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Zwei Jahre nach Fukushima : Die Liebe im Schatten des Atoms

„Genpatsu rikon“ heißt „Atom-Scheidung“: Passanten in Fukushima im Januar Bild: dpa

Zwei Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima sind die Spuren oberflächlich beseitigt - doch nicht nur die psychischen Folgen des Unglücks bleiben. Zahlreiche Familien zerbrechen, vor allem die Frauen leiden.

          Mit 27 Jahren hofft Chiemi Kamada, die seit ihrer Geburt in der Präfektur Fukushima lebt, endlich den Mann fürs Leben zu finden. Seit der Atomkatastrophe vom 11.März vor zwei Jahren ist das allerdings schwierig geworden. „Die Sorgen vor der Radioaktivität sind oft sehr vage, aber sie drücken vor allem den Frauen auf die Seele“, sagt sie. Japanische Männer gelten ohnehin nicht als besonders gesprächig. Die meisten würden die mögliche Gefahr einer radioaktiven Belastung einfach verdrängen. „Wir können mit den Männern hier über unsere Angst vor der Radioaktivität nicht sprechen“, bestätigt ihre Freundin Hiromi Higano.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Männer haben meist gute Jobs in Fukushima und wollen bleiben. Durch den Wiederaufbau der vom Tsunami zerstörten Gebiete boomt die Bauindustrie. Für Frauen sei es viel schwieriger, eine Arbeit zu finden. Viele ihrer Freundinnen überlegten, nach Tokio oder Osaka zu ziehen, wollten weit weg. „Das hat aber mehr mit der Sorge vor der Radioaktivität als mit den Jobs zu tun“, sagt Hiromi. Die Männer verstünden das nicht. Sie verlangten, dass ihre Freundinnen trotzdem blieben. „Viele Beziehungen sind daran schon zerbrochen“, berichtet sie. Und Chiemi ergänzt seufzend: „Es ist seit der Atomkatastrophe nicht mehr so leicht, einen geeigneten Mann zu finden.“

          „Atom-Scheidung“

          Doch auch das Zusammenbleiben bereitet Probleme. Seit Monaten steigt in Fukushima die Zahl der Scheidungen. Oft trennen sich Familien, in denen die Frauen mit kleineren Kindern fortzogen, die Männer wegen ihrer Arbeit aber blieben. „Genpatsu rikon“ nennen die Japaner dieses Phänomen, „Atom-Scheidung“. Das Japanische macht es einem leicht, solche neuen Wörter zu bilden. „Narita rikon“ ist auch so eine Neukreation, benannt nach dem Flughafen Narita, von wo aus die meisten internationalen Flüge starten. Weil es in Japan bis heute gesellschaftlich geächtet ist, wenn Männer und Frauen vor der Ehe zusammen wohnen, lernen sich viele Paare erst in ihren Flitterwochen richtig kennen. Zurück auf dem Flughafen Narita, denkt manche der frisch vermählten Ehefrauen schon über eine „Narita rikon“ nach, eine Scheidung.

          Typisch für die wachsende Anzahl der „genpatsu rikon“, also der Atom-Scheidungen, ist die Geschichte von Miki. Unmittelbar nach der Katastrophe in den Atomreaktoren ist die 29 Jahre alte Frau mit ihrer dreijährigen Tochter geflohen und bei Verwandten in Tokio untergekommen. Sechs Wochen später nagte das schlechte Gewissen an ihr. War es richtig, die Familie zu trennen? Schweren Herzens ging Miki zurück zu ihrem Mann nach Fukushima. „Aber ist es dort sicher für meine kleine Tochter?“, fragte sie sich immer wieder. Die Regierung behauptet, die radioaktive Belastung sei so gering, dass keine Gefahr für die Kinder bestehe. Ausländische Experten berichten immer wieder anderes. Mikis Sorgen blieben. Sie achtete beim Einkauf darauf, Produkte aus anderen Regionen zu kaufen. Und mit niemandem konnte sie sprechen. Ihr Mann meinte nur: Es sei schon sicher.

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