf Geheiß Hitlers erschossen. Für rund zwanzig Euro lässt sich dort außerdem ein „klassisch geschnittenes T-Shirt für Männer“ bestellen, das Jassir Arafat, selbstredend mit Kufiya, zeigt. Aus neunzehn Farben kann man diejenige wählen, auf der man den Friedensnobelpreisträger am liebsten zur Schau tragen würde.
„Stolz gedruckt auf deutschen Brüsten“
Wohin aber modisch mit all den Frauen und Männern, für die vom „Geiste des Comandante Che Guevara“ nichts übrig geblieben ist, die auf der Links-Rechts-Skala vielleicht sogar zur diskreditierten Seite neigen? Tatsächlich können auch sie mittlerweile ihre Helden überziehen. „Warum nicht Claus Schenk Graf von Stauffenberg“, fragt der Jurist Gebauer in einer seiner Kolumnen: „Hätte nicht er vor allen anderen den legitimen Anspruch, auf deutschen Brüsten stolz gedruckt und bügelfrei zu prangen? Käme nicht ihm, der sein Leben einsetzte, die Ehre – wenn es denn eine ist – zu, allüberall auf Postern und Plakaten weiterzuleben? Was hindert einen solchen Kult?“
Zumal die konservative Geschichtsschreibung ihrem Selbstverständnis nach ohnehin ein entspannteres Verhältnis zum Konterfei-T-Shirt haben sollte. In seinem Buch „Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert“ schrieb der Historiker Heinrich von Treitschke mit Blick auf Bismarck: „Männer machen (die) Geschichte.“ In der Einleitung zu seinen „Vorlesungen über Politik“ stellt er ferner fest: „Wäre die Geschichte eine exakte Wissenschaft, so müssten wir imstande sein, die Zukunft der Staaten zu enthüllen. Das können wir aber nicht, denn überall stößt die Geschichtswissenschaft auf das Rätsel der Persönlichkeit.“
Sozialisten und der Kapuzenpulli
Der Heldenkopf auf dem Kapuzenpulli verstofflicht das historistische Diktum Treitschkes. Demgegenüber seien nach sozialistischer Lesart, schreibt Friedrich Engels, „die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise.“ Das autonome Subjekt stellt eine Freiheit als „Einsicht in die Notwendigkeit“ in Abrede.
Tatsächlich hat es Claus Schenk Graf von Stauffenberg weitestgehend unbemerkt auf das T-Shirt geschafft. Die beiden amerikanischen Unternehmen www.zazzle.de und www.cafepress.com boten zuerst T-Shirts mit dem Motiv des Widerstandskämpfers an. Seit 2010 versucht der Internetversandhandel www.konmo.de („konmo“ steht für „konservativ“ und „Mode“) mit einer eigenen Stauffenberg-Kollektion Fuß zu fassen. Der Verschwörer des 20. Juli 1944 ist dort in den Modellen „Pop-Art“, „Profil“ und als Textaufdruck („Es lebe das geheime Deutschland!“) zu haben. „Mit diesem Motiv in die Breite zu gehen, ist schwierig“, sagt der Firmengründer Jens Gerlach. Seine Kunden stammten aus einem konservativen Umfeld, seien meistens Männer, zwischen achtzehn und 45 Jahren alt und häufig akademisch gebildet. Stauffenberg habe alles, was ein Held brauche, meint er. Doch wahrscheinlich würden viele das Stauffenberg-Abbild gar nicht erkennen, begegneten sie einem seiner Träger auf der Straße.
Der Alte Fritz im Siebdruck
Selbst Apologeten der Konservativen Revolution hat KonMo aufs Hemd gebracht. Dass Ernst Jünger im grauweißroten Siebdruck jedoch zum Hingucker gerät, darf man ebenso bezweifeln wie den Wiedererkennungswert eines Stefan George. Auch Friedrich II. von Preußen befindet sich im Sortiment. Der umstrittene Philosophenkönig wiederum dürfte den meisten bekannt vorkommen.
Wo der Siebdruck einen Che Guevara schafft, darf er auch einen Stauffenberg hervorbringen. Diesen habe, schreibt Gebauer, nicht etwa die wahnwitzige Idee umgetrieben, gleich die Welt zu retten. Heldenhaft einen konkreten Irrsinn zu beenden – das sei vielmehr seine Absicht gewesen.
Ohne Erklärung...
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
- 08.03.2013, 07:55 Uhr
Also das stimmt nicht ganz.
Helge Fahrtmann (HRFahrtmann)
- 07.03.2013, 22:02 Uhr
Guevara und Strauß
Stefan Pohl (friedrich_leipzig)
- 07.03.2013, 15:23 Uhr
Interessant
Christian Bergisch (BergischLand)
- 07.03.2013, 15:17 Uhr
