Home
http://www.faz.net/-gpc-715fh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Heinrich Harrer In den Himalaja wollte er unbedingt

 ·  Er durchstieg als erster die Eiger-Nordwand und erklärte dem Dalai Lama, wie ein Fotoapparat funktioniert: Heinrich Harrer wäre an diesem Freitag hundert Jahre alt geworden

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)
© picture alliance/KEYSTONE Auf dem Weg zum Ruhm: Heinrich Harrer durchsteigt am 24. Juli 1938 in der Eiger-Nordwand den Hinterstoisser-Quergang

Brad Pitt war sicher nicht die glücklichste Besetzung für die Rolle, die nach dem Typ „furchtloser Bergsteiger“ verlangt hätte. Und dennoch verschaffte der smarte amerikanische Schauspieler dem österreichischen Bergsteiger, Naturforscher und Völkerkundler Heinrich Harrer, der an diesem Freitag 100 Jahre alt geworden wäre, noch einmal späten Ruhm. Als der Film, der Harrers Bestseller „Sieben Jahre in Tibet“ nacherzählte, in die Kinos kam, wurde der Österreicher auch einer jungen Generation bekannt, die von ihm womöglich noch nie etwas gehört hatte. So kam es, dass Heinrich Harrer noch einmal besonderes öffentliches Interesse erfuhr - ein halbes Jahrhundert nach seiner Ankunft in der tibetischen Hauptstadt Lhasa, wo er zum Freund des Dalai Lamas wurde.

Dass Harrer nach Lhasa gelangte, hatte mit einem Ereignis einige Jahre früher zu tun. Anfang Juli 1938 hatte er in Graz seine Lehramtsprüfung für die Fächer Geographie und Turnen abgelegt, schon zwei Wochen später stieg er in Grindelwald gemeinsam mit seinem Kletterfreund Fritz Kasparek in die berüchtigte Eiger-Nordwand ein. „Mordwand“ wurde die auch genannt, weil es bis zu diesem Zeitpunkt niemandem gelungen war, die 1650 Meter aus Fels, Schnee und Eis hinauf zum Gipfel des Eiger zu durchsteigen. Schaulustige versammelten sich auf der Kleinen Scheidegg und beobachteten, wie Lawinen, Steinschlag und plötzliche Wetterumschwünge die Kletterer in den Tod rissen. Harrer dagegen gelang das schier Unmögliche: Gemeinsam mit Anderl Heckmair und Ludwig Förg, die zur gleichen Zeit in die Wand eingestiegen waren, standen Kasparek und er am 24. Juli auf dem Gipfel. Eine der großen Herausforderungen des Alpinismus war gemeistert.

Sein Traum wurde wahr - nach dem Eiger-Erfolg

Gerade 26 Jahre alt geworden, erlangte Harrer Weltruhm. Wenn auch Harrers Leistung in der Eiger-Nordwand nicht an die des Anderl Heckmaier heranreichte - dass er die Wand überlebte, empfahl Harrer für eine Expedition im Himalaja. Und genau dorthin zog es ihn, seit er in Kindertagen Sven Hedin gelesen hatte. Schon ein Jahr nach dem Eiger-Erfolg sollte der Traum wahr werden. Harrer wurde zu einer Expedition zum Nanga Parbat eingeladen, die in der Diamir-Wand nach einer sicheren Aufstiegsroute suchen sollte. Den Gipfel erreichten sie nicht. Auf das Schiff, das sie wieder nach Hause bringen sollte, warteten sie in Karachi vergeblich.

In Europa war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Heinrich Harrer und der Leiter der Nanga-Parbat-Expedition, Peter Aufschnaiter, wurden von den Briten interniert. Erst 1944, als die Amerikaner schon den Rhein erreichten, gelang ihnen nach vier fehlgeschlagenen Versuchen endlich die Flucht aus dem Internierungslager. Ihr Ziel: Tibet. Über mehr als 2000 Kilometer flohen sie, nur dürftig ausgerüstet und bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad, über den Himalaja, durch tiefe Schluchten, über mehr als 5000 Meter hohe Pässe, bis sie im Januar 1947 in Lhasa ankamen, der zur damaligen Zeit wohl verschlossensten Stadt der Welt. Die Flucht über den Himalaja war wohl die eigentliche und größte bergsteigerische Leistung Harrers.

