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Zweiter Weltkrieg : Am Beispiel meines Großvaters

  • -Aktualisiert am

„Erinnerungen” stand da in altdeutscher Schrift: Eine Fotografie aus dem Album von Johann Meinken. Bild: Daniel Pilar

Die letzten der Soldaten, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, sterben. Die meisten haben ungern über ihre Erlebnisse gesprochen. Ihre Enkel müssen sich mit alten Fotos und Briefen behelfen. Unser Autor ist solchen Funden nachgegangen.

          Im Sommer 1934 unternahm Fritz Böschen eine Fahrradtour. Er radelte aus seinem kleinen Dorf Arbergen quer durch Deutschland. Arbergen war damals noch eine eigenständige Gemeinde kurz vor Bremen: mehrere Sportvereine, eine Schule, eine Mühle und eine Kirche, die auf einem kleinen Hügel steht. Das Ziel von Fritz' einsamer, aber gutgelaunter Reise war der Obersalzberg. Das Sommerdomizil Adolf Hitlers.

          Auf seinem Weg sah Fritz neue Zeppeline, gigantische Fabriken, den deutschen Wald und die Alpen. Von unterwegs schrieb er dem „Fräulein Herta Asendorf“ fast jeden Tag eine Postkarte oder wunderschöne Briefe. Er schwärmte von der Landschaft oder vom Fräulein Herta - und gern beurteilte er die politische Lage. Fein hielt Fritz jeden Tag mit Bleistift oder Füllfederhalter in seinem linierten, blauen DIN-A-6-Fahrtenbuch fest.

          Die große weite Welt, das war für ihn: Arbergen

          Zur gleichen Zeit saß mein Großvater, Opa Johann, wahrscheinlich zu Hause in Arbergen und genoss den Sommer. Er war 18, arbeitete als Automechaniker, hatte noch keine Frau fürs Leben gefunden. Anders als Fritz, der Lehrer werden wollte, war mein Opa kein Mann des Wortes. Er war Mitglied im Sportverein und wohnte mit seinen Eltern in einem Haus, in dessen Garten er Schweine und Hühner züchtete. Die große weite Welt, das war für ihn: Arbergen. Hier war er glücklich, gemeinsam mit seinen Kumpeln. Auf die Idee, eine Radtour durch Deutschland zu unternehmen, kam er nicht. Stattdessen musste er 1937 drei Reichsmark Strafe zahlen, weil er im benachbarten Achim Fahrrad fuhr und dabei ein weiteres Rad an der Hand führte, das nicht mit einer Lampe ausgerüstet war.

          „Scheiße”, murmelte er nur, wenn das Gespräch auf Hitler kam: Porträt von Johann Meinken aus Arbergen bei Bremen - Opa Johann.
          „Scheiße”, murmelte er nur, wenn das Gespräch auf Hitler kam: Porträt von Johann Meinken aus Arbergen bei Bremen - Opa Johann. : Bild: Daniel Pilar

          Fritz und mein Opa waren nicht befreundet, und ich weiß nicht einmal, ob sie einander kannten. Wahrscheinlich waren sie zu unterschiedlich: der eine ein Mann von Welt, den die politischen Veränderungen in Deutschland zunächst begeisterten, der andere ein Arbeiter, der zufrieden war, wenn er sich um sich selbst kümmern konnte, der sich zu Hause einrichtete. Gemeinsam war ihnen, dass sie später zum Millionenheer von Hitlers Soldaten zählten.

          „Wir sind zum Obersalzberg gegangen, wo der Führer wohnt.“

          Als Fritz durch Deutschland radelte, lagen die Reichstagswahlen von 1933 ein gutes Jahr zurück; in Arbergen hatte die SPD mit 2975 Stimmen etwas besser abgeschnitten als die NSDAP mit 2468 Stimmen. Trotzdem wurde das Dorf nach der „Machtergreifung“ schnell gleichgeschaltet: In den Sport- und Gesangsvereinen wurden zunehmend nationale Töne angeschlagen, der Hass auf Juden und Behinderte nahm zu. 1939 wurde Arbergen in Bremen eingemeindet. Sportfeste wurden unter der Hakenkreuzfahne gefeiert. Aber für Fritz und Johann ging das Leben im Großen und Ganzen weiter wie immer.

          Als Fritz etwa die Hälfte seiner 2600 Kilometer langen Radtour zurückgelegt hatte, schrieb er dem Fräulein Herta einen langen Brief mit gespitztem Bleistift: „Wir sind zum Obersalzberg gegangen, wo der Führer wohnt. Wir haben das Glück gehabt, ihn aus nächster Nähe vor seinem Hause zu sehen. Er besprach mit seinem Ingenieur wahrscheinlich Baupläne, da mochten wir nicht stören. Wir haben nur ganz still dagestanden und ihn angesehen.“

          „Erinnerungen“ stand da in altdeutscher Schrift

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