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Havarie der „Costa Concordia“ Vom Abendessen panisch in die Rettungsboote

15.01.2012 ·  Ein Routenfehler mit Todesfolge – noch weiß niemand, warum die „Costa Concordia“ auf einen Felsen lief. Fünf Tote forderte das Unglück, noch immer gelten 15 Menschen als vermisst.

Von Jörg Bremer, Porto San Stefano
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© dpa Taucher der Marine suchen unter der Wasseroberfläche Kabine um Kabine ab.

Die Sonne scheint, das Meer liegt still, doch es ist nicht wärmer als zehn Grad. Fieberhaft suchen Froschmänner nach Überlebenden. Das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ liegt wie ein weißes Hochhaus ausgestreckt in den Felsen vor der toskanischen Insel Giglio, die der Halbinsel Monte Argentario mit ihrem Hafen San Stefano vorgelagert ist. Der gestrandete Riese scheint intakt zu sein, wären da nicht der 70 Meter lange Riss im Rumpf und ein dort steckengebliebener, wohl mehrere Tonnen schwerer Felsblock, der das Loch gerissen hat und Wasser in gleich mehrere Schiffsabteilungen eindringen ließ. Das war am Freitag gegen 21.45 Uhr, als ein Ruck die 4229 Menschen an Bord erschütterte, das Licht zum ersten Mal ausging und - weil das Schiff sich schnell neigte - Teller und Gläser von den Tischen rutschten. Damit war das „Kapitäns-Dinner“ vorüber. 70 Meter weiter zog das Schiff noch näher an Land auf eine Sandbank, „um die Rettungsarbeiten zu erleichtern“, wie die Reederei später mitteilte. Einige Personen sprangen in Panik von Bord ins eiskalte Wasser. Mindestens fünf Personen kamen ums Leben, unter ihnen zwei französische Touristen und ein Besatzungsmitglied aus Peru, mindestens siebzig wurden verletzt, meist bei der hastigen Räumung des Schiffs.

„36 Stunden Albtraum“

Am Sonntagmittag wurden noch immer 15 Personen gesucht, unter ihnen elf Passagiere, womöglich auch zwei Deutsche. Rettungstaucher drangen von Kabine zu Kabine vor. Retter von fast jeder Küstenwacht Italiens und den Feuerwehren horchten den Schiffsrumpf auf Geräusche ab. Am Sonntagnachmittag wurde der 57 Jahre alte Schiffsoffizier Manrico Giampedroni geborgen. Die Fernsehkameras im Hafen von Giglio zeigten, wie ein Hubschrauber den Mann und einen Retter am Seil zu sich hochzog und aufs Festland flog, ins Krankenhaus in der regionalen Hauptstadt Grosseto. Als das Schiff endgültig mit einer Neigung von 80 Prozent zur Seite gekippt war, hatte Giampedroni noch vom Restaurant auf der dritten Brücke aus versucht, im Rumpf nach weiteren Opfern zu suchen. „Der Held half vielen Passagieren nach oben“, hieß es am Sonntag, war dann aber gestürzt, hatte sich einen Arm gebrochen und war eingeschlossen worden. „Da begannen 36 Stunden Albtraum“, sagte Giampedroni im Krankenhaus von Grosseto.

Derweil verließen schon am Samstagnachmittag die meisten der nach offiziellen Angaben 566 deutschen Passagiere Italien mit dem Flugzeug. Sie hätten alle so schnell wie möglich heimgewollt, hieß es bei der Deutschen Botschaft in Rom, die sonst keine Details preisgab. Sie wollte auch nicht das Gerücht bestätigen, dass noch zwei deutsche Schwestern vermisst würden, wie in San Stefano kolportiert wurde. Schon in der Nacht zum Sonntag war ein Paar aus Korea aus seiner Kabine 303 geborgen worden, das an Bord eigentlich seine Flitterwochen hatte verleben wollen. Rettungskräfte hatten das stete Klopfen und die Hilferufe gehört und die zwei 29 Jahre alten Touristen geborgen. Fernsehkameras zeigten die Glücklichen, in wärmende Decken und Folien gehüllt, im Hafen von San Stefano. Dann kam am späteren Sonntag die gute Meldung aus Rom, wonach dort vier weitere Vermisste erschienen seien. Vier Koreaner seien in San Stefano in einen der Busse der Reederei nach Rom gestiegen, hätten aber zuvor nicht ihre Personalien angegeben. Die Polizei in Grosseto beklagte derweil, dass die Räumung des Schiffs zu chaotisch gewesen sei. Man könne nur hoffen, dass es zu den übrigen Vermissten bald ähnliche gute Meldungen gebe.

Menschliches Versagen oder Ausfall der Technik?

