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Trauerbegleitung : Bedaure nichts, was dich zum Lächeln brachte

  • -Aktualisiert am

Mit ihren 17 und 22 Jahren müssen sie ihre leidgeprüfte Familie zusammenhalten: Cedric (links) und Dominik mit ihrem Vater Michael. Bild: Edgar Schoepal

Ihr Vater erinnert sich nach einem Schlaganfall nicht an Vergangenes, der Krebs ihrer Mutter ist unheilbar. Die Söhne sind praktisch zu den Eltern ihrer Eltern geworden. Sie versuchen durchzuhalten – auch mit Hilfe einer Trauerbegleiterin.

          Ratet mal, wer mich grad schon wieder angehalten hat!?“ Dominik, 22, schlurft in die Küche des Elternhauses, das Käppi trägt er tief im Gesicht. Er hatte nur kurz seine Freundin weggebracht, mit der „Familienkutsche“, wie er es nennt. Ein junger Typ in einem Familienauto: Anscheinend ist dieser Anblick so ungewöhnlich in Gelsenkirchen, dass Dominik immer wieder von der Polizei gestoppt wird. Fahrzeugschein, Papiere, bitte. Regelmäßig.

          Was die Polizisten nicht wissen: Dominiks Eltern können ihr Auto selbst nicht mehr fahren. Sein Vater Michael, heute 48, hatte Mitte 2009 – drei Monate vor Dominiks Realschulabschluss – einen Schlaganfall und ist seither eingeschränkt, das Sprechen fällt ihm schwer. Seine Mutter Mirjam, 43, ist das, was die Ärzte „austherapiert“ nennen. Sie hat Krebs. Sie wird die Krankheit nicht überleben.

          Es geht um Leben und Tod

          Was macht eine solche Geschichte aus zwei Heranwachsenden? Aus zwei jungen Männern, die eigentlich gerade Zeit brauchen würden, um sich selbst kennenzulernen, sich auszuprobieren, ihr Leben zu justieren in die eine oder in die andere Richtung? Bei Dominik und seinem Bruder Cedric, 17, geht es nicht vorrangig um den nächsten Abend in der Kneipe oder um die nächste Schwärmerei; bei ihnen geht es um Leben und Tod. Sie müssen Verantwortung tragen – und das ist verdammt schwer für sie. Auch deshalb hat Mirjam schon jetzt eine Trauerbegleiterin gebeten, sie und ihre Familie zu unterstützen.

          Briefe an die Söhne: Mutter Mirjam bei einem Bretagne-Urlaub

          Viele Menschen kennen Sterbebegleitung durch Hospize oder Hospizdienste. Die wenigsten Menschen aber wissen, dass auch die Inanspruchnahme von Trauerbegleitung schon vor dem Tod möglich ist. Ihr Fokus liegt auf den Überlebenden, auf der Begleitung der Angehörigen. Nici Friederichsen vom Bundesverband Trauerbegleitung spricht von etwa 240 qualifizierten Trauerbegleitern in ihrem Verband – Tendenz steigend. „Der Bedarf ist da, doch oft fehlt das Wissen um uns“, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper, die Mirjams Familie nun begleitet.

          „Dominik, willst du meine zweite Hälfte vom Brötchen?“, fragt Mirjam. „Nee, für dich, Mama“, sagt er, „damit du groß und stark wirst.“ Mirjam kann ihr Brötchen nicht essen. Sie kann heute gar nichts bei sich behalten, nicht einmal einen Schluck Wasser. Eigentlich müsste sie in die Klinik. Schon wieder. Sie will nicht, obwohl sie sich dort mit der Flüssigkeits-Infusion, mit Novalgin und Vomex sicherer fühlt. Aber sie möchte jetzt dieses Frühstück, zusammen mit ihrer Familie, endlich sind mal alle zusammen.

          Lebensmotto an der Küchenwand

          „Life is short, break the rules, do more, need less, smile often, be brave, stay true, dream big, forgive quickly, kiss slowly, love truly, laugh uncontrollarly, and never regret anything that made you smile.“ So lautet ein Spruch an der Küchenwand der Familie.

          Es ist ein ganz normaler Sonntagmorgen in Gelsenkirchen. Von grauen Balkonen hängen Deutschland-Flaggen, vielleicht noch übrig von der EM 2016, vielleicht schon immer dort. Dominiks Familie wohnt in einem Mehrfamilienhaus mit üppigem Klingelschild unten am Haupteingang im Erdgeschoss. Kein leichtes Pflaster, sagen Dominik und Cedric. Aber sie fühlen sich wohl. „Man muss sich halt auch mal durchsetzen.“ Die Wut rauslassen. Draußen. Sich Luft machen.

          Ostern 2010. Vater Micha ist gerade nach seinem Schlaganfall und zwei Gehirn-Operationen wieder zurück zu Hause, da erhält Mutter Mirjam ihre Krebsdiagnose. Nur zwei Monate später. Dabei hatten die Söhne schon die zwei Monate, die „Übergangszeit bis zum nächsten Schock“, als „hart“ empfunden.

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