28.12.2007 · Nach dem Hungertod des zwei Jahre alten Robin ist Haftbefehl gegen die Mutter erlassen worden. Der 23 Jahre alten Frau aus dem sächsischen Kirchberg wird Totschlag vorgeworfen. Anscheinend hatte sie ihren kleinen Sohn verhungern und verdursten lassen.
Nach dem Hungertod des zwei Jahre alten Robin ist am Freitag Haftbefehl gegen die Mutter erlassen worden. Der 23-Jährigen aus dem sächsischen Kirchberg wird Totschlag vorgeworfen.
Die Frau liegt wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes in einer Klinik und sollte ins Haftkrankenhaus nach Leipzig überstellt werden, wie der Landrat des Kreises Zwickauer Land, Christian Otto, sagte. Otto bestätigte, dass der Junge bis vor Weihnachten eine Kinderkrippe besucht habe, wo eine Salmonellenkrankheit mit dem hochgefährlichen Norovirus ausgebrochen war. Ob Robin an den Folgen dieser Krankheit starb, konnte er nicht sagen.
Keine Anzeichen äußerer Gewalt
Die Mutter hatte am Zweiten Weihnachtstag einen Notarzt gerufen, der nur noch den Tod des Jungen feststellen konnte. Eine Obduktion ergab, dass Robin an Untergewicht litt, zudem war sein Körper erheblich entwässert. An der Leiche wurden aber keine Anzeichen äußerer Gewalt entdeckt.
Der Fachbereichsleiter Jugend und Soziales beim Landkreis Zwickauer Land, Gerd Drechsler, sagte, daß die Frau bereits Heiligabend festgestellt habe, daß es ihrem Sohn schlecht gehe. Sie habe zu diesem Zeitpunkt aber nicht den Mut gehabt, einen Arzt zu rufen aus Angst, daß das Jugendamt ihr das Kind dann wegnehmen würde. Die Frau wird von der Jugendhilfe betreut.
Laut Drechsler hatte der Zweijährige von Heiligabend bis zu seinem Tode fast ununterbrochen geschlafen. Polizeisprecher Jan Meinel sagte, der Junge sei am Mittwoch kurz vor dem Eintreffen des Notarztes gestorben. Die Mutter habe zwar bemerkt, dass es ihrem Sohn nicht gut gehe, sei aber der Meinung gewesen, er schlafe sich gesund. Warum Robin dann verhungert und verdurstet sei, könne derzeit nicht beantwortet werden. Das müssten weitere Untersuchungen ergeben, sagte Meinel.
Gefährlicher Norovirus entdeckt
Nach Ottos Angaben hat die Mutter einen weiteren vier Jahre alten Sohn, der bei ihr lebt und auch in der Wohnung war, als der Notarzt eintraf. Die sechs Jahre alte Tochter lebe bei Pflegeeltern. Eine Adoption werde derzeit vorbereitet, sagte Otto.
Drechsler berichtete, der 34 Jahre alte Vater der beiden Jungen sitze derzeit wegen gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis. Otto zeigte sich tief erschüttert über den Fall: Die Frau sei auf einem guten Wege gewesen, sich zu stabilisieren, sagte er. Drechsler verwies darauf, dass die 23-Jährige aus keiner intakten Familie stamme und selbst in einem Heim aufgewachsen sei. Er beschrieb sie als eher kindlich.
Fatale Feiertage
Seit anderthalb Jahren werde ihre Familie von der Jugendhilfe betreut. Noch am 20. Dezember seien Sozialarbeiter bei der Mutter gewesen und hätten Lebensmittel und Getränke für die bevorstehende Weihnachtszeit vorbeigebracht, berichtete der Fachbereichsleiter. Während der Feiertage sei man aber nicht präsent gewesen.
Der Landrat beschrieb das Umfeld, in dem die Frau lebte, als sauber und schön. Sie habe in einem bürgerlichen Wohnhaus mit vier Familien gewohnt. Die arbeitslose Frau, die eine Lehre als Verkäuferin abgebrochen hatte, sollte im Januar eine Ausbildung als Lagerfacharbeiterin beginnen, sagte Drechsler. Otto erklärte, dass es trotz aller Frühwarnsysteme keine hundertprozentige Sicherheit gebe. Dies müsse man schmerzhaft erkennen. „Wir konnten das Kind nicht retten, das ist die Tragik der Geschichte“, sagte der Landrat.
Köhler: Aufmerksamkeit wichtiger als Kinderschutz im Grundgesetz
Bundespräsident Köhler hat sich indes skeptisch zu dem Vorschlag geäußert, den Kinderschutz in das Grundgesetz aufzunehmen. Köhler sagte in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Samstagausgabe): „Wir brauchen Achtsamkeit für Kinder vor allem in den Herzen und Köpfen der Erwachsenen. Wollen wir weiter hinnehmen, dass hinter irgendeiner verschlossenen Wohnungstür in Deutschland ein Kind hungern oder in anderer Weise Not leiden muss? Manchmal ist ein aufmerksamer Mitmensch entscheidender als ein Verfassungstext.“
Die Deutsche Kinderhilfe Direkt kritisierte angesichts der jüngsten Fälle von Kindstötung die nach wie vor mangelhafte Personal- und Finanzausstattung der Jugendämter in Deutschland sowie ihrer Ansicht nach falsche pädagogische Konzepte. Es werde zu viel Gewicht auf eine „Konsenspädagogik“ gelegt und dabei das Wohl des Kindes schnell außer Acht gelassen, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kinderhilfe, Georg Ehrmann. Die Politik sei jetzt gefordert, eine Qualitätsoffensive und einen Mentalitätswandel in den Jugendämtern anzuschieben. (Siehe auch: Interview mit dem Leiter der „Kinderhilfe Direkt“)
Erst Anfang Dezember hatte die Polizei in Plauen die Leichen von drei Kleinkindern gefunden. Gegen die Mutter wurde Haftbefehl erlassen, die genauen Todesumstände der Babys sind noch unklar. In Bayern waren über die Weihnachtsfeiertage drei Kinder getötet worden. (Siehe auch: Familiendrama: Mutter ist psychisch krank)