Harrer und Aufschnaiter hatten Glück. Fremde wurden normalerweise des Landes verwiesen und höflich, aber bestimmt an die Grenzen Tibets geleitet. Die beiden aber durften bleiben, Aufschnaiter als eine Art Baubeauftrager von Lhasa, Harrer sollte den Nachrichtendienst aufbauen. So erhielt Harrer auch Zugang zum damals erst elf Jahre alten Dalai Lama. Dass das Oberhaupt der Tibeter und der Bergsteiger aus Österreich am gleichen Julitag zur Welt gekommen waren, betrachteten sie als Wink des Schicksals. Sie knüpften ein Band, das bis zu Harrers Tod im Januar 2006 halten sollte. Dem Dalai Lama vermittelte Harrer manche westliche Anschauung, erklärte ihm, wie ein Fotoapparat, ein Auto und Technik überhaupt funktioniert, wurde zu seinem Freund und Ratgeber. Umgekehrt erhielt Harrer einen tiefen Einblick in die Glaubenswelt des tibetischen Buddhismus. Harrer war sicher einer der intimsten Kenner Tibets.

Er erlebte ein Land, in dem das Leben der Menschen seit Jahrhunderten unverändert geblieben war, nahezu ohne Straßen, mit Gebetsfahnen und Gebetsmühlen allerorten, vom Dalai Lama geleitet. Nie habe er von dort weg wollen, bekannte er später einmal. Nach dem Einmarsch der Chinesen 1951 verließ er Tibet aber und kehrte 1952 nach Europa zurück. Nicht den Sinn und das Wesen der tibetischen Kultur befragend, sondern die Faszination am Anderen und Fremden beschreibend, die kunstvollen Buddhastatuen, die Schätze im Potala-Palast, die Trance-Tänze des Staatsorakels, zog er mit seinem Buch „Sieben Jahre in Tibet“ die Leser in seinen Bann. Aus dem flüchtenden Bergsteiger war ein Völkerkundler geworden, der einmal den Forschungsreisenden Alexander von Humboldt als seine Lieblingsgestalt in der Geschichte nannte. Heinrich Harrer war keiner, bei dem man sich getraut hätte, ihm kameradschaftlich auf die Schulter zu klopfen. Er war der Akademiker unter den Bergsteigern, der Geologe und Ethnologe, der in 40 Dokumentarfilmen, in zahlreichen Berichten über seine Reisen, die ihn zu den Naturvölkern in Neuguinea und am Amazonas genauso führten wie an den Ruwenzori, und der mit einer umfangreichen Asiatica-Sammlung die Sehnsucht nach dem unerhört Anderen weckte.

Als Jean-Jacques Annaud Harrers Tibet-Bericht verfilmte, waren auch wieder die Fotos zu sehen, die den Erstdurchsteiger der Eiger-Nordwand mit Adolf Hitler zeigten: Es war die Zeit, in der Bergsteiger als Helden verehrt wurden und die Nationalsozialisten bergsteigerische Höchstleistungen für ihre Propaganda instrumentalisierten - zumal dann, wenn sie wenige Monate nach dem Anschluss Österreichs von einer deutsch-österreichischen Seilschaft erreicht wurden. Heraus kam aber auch, dass Harrer zumindest auf dem Papier Mitglied in NSDAP, SS und SA war, was er in einem Interview später als einen der „großen Irrtümer“ seines Lebens beschrieb. Zuschulden kommen lassen hatte Harrer sich offensichtlich nichts. Das bescheinigte ihm auch Nazijäger Simon Wiesenthal. Es war wohl nicht die Begeisterung für die Ideologie, sondern mehr der blanke Opportunismus, der ihn verführt hatte: Harrer wollte unbedingt in den Himalaja.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Gestutzte Flügel

Von Günther Nonnenmacher

Bisher ist kein in der Sache triftiger Grund zu sehen, warum die Union de Maizière fallen lassen sollte. Angesichts eigener Mitwirkung am Drohnenprojekt kann ihm auch die SPD keinen Fallstrick drehen. Mehr 7 15

Finanzmärkte aktuell
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --