Home
http://www.faz.net/-gpc-77g7n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Helden auf dem T-Shirt Das bügelfreie Konterfei der Revolutionäre

Che Guevara ist chic. Sein Antlitz ziert T-Shirts und Kapuzenpullis. Doch auch der Alte Fritz und Stauffenberg lassen sich problemlos bei vierzig Grad waschen.

© Konmo.de Vergrößern Pop Art: Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg

Das Abbild des Comandante Ernesto Guevara de la Serna ist legendär. Es begleitete schon die Achtundsechziger neben den Porträts von Ho Chi Minh und Mao auf viele Demonstrationszügen. Die stark kontrastierte Darstellung Ches mit einem Barett, einem roten Stern und einem über den Betrachter weisenden Blick zählt zu den bekanntesten Aufnahmen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Seit den Sechzigern dient Ches Konterfei verschiedensten Gruppen als ein politisches, mitunter gar ökonomisches Vehikel. Bei Auftritten der amerikanischen Rockband Rage Against the Machine prangte es als riesenhaftes Banner im Bühnenhintergrund. Der deutsche Mobilitätsdienstleister Sixt meinte sich 1996 dieses revolutionären Charmes bedienen zu müssen und bewarb mit dem Bildnis die automatengestützte Vermietung eines C-Klasse-Mobils von Mercedes.

Eine weichgespülte Popikone

Während eine große Werbekampagne mit Che Guevara zumindest mancherorts noch Widerspruch erregen dürfte, ist der Comandante auf der Straße, dem einstigen Revier der Achtundsechziger, längst zur weichgespülten Popikone verkommen: Che-T-Shirts sind Massenware. Unter ihnen steckt eine ernsthafte politische Haltung wohl nur in den seltensten Fällen.

Protest utside of the French Embassy © dpa Vergrößern Che Guevara tiefschwarz: Zu oft gewaschen.

Dabei würde es nicht schaden, wüssten seine Träger, was sie tun. Schließlich ist der „Christus mit der Knarre“ – so sah ihn Wolf Biermann in einem seiner Lieder – ein Paradoxon: Gilt er den einen als Freiheitskämpfer, sehen andere in ihm den Terroristen, der politische Gegner drangsalierte und erschießen ließ, den Gründer von Arbeitslagern auf der Guanacahabibes-Halbinsel, in die wohl nicht nur Kriminelle, sondern auch Dissidenten oder Homosexuelle gesteckt wurden.

„Ich bin wohlauf und lechze nach Blut“

So fragte sich der liberale Kolumnist Carlos Gebauer einmal, warum bundesrepublikanische Akademiker ein solches Hemd trügen. Könne es vierzig Jahre nach dem Tod Che Guevaras im deutschen Bildungsstaat noch Wissenslücken zu diesem Mann geben? Er wolle nicht glauben, schreibt Gebauer, dass seine Mitbürger jemanden verehrten, der gesagt habe: „Ich bin wohlauf und lechze nach Blut.“

Wer nun modepolitisch abrüsten möchte, baumwollene Alternativen gäbe es: „Garantiert demotaugliche linke T-Shirts im Geiste des Comandante Che Guevara“ bietet beispielsweise ein Internet-Handel an. Darunter findet sich allerhand klassenkämpferische Prominenz. Ein olivgrünes T-Shirt ziert ein gut gelaunter, rotsterngerahmter Rudi Dutschke, dem man wahrlich nicht unterstellen kann, er habe Menschen auf dem Gewissen. Ein anderes zeigt den Hamburger KPD-Politiker Ernst Thälmann mit seiner charakteristischen Schiffermütze. „Teddy“, sein Deckname, steht darunter. Thälmann, von 1924 bis 1933 Reichstagsabgeordneter, wurde in KZ-Haft 1944 auf Geheiß Hitlers erschossen. Für rund zwanzig Euro lässt sich dort außerdem ein „klassisch geschnittenes T-Shirt für Männer“ bestellen, das Jassir Arafat, selbstredend mit Kufiya, zeigt. Aus neunzehn Farben kann man diejenige wählen, auf der man den Friedensnobelpreisträger am liebsten zur Schau tragen würde.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tatort aus Köln Müde Männer

Alte Männer in der Sinnkrise: Im neuen Tatort aus Köln zeigen sich die Kommissare in präpensionärer Frustration. Zum Glück gibt es den Bösewicht Armin Rohde. Der hält das hanebüchene Drehbuch alleine am Leben. Mehr Von Ursula Scheer

19.04.2015, 15:16 Uhr | Feuilleton
Schwierige Zeiten Begeisterung für Chavismo in Venezuela lässt nach

Zwei Jahre nach dem Tod des venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez schafft es der von ihm ausgewählte Nachfolger Nicolas Maduro nicht, die Begeisterung für Chavismo, die linksgerichtete politische Ideologie seines Vorgängers aufrechtzuerhalten. Viele trauern dem Comandante nach. Mehr

06.03.2015, 12:39 Uhr | Politik
GDL-Streik Lokführer haben Güterverkehr im Visier

Die Lokführer streiken wieder. Ein Termin steht noch nicht fest. Gewerkschaftschef Claus Weselsky sagt aber schon einmal, wer bestreikt werden soll - deutschlandweit. Mehr

20.04.2015, 08:38 Uhr | Wirtschaft
Kongo Che Guevaras afrikanisches Abenteuer

Vor 50 Jahren startete Che Guevara im Kongo seinen revolutionären Feldzug in Afrika - höchstpersönlich entsendet vom kubanischen Führer Fidel Castro. Ziel war es, gegen den von Amerika unterstützten General Mobutu vorzugehen. Mehr

24.04.2015, 17:25 Uhr | Aktuell
FAZ.NET-Tatortsicherung Wolfsbarsch statt Currywurst

Der Kölner Tatort Dicker als Wasser reichert verschlungene Familiengeschichten mit Judo-Lektionen, Auswanderer-Weisheiten und Küchen-Tipps an. Nur die Currywurst fehlt. Der Krimi im Realitäts-Check. Mehr Von Achim Dreis

19.04.2015, 21:45 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.03.2013, 13:25 Uhr

Warum Politiker lügen müssen

Von Werner Mussler

Erstmals ist auf einem Eurogruppen-Treffen offen über einen „Plan B“ zu Griechenland gesprochen worden. Bestätigen darf das freilich keiner der Euro-Finanzminister. Was aber bedeutet Plan B eigentlich? Denkbar ist vieles. Mehr 28 33

Designer Zack Tipton Brillen aus Vinyl

Beim Anblick der alten Plattensammlung seines Vaters kam Zack Tipton auf die Idee, das Vinyl als Arbeitsmaterial zu nutzen. In seiner Werkstatt in Budapest entwickelte der Amerikaner eine Methode, Brillengestelle aus Schallplatten zu bauen. Mehr 1