20.10.2008 · Zum ersten Mal seit 20 Jahren sind in Deutschland wieder Sechslinge zur Welt gekommen. Die vier Mädchen und zwei Jungen wurden am Donnerstag in Berlin nach 27 Schwangerschaftswochen geboren. Noch sind die Kinder nicht über den Berg.
Ein Dutzend Ärzte und sechs Schwestern hatten sich wochenlang auf diesen Tag vorbereitet. So etwas hatte noch keiner von ihnen erlebt. Erstmals kamen in der Berliner Charité am vergangenen Donnerstag Sechslinge auf die Welt. Nach einem Kaiserschnitt konnte das Team aufatmen. Mutter und Babys sind zwar wohlauf, doch ob die vier Mädchen und zwei Jungen überleben werden, können die behandelnden Ärzte vier Tage nach der Geburt nicht garantieren. „Erst am Tag der Entlassung wissen wir, ob die Babys wirklich über den Berg sind“, sagt Oberärztin Monika Berns. Die Zuversicht ist den Ärzten dennoch anzusehen.
Normalerweise sind Säuglinge ab der 24. Schwangerschaftswoche lebensfähig - die Berliner Sechslinge hatten drei Wochen länger Zeit, bevor die Ärzte sie auf die Welt holten. Noch können die gerade 800 bis 900 Gramm schweren Babys Saugen, Schlucken und Atmen nicht koordinieren. Zwölfmal am Tag werden sie vorsichtig mit einem Milliliter abgepumpter Muttermilch gefüttert. In fünf Wochen, in der eigentlich 32. Schwangerschaftswoche, kann frühestens mit dem Stillen begonnen werden. Vorher sollen die winzigen Babys auch nicht aus der Klinik entlassen werden.
Entwicklungsstörungen möglich
Doch die Gefahr, dass die Frühchen auch danach noch Entwicklungsstörungen zeigen, ist groß. Bis zu 30 Prozent aller Frühgeburten unter tausend Gramm entwickeln laut Berns chronische Lungenerkrankungen. Auch das Gehirn ist bei der Geburt noch nicht ganz ausgereift. Unter diesen Umständen zögen viele Eltern eine Abtreibung in Erwägung, sagt der leitende Oberarzt Wolfgang Henrich. „Diese Frau hat sich trotz der bekannten Risiken für eine Geburt entschieden.“ Die Entbindung sei ungeachtet der schwierigen Voraussetzungen unkompliziert verlaufen. Die sehr intensive Betreuung im Krankenhaus und „die hohe Motivation der Mutter“ hätten dies möglich gemacht.
Über das Alter und die Herkunft von Mutter und Vater geben die Ärzte keine Auskunft. „Wir bitten um Verständnis, dass Kinder und Mutter jetzt Ruhe brauchen“, erklärt Klinikdirektor Ulrich Frei. Auch über die Art der Befruchtung sagt der Mediziner nichts. Die Wahrscheinlichkeit für eine natürliche Sechslings-Geburt liegt bei gerade mal eins zu 4,4 Milliarden.
Mehrlingsgeburten nach Hormonbehandlung
In den 1980er Jahren kam es in Deutschland besonders häufig zu Mehrlingsgeburten. Die Behandlung von Frauen mit Hormonen für eine künstliche Befruchtung sei damals noch nicht so ausgereift gewesen wie heute, erläutert Henrich. Anfänglich seien daher oft drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingepflanzt worden. Heute gehe der Trend in Deutschland zu höchstens zwei Zellen. In Spanien und Polen dagegen wird in Kauf genommen, dass mehr als drei Kinder im Mutterleib heranwachsen.