18.04.2010 · Gestrandet in Sardinien, gestrandet in Rom. Mit viel Aufwand eine Bahnverbindung organisiert. Vier Umstiege in drei Ländern, mehr als 21 Stunden Fahrzeit. Und kurz nach der Buchung wird klar: Womöglich öffnen die Flughäfen bald wieder. Ein Reiseprotokoll.
Von Nadine Bös, RomDas Chaos kommt auf leisen Sohlen. Auf Sardinien ist noch am Sonntagmorgen wenig zu spüren von Aschewolke und Flugzeugdurcheinander in Europa. Sicher - die Flüge aufs Festland sind größtenteils abgesagt. Aber es ist Nebensaison, der Flughafen ist leer, die Schlangen sind kurz, die festsitzenden Urlauber wollen sich nicht recht anstecken lassen von der allgemeinen Rückreisepanik. Sie wissen noch nicht, welche Odyssee auf sie wartet.
7 Uhr morgens, Flughafen Cagliari: Doch, doch, natürlich gebe es eine Möglichkeit nach Deutschland zurückzureisen, erklärt die Dame am Air-Berlin-Schalter. Nicht mit Air Berlin zwar, aber Alitalia fliege weiterhin nach Rom, und von Rom aus könne man dann einen Zug nehmen, nach Mailand oder Bologna und von dort aus weiter nach Deutschland. Und sogar Geld zurück gibt es für den abgesagten Sardinienflug. Bloss nicht aufregen!
8 Uhr, Alitalia-Schalter: Die Schlange ist mäßig lang, die Urlauber noch immer recht entspannt. Nur ein einzelner Italiener ringt die Hände. „Problema, problema, problema.“ Die deutschen Urlauber sind pikiert. „Der soll sich mal nicht so aufregen“, tuschelt jemand. Und warum auch? Es gibt genügend Tickets nach Rom, ein bisschen teurer als geplant wird es eben. Und mit dem Nachtzug dauert halt alles etwas länger. Ein kleines Abenteuer. Kein Beinbruch.
9 Uhr: Die Alitalia-Maschine hebt ab. Pünktlich und zu einem Fünftel leer. Der Himmel ist klar, mit kleinen Schäfchenwolken. Von Asche am Himmel keine Spur.
9.45 Uhr, Rom: Schon aus dem Flugzeugfenster sind kurz nach der Landung die Fernsehübertragungswagen zu sehen, die überall am Flughafen warten. Das Chaos beginnt - allmählich.
10.00 Uhr, Ankunftshalle: Hier ist es überraschend leer. Ein übellauniger Reporter drapiert ein Ehepaar mit Reisetaschen vor einer Abflugtafel, die außer den Worten „cancellato, cancellato, cancellato“ nicht viel listet. Ein paar Schlangen vor den Ticketschaltern, nicht besonders lang. Auf zum Bahnhof!
11.00 Uhr, Flughafen-Bahnhof, Leonardo da Vinci Airport: Hier hat sich also das Chaos versteckt! Es wartet hinter einer Ecke in Form einer mehrere hundert Menschen umfassenden Schlange. Und auf einem kleinen Zettel am Ticketschalter: „Alle internationalen Züge bis Dienstagmorgen ausgebucht.“
12.00 Uhr, Leonardo da Vinci Airport, Mietwagenbüro: Der Mann von der Hertz-Autovermietung lacht kurz und herzlich. Ein Auto nach Deutschland - was sei das denn für ein absurder Wunsch in diesen Tagen. Natürlich seien alle Mietwagen ausgebucht. Und überhaupt - in solchen Zeiten vermiete man nur innerhalb Italiens, maximal bis Mailand. Bei den restlichen Mietwagenfirmen nur Kopfschütteln. Einzig Europcar schlägt vor, eine Internetreservierung zu versuchen, das sei vielleicht noch möglich. Doch im Netz explodieren die Preise: 800 Euro würde ein Auto hier kosten. Sprit noch nicht eingerechnet. Und das Ganze nur bis zur italienischen Grenze. Und wie weiter?
13.30 Uhr, Leonardo da Vinci Airport, Air-Berlin-Schalter: Nein, nein, auf einen Rückflug vor Donnerstag, frühestens Mittwochabend, dürfe man sich keine Hoffnungen machen. „Fahren Sie mit dem Zug“, sagt der freundliche Herr mit der Stimme eines Arztes, der seinen Patienten über eine schlimme Krankheit aufklären muss. „Und wenn Sie heute nicht mit dem Zug fahren können, nehmen Sie sich ein Hotel. Ich könnte Ihnen allenfalls eine unsichere Umbuchung auf Mittwochabend anbieten. Aber bis dahin sind Sie hoffentlich längst raus aus Italien.“
14.00 Uhr, Hotelreservierungs-Service am Flughafen: Die Schlange umfasst Dutzende Menschen. Eine ältere Dame ist auf dem Weg über Kuala Lumpur nach Australien gestrandet. Eine Reisegruppe kommt aus Südamerika. Ein indisches Pärchen ist auf dem Weg aus Indien nach Amerika in Rom steckengeblieben. Wie durch ein Wunder finden alle noch ein Hotel - nach etwa zwei Stunden Wartezeit.
17.00 Uhr, Rom Innenstadt, Internetcafé: Selbst hier hat sich eine Warteschlange gebildet. Touristen aus aller Welt konkurrieren um die Computer. Der Kaffeeautomat läuft heiss. Internationale Züge über bahn.de zu buchen ist aussichtslos. „Preisauskunft nicht möglich“, erklärt die Seite lapidar, was so viel heißt wie: Diese Verbindung ist online nicht buchbar. Statt dessen ist es möglich in mühsamer Kleinarbeit, auf den Seiten der italienischen, österreichischen und deutschen Bahn Teilstrecken zusammenzustellen. Nach einer Stunde ist der Rückweg für den nächsten Tag gebucht: Es geht von Rom nach Bologna, von Bologna nach Brenner, von Brenner nach Innsbruck, von Innsbruck nach München, von München nach Hause nach Köln. Abfahrt: Montag um 9 Uhr morgens. Voraussichtliche Ankunft: Dienstag, 6 Uhr morgens. Voraussichtliche Fahrzeit: 21 Stunden - wenn alles so klappt, wie es auf dem Bildschirm steht.
18.00 Uhr, Rom Innenstadt, Internetcafé: Die aufwändige Bahn-Buchung mit vier Umstiegen in drei Ländern ist abgeschlossen. Aufatmen? Jetzt nochmal schnell auf die Nachrichtenwebsite. „Flugzeuge fliegen wieder“, lautet die oberste Headline. Schnell die Website schliessen. Schnell den Computer runter fahren. Schnell noch Rom anschauen. Und morgen 21 Stunden Bahn fahren.
Leider wurden der Nachtzug aus Mailand im vergangenen Dezember abgeschafft
Christina Berghoff (cbergh)
- 19.04.2010, 00:56 Uhr
When in Rome do as the Romans do
Max Zurkinden (mzurki)
- 19.04.2010, 17:48 Uhr
Cancellato - mit dem Zug nach Hause
Hildegard Lamberty (volleydiver)
- 20.04.2010, 15:55 Uhr