„Wie auf der Titanic“ vor hundert Jahren sei es zugegangen, hatte die Hostess Silvia Betti am Samstagnachmittag im Fernsehen berichtet, die nach ihrem Erlebnis „das erste und letzte Mal auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet“ hat. Die Menschen an Bord, die ihr erstes „Dinner“ auf der gerade erst im Hafen von Civitavecchia nordwestlich von Rom begonnenen und auf eine Woche angelegten Mittelmeerkreuzfahrt genossen, hätten längst begriffen gehabt, dass die „Costa Concordia“ in Seenot war, als über die Lautsprecher noch die beruhigende Formel tönte, es handle sich nur um Probleme mit der Stromversorgung. „Man spricht doch nicht von einem kleinen Stromausfall, wenn das Schiff sich schon so schräg legt“, sagte Silvia Betti. Die Matrosen hätten „noch auf Ruhe gemacht“, als die Passagiere schon auf die Rettungsboote zugestürmt seien, berichtete sie weiter und brach bei der Bemerkung in Tränen aus, sie habe ihr Überleben einer Kollegin zu verdanken, die sie zum Abendessen mit nach oben genommen habe. „Ich hatte Magenschmerzen und wollte eigentlich unten in der Kabine bleiben. Da wäre ich wohl eingeschlossen worden“ - eingeschlossen wie die beiden Todesopfer, die von den Tauchern am Sonntagabend in dem Havaristen geortet wurden.

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© reuters Bilder, aufgenommen von einem Passagier, zeigen die Situation an Bord des havarierten Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia.

Der Schiffbautechniker Marco Stavito sagte im Fernsehen, die „Costa Concordia“ sei erst 2006 gebaut worden und mithin ein mit allen neuen Navigationssystemen und Sicherheitseinrichtungen ausgestattetes Schiff. Da müsse an der Technik schon viel kaputtgehen, damit es zu so einer Katastrophe komme. Ihm leuchte menschliches Versagen viel eher als Ursache der Tragödie ein, schlussfolgerte Stavito. Der Schifffahrtsexperte Malcolm Latarche vom Magazin „IHS Fairplay Solutions“ sagte dagegen, ein Stromausfall könnte tatsächlich Ursache des Unglücks sein. Ohne Strom könnte die Besatzung die Kontrolle über die Navigation des fast 300 Meter langen und 17 Stockwerke hohen Schiffes verlieren, sagte Latarche. Tatsächlich hätten ja auch die Passagiere von einem Stromausfall berichtet, außerdem sei ein lauter Knall gehört worden. Luca Martinelli, ein erfahrener Kapitän, wurde mit dem Hinweis zitiert: „Die Technik ist bei solchen Kreuzfahrtschiffen auf dem letzten Stand, damit kann man die Meerestiefe bis auf den Zentimeter genau ausmessen.“ Vielleicht aber ist die „Costa Concordia“ einfach ein Unglücksschiff, wie manche mutmaßten. Bei ihrer Taufe hatte das tschechische Model Eva Herzigova den Champagner an ihren Rumpf geworfen, aber die Flasche war nicht zerbrochen.

Vorwürfe gegen den Kapitän

Noch in der Nacht zum Sonntag wurde der 52 Jahre alte Kapitän Francesco Schettino festgenommen. Staatsanwalt Francesco Verusio wirft ihm vor, mit seiner Fahrt zwischen der Halbinsel Argentario und Giglio bewusst einen Schiffbruch in Kauf genommen zu haben. Schettino beteuerte hingegen, auf seinem Kurs seien auf den Karten Felsen nicht markiert gewesen. Aber sonderbar erscheint es schon, dass das Schiff gleichsam zwischen Scylla und Charybdis hindurch wollte, wo es doch eine Route über die offene See hätte wählen können. Es heißt aber, der Kapitän habe sich sicher gefühlt und den Passagieren die Aussicht auf die Bergmassive zu beiden Seiten des Schiffes gönnen wollen. Das sei bislang stets so gewesen bei den Kreuzfahrten. Zudem kämen viele Angestellte an Bord aus Argentario und Giglio und sie freuten sich über einen Gruß mit der Schiffssirene an die Lieben zuhause.

Dem Kapitän wird jetzt fahrlässige Tötung vorgeworfen. Er habe auch erst knapp eine Stunde nach der Havarie bei der Küstenwacht Alarm gegeben. Zudem hat er nach den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft das Schiff verlassen, als ein Großteil der Passagiere und der Besatzung noch darauf wartete, von Bord zu kommen. Auch gegen den Ersten Offizier wird ermittelt.

Die „Costa Concordia“ ist voller Treibstoff und andere giftiger Abfälle, die sich bald ins Meer ergießen könnten - in das toskanische Archipel, das unter Naturschutz steht. Giglio gilt wegen seiner unberührten Natur als eine Perle im Tyrrhenischen Meer. Die Insel lebt vom Tourismus, so wie das nahe Festland mit seinen breiten, sauberen Stränden. Sofort nach der Havarie erwiesen sich die Einwohner von Giglio als die besten Gastgeber. Sie öffneten für die Schiffbrüchigen ihre Schulen, Kindergärten, Kirchen und privaten Häuser. „Es war wundervoll, so viel Anteilnahme zu erleben“, berichtete die Passagierin Chiara Ritelli. „Ich habe zwar schlecht geschlafen, aber in den Ferien werde ich hierher wiederkommen.“ Andere befürchten nun, das Glück der Insel könne mit einer Ölpest dahin sein. „Womöglich hatten die ihre letzten Gäste in dieser Nacht“, wurde ein anderer Passagier zitiert. „Nicht zuletzt waren sie vielleicht aus schlechtem Gewissen so freundlich zu uns. Sie wissen alle, dass das Schiff nur so nahe an die Insel herankam, damit sich die Schiffsbesatzung von den Familienmitgliedern per Schiffsirene verabschieden kann.“

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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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