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„Gold“, ein deutscher Western Schwarze Tage in den blauen Bergen

Der Weg zum Klondike ist kürzer geworden, und Nina Hoss macht auch im Sattel eine großartige Figur: Thomas Arslan träumt mit seinem Film „Gold“ von einem Spätwestern „made in Germany“.

© Piffl Medien Vergrößern Mit ihr muss man den Goldrausch nicht fürchten: Nina Hoss als Emily Meyer in „Gold“

Am Anfang von „Gold“ wird ein Nugget aus dem Klondike River gesiebt. Das gelbe Ding beachtlich zu nennen wäre eine Lüge. Es ist monströs. Es ist ein Goldklumpen von der Größe einer Kartoffel, und er scheint die Hand zu versengen, die ihn der Kamera zeigt. Dann erstarrt das Bild, und über die rauhe Oberfläche des goldenen Trumms laufen die Vorspanntitel. Dies ist ein Film, heißt das, in dem es ums Eigentliche geht, the real stuff. Rachsucht, Gier, Verzweiflung, Liebe, Todesangst, all das, was den Western zusammenhält.

Der Westen ist schon Folklore

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Aber dann scheint die Geschichte erst einmal die gerade geweckten Erwartungen zu düpieren. Eine Frau kommt mit dem Zug in einem Kaff in British Columbia an, und sie sieht nicht aus wie die neue Tänzerin im Saloon, sondern eher wie die Haushälterin des Bürgermeisters. Es ist das Jahr 1898. Neben dem Bahngleis stehen zwei Indianer, die Pfannen und Lederzeug für das Leben in der Wildnis feilbieten. Der Westen ist schon Folklore, das Land der Trapper ein populärer Mythos, der verschiedenen Formen der Bewirtschaftung unterliegt. Eine davon, die blutigste, ist der Goldrausch.

Die Frau, die aus dem Zug steigt, war tatsächlich Hausangestellte, allerdings in einem früheren Leben. Jetzt gehört Emily Meyer (Nina Hoss) zu einer Gruppe von deutschstämmigen Goldsuchern, die sich auf eine Anzeige hin um Wilhelm Laser (Peter Kurth) geschart haben, um mit ihm zum Klondike zu ziehen.

Sie kommt aus Chicago - und davor aus Bremen

Die Hierarchien sind klar verteilt: Jeder der Neuankömmlinge - neben Emily ein Journalist (Uwe Bohm), ein Musiker (Lars Rudolph) und ein älteres Paar mit Planwagen - muss bei Laser ein Geldbündel als „Kapitaleinlage“ abliefern. Dafür hält dieser den Greenhorns die Nuggets unter die Nase, die er als Lockmittel in einem Lederbeutel verwahrt. Nur Boehmer (Marko Mandic) hat kein Geld in das Unternehmen eingezahlt, er dient den Reisenden als Pferdeknecht und der Regie als Kontrastfigur.

“Chicago. Ursprünglich Bremen“, antwortet Emily, als der Zeitungsschreiber sie fragt, wo sie herkomme. Dieses Ursprüngliche, die deutsche Herkunft, ist der rote Faden im erzählerischen Webmuster von „Gold“. Beim Sichten von Tagebüchern aus dem Klondike-Goldrausch um 1900 ist Thomas Arslan immer wieder auf die „dutchmen“, wie man damals die Deutschen nannte, gestoßen, und dieses Wort hat seine filmische Phantasie in Gang gebracht.

Ein Prinzipienreiter, wie er im Buch steht

Tatsächlich benehmen sich die Glücksritter in Lasers Truppe auf eine Weise deutsch, die den Erfolg ihrer Mission von vornherein ausschließt. Der eine spaziert durch die Wildnis wie durch einen Schlosspark und tritt dabei in eine Bärenfalle, der andere reißt sich im Weltschmerz die Kleider vom Leib und schlägt sich in die Büsche; und Laser selbst ist mit einer Landkarte unterwegs, mit der er allenfalls durch den Schwarzwald käme. „Es gibt keinen Weg in den Norden“, sagen die Einheimischen im ersten Dorf, durch das die Gruppe kommt, aber Laser führt seine Leute unbeirrt weiter, ein germanischer Prinzipienreiter, wie er im Buch steht.

Und dort kommen die Typen, die in „Gold“ unterwegs sind, letztlich auch her, selbst wenn Arslan sicher jede Ähnlichkeit seiner Figuren mit dem Personal der Wildwestromane Karl Mays (und ihrer Verfilmungen durch Harald Reinl und andere) bestreiten würde. Aber so weit sind der Banjospieler Rossmann (dessen Name wiederum auf Kafkas „Amerika“ verweist), der trunksüchtige Zeitungsschreiber Müller und die tapfere Emily eben doch nicht von einer Tante Droll oder dem von Ralf Wolter unsterblich verkörperten Sam Hawkens entfernt, dass man von einer Neuerfindung des Deutschwesterns durch Thomas Arslan sprechen müsste.

Der Goldsuchertreck mündet im Nichts

Nur ihre schlechte Laune bringen die Helden von „Gold“ offensichtlich nicht aus dem „Schatz im Silbersee“, sondern aus den Filmen der sogenannten Berliner Schule mit, deren abgewürgte Emotionalität selbst den Transfer nach Kanada ohne Temperaturanstieg überstanden hat. Sie singen nicht, sie summen nur; ist die Lage ernst, starren sie in die Ferne, wird sie hoffnungslos, starren sie noch ein wenig mehr.

In den ausgebleichten Cinemascope-Bildern, die der Kameramann Patrick Orth am Drehort in British Columbia aufgenommen hat, scheinen die grauen Felsen, die dichten Wälder, die in blauem Dunst verschwimmenden Hügel am Horizont alle Bewegung aufzusaugen. Die Landschaft spiegelt die Sehnsüchte der Menschen nicht mehr, sie verschluckt sie. Der Siedler- und Goldsuchertreck, im klassischen Western eine Reise aus der alten in die neue Heimat, mündet im Nichts.

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Es gibt dann doch noch eine Liebesgeschichte in „Gold“, und sie sorgt dafür, dass der zwischendrin fast zum Stillstand kommende Film am Ende wieder Fahrt aufnimmt. Denn als mit Rossmann der letzte von Lasers Teilhabern verschwunden ist, sind Emily und der mit osteuropäischem Akzent sprechende Boehmer - „Native of Austria-Hungary“ wird auf seinem Grabstein stehen - miteinander allein. Und gerade als es nur noch ums Überleben zu gehen scheint, geht es auf einmal nicht mehr nur darum. Sondern auch um das Glück, das in einem warmen Bett liegt, in einer Geste, einem Augenaufschlag und um das Schießeisen, das dieses Glück beendet. Fast hundert Minuten braucht der Film, um diesen Punkt zu erreichen. Auf der Berlinale im Februar waren es noch hundertzehn. Der Weg zum Klondike ist kürzer geworden, nicht auf der Karte, aber im Kino.

Und dann ist nur noch Nina Hoss im Bild. Sie allein wird das Land der Riesennuggets erreichen, und man würde gern wissen, wie es dort mit ihr weitergeht. Aber da fällt in „Gold“ der Vorhang. Es ist, als wollte sich Arslan an seiner Heldin nicht die Finger verbrennen. Hätte er es doch nur getan.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 18.08.2013, 16:16 Uhr

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Von Berthold Kohler

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