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Zum Tode von Vidal Sassoon Wider Dutt und Lockenwickler

 ·  Er befreite die Frauen von lästigen Frisuren und erfand in London den „Bob“. Nun ist Sassoon im Alter von 84 Jahren gestorben.

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© Getty Images Am Bob: Vidal Sassoon verpasst der Minirock-Erfinderin Mary Quant seine wohl bekannteste Frisur.

Als die Mutter gemäß einer Vorahnung, dass ihr Sohn für den Friseurberuf bestimmt sei, mitten im Zweiten Weltkrieg eine Lehre bei einem Haarschneider arrangierte, sei sein erster Gedanke gewesen, von zuhause wegzulaufen, scherzte Vidal Sassoon kürzlich. Der Mann, dessen Name zum Synonym der „Swinging Sixties“ geworden ist, wäre lieber Fußballspieler geworden, statt Fußböden zu schrubben, Spiegel zu polieren und als Shampoo-Junge der gemischten Klientel im Salon von Adolph Cohen auf der Whitechapel Road im Herzen des Londoner East End die Köpfe zu waschen. Zunächst war die Verzweiflung groß, erinnerte sich Sassoon später. Damals habe er sich gefragt, wie er den Kumpels beichten werde, dass er Lehrbursche bei einem Frauenfriseur sein werde. „Wie konnte ich - ein junger, männlicher Athlet - mich den Wünschen meiner Mutter beugen?“

Das lebensbejahende Temperament motivierte ihn, das Beste daraus zu machen und die Technik zu meistern. Was zunächst misslang. Ihn machte es rastlos, dass er noch nicht wusste, wie die von ihm ersehnte Revolution gegen die rigiden, gepanzerten Haartrachten zu realisieren sei. Und so verabschiedete sich das Kind sefardischer Juden - die Mutter stammte aus der Ukraine, der Vater aus Griechenland - 1948 nach Israel, um im arabisch-israelischen Krieg zu kämpfen. Vidal Sassoon ein leidenschaftlicher Zionist. Als vermögender Unternehmer hat er in späteren Jahren jüdische Wohltätigkeitsorganisationen großzügig bedacht und ein Institut für die Forschung über den Antisemitismus finanziert. Im Londoner East End war er nach dem Krieg einer anti-faschitischen Gruppe beigetreten, die sich Straßenschlachten mit den Anhängern der neugebildeten „Union Movement“ des britischen Faschistenführers Oswald Mosley lieferte. Durch diese Verbindungen kam Vidal Sassoon erst zur israelischen Armee. Nach seiner Rückkehr aus Israel blieb ihm allerdings nichts anderes übrig, als die von seiner Mutter in einer Schublade sorgfältig aufbewahrte Schere auszupacken und sich wieder in den Friseurberuf einzufinden.

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Allmählich lernte Sassoon das Haar wie einen Stoff zu betrachten, der in Harmonie mit dem Knochenbau gestaltet und von allem Überflüssigen befreit werden müsse. Statt des artifiziellen Styling zählte der Schnitt, der mit einem Kopfschütteln gleich richtig saß. Mit seinen streng konturierten, vom Bauhaus inspirierten Formen hat er sein Handwerk nicht nur zur Kunst verfeinert, sondern auch der sich wandelnden Rolle der Frau in einer Zeit des Umbruchs Ausdruck verliehen. Seine Vorstellungen standen im Einklang mit dem emanzipatorischen Geist der sechziger Jahre. So, wie seine Kundin die Modeschöpferin Mary Quant die Rocksäume weit über das Knie stiegen ließ, schnitt Sassoon das Haar auf Kinnhöhe zu einem pflegeleichten Bob, der die Frauen von der Folter der Trockenhaube und der Tyrannei der hochtoupierten Betonfrisur erlöste.

Mit 26 Jahren eröffnete Sassoon 1954 seinen ersten Laden, eine winzige Fläche, wo die Kunden auf der Treppe warten mussten, aber an allerbester Adresse - an der Londoner Bond Street, obgleich am weniger feinen Ende der noblen Einkaufsstraße. Als er 1963 der chinesisch-amerikanischen Schauspielerin Nancy Kwan die bis zum Hintern reichenden Locken stutzte und sich wie ein Bildhauer ans Werk machte, um aus ihrem seidigen Haar einen stufig geschnittenen Bob zu modellieren, war ihm bewusst, das dies ein „bahnbrechender Augenblick“ sei. Er ließ sofort den Fotografen Terence Donovan rufen und avisierte die Modezeitschrift „Vogue“.

Dieser androgyne Schnitt war der Wendepunkt. Mit dem helmartigen Fünf-Punkte-Schnitt, der das Haar von der Mitte des Kopfs an den Seiten und im Nacken auf fünf Punkte zulaufen ließ, habe er einige Jahre später den Gipfel seiner Arbeit erreicht, schreibt Sassoon in seinen Erinnerungen. Der Friseur, dessen alleinstehende Mutter sich gezwungen gesehen hatte, die beiden Söhne einem jüdischen Waisenhaus anzuvertrauen, weil sie die Miete nicht zahlen konnte, stand im Mittelpunkt der modischen Hautevolee der sechziger Jahre. Sein Name war derart bekannt, dass Mia Farrow in Roman Polanskis „Rosemary’s Baby“ verkündet, sie sei bei Vidal Sassoon gewesen. Der Star war eigens nach Hollywood geflogen, um der Schauspielerin den berühmten Pixie-Schnitt zu schneiden - coram publico, wie ein Happening oder Performance-Kunstwerk. Das honorierte ihm das Studio mit sagenhaften 5000 Dollar.

Von dem Laden an der Bond Street weitete sich das Reich Sassoons jenseits des Atlantiks aus. Er gründete eine Ladenkette und Friseurschulen, wurde durch seine Haarpflegemittel zum Multimillionär. Das größte Bedauern des als der Chanel des Haars gefeierten Stilisten, der jetzt in Los Angeles im Alter von 84 Jahren an Leukämie gestorben ist, war, das Unternehmen verkaufen und die Kontrolle über seine Produkte verloren zu haben.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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