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Zirkus Flic Flac Der Kapitän in den Masten

Mit einem billig erstandenen Stoffzelt hat er angefangen, jetzt betreibt Benno Kastein einen zirzensischen Großsegler mit acht Masten über einer hundert Meter langen Bühne: Flic Flac ist der Zirkus mit den riskantesten Nummern in Deutschland.

© dpa Vergrößern Eng verschlungen durch die Luft: Akrobatik im Zirkus Flic Flac

Was soll aus einem Mann werden, dessen Vater in Bocholt die Kneipe „Zum schwankenden Mast“ betrieben hat? Hochseilläufer natürlich. Und Kapitän. Das Kapitel Hochseillauf hat Benno Kastein vor zwanzig Jahren insofern abgeschlossen, als dass er nicht mehr selbst auf dem Stahlseil zwischen zwei Masten schwankend die Balance hält, sondern andere balancieren lässt: Artisten, die er, der Direktor des Zirkus Flic Flac, an Bord seines Achtmaster geholt hat.

Hans Riebsamen Folgen:    

Benno Kastein, der 1989 mit einem billig erstandenen Stoffzelt anfing, das dem Zirkus Roncalli nicht mehr gut genug war, hat jetzt als Kapitän das größte Zirkuszelt Europas vom Stapel gelassen: einen circensischen Großsegler mit acht Masten.

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Eine hundert Meter lange Bühne

Vor der Westfalenhalle in Dortmund hat Benno Kastein mit seinem schwarz-gelb dekorierten Traumschiff angedockt: „No Limits“ lautet die Parole. Wer das Riesenzelt betritt, sieht auf den ersten Blick, dass der Titel der neuen Flic-Flac-Show nur leicht übertrieben ist.

Flic Flac 01 © Edgra R. Schoepal Vergrößern Die Siebener-Pyramide vor der Vollendung: Nur ein Artist muss noch „zusteigen”

Statt einer Manege hat Direktor Kastein mitten durch das Zelt eine 100 Meter lange Straße errichten lassen - die Rollbahn für die Mad Flyers, drei Wahnsinnige, die am einen Ende des Zeltes mit ihren Motocross-Motorrädern Anlauf nehmen, mit voller Geschwindigkeit auf einer Rampe abheben, vierzig, fünfzig Meter durch die Luft sausen, im Flug einen Handstand machen und mit lautem Krachen auf einer zweiten Rampe landen. So etwas hat es noch nie im Zirkus gegeben: weder fliegenden Motorradfahrer noch eine hundert Meter lange Bühne mit Zuschauertribünen hüben und drüben.

Vater wollte, dass er Artist wird

Vater Kastein wäre wohl stolz auf seinen Sohn Benno, den Direktor von Flic Flac, dem Zirkus mit den riskantesten Nummern in Deutschland. Und auf Lothar, den anderen Zirkus-Sohn, der zuständig ist für die ausgeklügelte Technik. Denn Vater Kastein war ein Zirkusnarr, ein Mann, der nach dem Krieg selbst einmal eine Arena, eine Art Freiluftzirkus, geleitet und später jede Zirkusvorstellung in der Nähe besucht hatte.

Als Benno Kastein ihm damals sagte, er wolle Zweirad-Mechaniker werden, war der Vater gar nicht erbaut: Er solle doch lieber Artist werden. Mit 17 Jahren war Benno Kastein denn auch zum ersten Mal mit einer Nummer auf der russischen Schaukel mit einem Zirkus in Portugal auf Tournee.

Die Siebener-Pyramide

Jahre später sahen er und sein Bruder beim Zirkusfestival in Monte Carlo die „Carillos Brothers“ auf dem Hochseil - und waren hingerissen: „Das machen wir auch!“ Sie bauten zwei Masten auf, spannten ein Seil und beherrschten das Balancieren in der Zirkuskuppel mit der Zeit so meisterhaft, dass sie 1982 in Monte Carlo einen silbernen Clown gewannen.

