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Grüne Gentechnik Der deutsche „Standard“

 ·  Grüne Gentechnik hat in Deutschland keine Zukunft. Angela Merkel hat das gerade noch einmal mit einer knappen Einlassung bestätigt. Doch ob diese Entscheidung durchzuhalten ist, wird sich erst weisen.

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In einer ihrer wenigen, beachtlichen Einlassungen zur Grünen Gentechnik hat die Bundeskanzlerin vor kurzem die Beibehaltung deutscher „Standards“ versprochen, sollte es tatsächlich zu einem Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten kommen. „Wir wollen jetzt nicht einfach Standards minimieren“, sagte sie mit Blick auf die Lebensmittelvorschriften.

Der Begriff Standard ist, außer dass er den Wahlkampfmodus ihrer Ansprache verrät, insofern bemerkenswert, als dieser Standard quantitativ eigentlich gar nicht weiter abzusenken ist. In Deutschland gibt es keine Grüne Gentechnik mehr in der Anwendung. Nachzulesen und versehen mit einem kritischen Appell an die politische Vernunft ist das in der jüngsten Auflage des „Gentechnologieberichts“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie.

Die Mehrheitsmeinung sticht

Möglicherweise hat die Kanzlerin aber weniger die wissenschaftlichen und landwirtschaftlichen Fakten gemeint als die verbraucher- und risikopolitischen Standards: Hier hat sich Deutschland in der Tat europäisch hochgearbeitet in der Rangliste der Staaten, die das Vorsorgeprinzip radikal umdeuten: Gefährlich ist nicht, was wissenschaftlich als gefährlich ermittelt wurde, sondern was die Mehrheitsmeinung für gefährlich hält. In Umfragen ist Gentechnik gleich Gift.

Das war schon immer so. Und wird es wohl bleiben, wenn Widersprüche wie in der deutschen Gentechnik-Politik weiter kultiviert und wie jetzt zum Standard erhoben werden. Die liegen ja nicht nur beim Bund. Dass einerseits das Bundesforschungsministerium Gentechnikforschung finanziell fördert, das Landwirtschafts- und Verbraucherministerium andererseits die Etablierung eines „gentechnikfreien“ Deutschlands unterstützt, ist ja nicht der einzige institutionalisierte Widerspruch. Die Paradoxien treten ja immer stärker zutage, und zwar umso mehr, je klarer sich die Fronten verhärten. Das ist beinahe unvermeidlich. Denn die Ausbreitung der Gentechnik schreitet weltweit voran, auf gut 400 Millionen Hektar werden inzwischen transgene Pflanzen angebaut.

Kampf ums Vertrauen

Schon längst ist es kein Kampf um Aufklärung und Vernunft mehr, sondern um das von allen Autoritäten hoch gehandelte Gut des Vertrauens. Der Aufbau der öffentlichen Datenbank „Grace“, die am Ende alle Ergebnisse transparent machen und Aussagen über Sinn und Grenzen wissenschaftlicher Methoden der Risikoermittlung zulassen soll, wird von den Gegnern der Gentechnik scharf attackiert. Der Vorwurf: Industrienähe und mangelnde Unabhängigkeit.

Gleichzeitig legen sich dieselben Verbraucherschutzgruppen mächtig ins Zeug, wenn gentechnikkritische Forschung, die von ökologisch motivierten Sponsoren mitfinanziert wird, neue Risiken der transgenen Pflanzen ans Licht bringt. Interessanterweise wurde kürzlich die Petition „Unabhängige Risikoforschung zu gentechnisch veränderten Pflanzen“ von denselben Gruppen initiiert. Sie sollte dafür sorgen, dass sich der Bundestag mit dem Thema beschäftigt. Die Online-Petition war auch als Misstrauensvotum für Zulassungsbehörden und die etablierte Wissenschaft gedacht. Sie ist mit etwas über dreitausend Unterzeichnern klar an den geforderten 50 000 Unterschriften gescheitert.

Woher die notwendigen Erträge nehmen?

Für die gentechnikkritische Öffentlichkeit um das Gen-ethische Netzwerk und die großen Umweltorganisationen gab es ein böses Erwachen. Sie haben gelernt: Die Prokura für unabhängige Wissenschaft liegt eben nicht selbstverständlich in ihren Händen. Auch das ein Widerspruch: Weltanschauliche Interessen vertreten und gleichzeitig wissenschaftliche Autonomie zu reklamieren, das hat schon immer nur eine politisierte Wissenschaft hervorgebracht, die das öffentliche Misstrauen nur noch mehr herausfordert. Das erinnert an eine Anzeige jüngst in der amerikanischen Medienbranche: Mitarbeiter für einen „unabhängigen grünen Umweltjournalismus gesucht“.

Wie weit der von der Kanzlerin gelobte - vermeintlich überlegene - Gentechnik-Standard noch tragen wird, ist unklar. Vielleicht bis zur nächsten Wahl oder zur übernächsten. Aber wenn zutrifft, was Wissenschaftler in der Zeitschrift „Plos One“ (doi/10.1371/journal.pone.0066428) und jüngst auch die Klimaforscher um Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in einem Weltbank-Bericht über die Lage in Afrika und Teilen Asiens berichten, dann liegt die Frage nach den biopolitischen Standards längst auf Wiedervorlage.

In „Plos One“ rechnet die Gruppe um Deepak Ray aus Minnesota vor, was zu tun sei,um das weltweite Hungerproblem bis 2050 zu lösen. Nach Auswertung von mehr als zweieinhalb Millionen Daten über Erträge und Flächen kam heraus: Die Erträge an Reis, Mais, Weizen und Sojabohnen müssten weltweit um 100 Prozent gesteigert - also verdoppelt - werden. Mit den heutigen agrartechnischen Möglichkeiten wird das Ziel weit verfehlt. Mais-Erträge könnten so maximal um 67 Prozent gesteigert werden, die von Sojabohnen um 55 Prozent, von Reis um 42 Prozent und von Weizen um 38 Prozent. Mit anderen Worten: Aktuelle Standards sind unbrauchbar, erst recht unter ethischen Gesichtspunkten.

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24.06.2013, 20:50 Uhr

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