In der neuen Flic-Flac-Show lassen die Kasteins zwei Masten auf einem Lastwagen von einem Seitenzelt auf die Arena-Straße fahren. Mit einer ausgeklügelten Mechanik werden die Pfeiler vor den Augen der Zuschauer aufgerichtet, das Seil gespannt für eine Hochseilsensation, die es regulär seit 45 Jahren in keiner Zirkusshow mehr gegeben hat - für die Siebener-Pyramide.

„Roncalli“ und „Cirque du Soleil“ waren die Vorbilder

Karl Wallenda, ein in Amerika arbeitender deutschstämmiger Artist, hatte 1947 zum ersten Mal sieben Hochseilläufer auf das Seil geschickt: vier mit zwei Schulterstangen verbundene Untermänner, auf diesen Stangen zwei mit einer weiteren Stange verbundene Übermänner und auf deren Stange der Mann auf der Pyramidenspitze. 1962 stürzten die Wallendas in Detroit bei einer Vorführung ab, es gab einen Toten und mehrere Verletzte. Seither wurde die Siebener-Pyramide nur einmal 2004 in Monte Carlo gezeigt. Benno Kastein hat die riskante Nummer mit südamerikanischen Artisten jetzt neu einstudiert.

No limits eben. Nach diesem Motto lebt Benno Kastein, seit er 1989 mit seiner Frau Scarlett Kaiser-Kastein und einem finanziellen Zuschuss des Vaters Flic Flac gründete. Zu dem kühnen Unterfangen entschloss er sich aus reiner Frustration. Mit einer Hunde-Nummer trat er wochenlang in einem miesen Zirkus in Paris auf.

Der eigene Stil streift den schlechten Geschmack

Wenn die mit ihrem schlechten Programm Geld verdienen, dann kann ich das auch, sagte er sich kurz entschlossen. Der Name Flic Flac war schnell gefunden - so lautete der Spitzname des Vaters. „Roncalli“ war das große Vorbild für Benno und Scarlett Kastein. Doch schnell merkten sie, dass sie nur eine schlechte Kopie hinbrachten. Auch den kanadischen „Cirque du Soleil“, das andere Vorbild, konnten sie nicht erreichen.

So musste Flic Flac notgedrungen seinen eigenen Stil entwickeln: ein schräges Programm, das auf Comedy-Elementen aufbaut, manchmal den schlechten Geschmack streift, ohne Tiere, mit viel Rockmusik und äußerst spektakulären artistischen Nummern. Flic Flac lockt auch junges Publikum ins Zelt, das nie eine klassische Zirkusdarbietung besuchen würde.

Besser wenn die Töchter im eigenen Zirkus auftreten“

Die Nummer mit den fliegenden Motorradfahrern wollte Benno Kastein schon seit Jahren in seinen Zirkus bringen. Doch dafür musste er erst ein ganz neues Zelt bauen lassen, mit einer 100 Meter langen Bühnen-Straße. Jetzt hat der Mann, der mit schnoddrigem Ruhrpott-Dialekt den Kumpel gibt, seine Mad Flyers und den ganzen anderen Salat. Alle Aufbauten - das Hochseil, das Todesrad, die „Menschliche Kanonenkugel“ - muss er nämlich jetzt wegen der langen Straße durchs Zelt mit Lastwagen und Schleppern von der Seite hereinfahren lassen.

Zurücklehnen und die Show in aller Ruhe anschauen kann er also nicht. Bis alles sitzt, gehen noch drei, vier Wochen ins Land. Immerhin einen Vorteil bietet der eigene Zirkus: Benno Kastein kann seine beiden Töchter Larissa und Tatjana, zwei erstklassige Handstandartistinnen, ins Programm einbauen. „Ist doch besser“, sagt der Vater, „wenn die Töchter im eigenen Zirkus auftreten - und nicht in einem fremden.“

Flic Flac gastiert mit „No Limits“ bis zum 1. April in Dortmund. Danach geht die Show auf Deutschlandtournee, zuerst nach Oberhausen, Oldenburg und Bremen.

Quelle: F.A.Z., 20.03.2007, Nr. 67 / Seite 9

 
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