09.06.2005 · Katastrophale Zahlen können manchmal auch ihr Gutes haben: Im Jahr 2003 gab es eine beängstigende Zahl an Betrugsfällen mit EC-Karten ohne Pin. Inzwischen hat sich einiges getan.
Katastrophale Zahlen können manchmal auch ihr Gutes haben. Als Bundesinnenminister Otto Schily im vergangenen Jahr die „Polizeiliche Kriminalstatistik 2003“ vorstellte, strich er eine Angabe besonders heraus: Die Zahl der Betrugsfälle mit gestohlenen Debit-Karten ohne Pin war gegenüber dem Vorjahr um fast 60 Prozent gestiegen. Das waren Fälle, in denen Debitkarten (etwa EC-Karten) gestohlen wurden, mit denen der Täter dann zu Einkaufsfeldzügen aufbrach und das Konto des Opfers plünderte.
Ob der Steigerungsrate von 60 Prozent brach ein offener Streit los zwischen dem Hauptverband des Einzelhandels und den Spezialisten der Polizei für Kriminalprävention. Die Polizei plädiert seit langem dafür, daß die Einzelhandelsgeschäfte nur noch das Pin-Verfahren anwenden: Der Kunde kommt mit der ausgewählten Ware an die Kasse und muß zum unbaren Bezahlen die Geheimnummer seiner Debitkarte eingeben. Nur dieses Verfahren sei sicher. Der Einzelhandelsverband hält dagegen, das Verfahren sei zu teuer (0,3 Prozent Bankgebühr) und zu langsam (Schlangen an den Kassen). Man bleibe deshalb beim Lastschriftverfahren: Der Kunde geht mit der Ware zur Kasse, gibt seine Karte, von deren Magnetstreifen der Name und die Bankverbindung abgelesen werden. Danach leistet er eine Unterschrift - fertig.
Das freilich nutzen die Betrüger: Sie kritzeln eine falsche Unterschrift hin und ziehen mit der erbeuteten Ware von dannen, während das Konto ihres Opfers schmerzhaft belastet wird. Die Polizei wettert: Der Einzelhandel stellt seine wirtschaftlichen Interessen über seine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und macht mit dem Lastschriftverfahren unsere Bemühungen zunichte, diese Betrugsfälle einzudämmen.
„Die Unternehmen haben reagiert“
Als Otto Schily am Donnerstag in Berlin die „Polizeiliche Kriminalstatistik 20042 vorstellte, zeigte sich, daß beide Seiten es offenbar nicht beim Streiten belassen haben: Die Zahl der Betrugsfälle mit gestohlenen Debit-Karten ohne Pin ist im Berichtszeitraum nur mehr um 4,8 Prozent gestiegen. Was ist geschehen im vergangenen Jahr? Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels: „Die Unternehmen haben reagiert. Sie überprüfen jetzt nach einem Zufallsverfahren jeden soundsovielten Kunden. Der muß dann die Geheimzahl eingeben oder seinen Ausweis zum Unterschriftenvergleich vorzeigen. Die neuen Zahlen zeigen, daß man eben nicht einfach sagen kann, das Lastschriftverfahren lade zu Mißbrauch ein. Wir haben in unseren Gesprächen mit den Banken und der Polizei gewaltige Fortschritte gemacht, und das zeigt sich jetzt in einer Normalisierung der Statistik. Die Steigerung von 60 Prozent im Bericht für 2003 hat alle wachgerüttelt. Aber nachlassen dürfen wir jetzt nicht.“
In Bielefeld erprobt die Polizei gerade eine neue Methode: Sie meldet dem dortigen Einzelhandelsverband verlorene oder gestohlene EC-Karten, die auf eine Sperrliste kommen und im Lastschriftverfahren nicht mehr akzeptiert werden. Gegenüber dem Vorjahr seien die Betrugszahlen in Bielefeld 2004 um 6,2 Prozent zurückgegangen, meldet Polizeipräsident Erwin Südfeld. Im ersten Quartal 2005 habe man sogar einen Rückgang um 54 Prozent registriert.
Uwe Stürmer, Referent für Kriminalprävention im Innenministerium Baden-Württemberg, bestätigt die Verbesserungen: „Der Handel hat sensibler auf die Schäden reagiert. Er macht jetzt mehr Identitätsprüfungen bei den Kunden und hat auch nachgeforscht, in welchen Sparten sich die Betrugsfälle häufen, etwa bei elektronischen Geräten. Wir sind bei unseren Gesprächen gut vorangekommen. Im Augenblick sieht es so aus, als werde eine wichtige Forderung der Polizei erfüllt. Der Einzelhandel scheint bereit, eine Zentralstelle aufzubauen, an die wir die Daten gestohlener der verlorener Karten weiterleiten können. Der Handelsverband leitet sie dann von dieser Zentralstelle weiter an die zahlreichen unterschiedlichen Sperrdateien seiner Mitglieder. Die Karten sind so auch für das Lastschriftverfahren in den Geschäften gesperrt und nicht nur für die Geldautomaten der Banken.“ Ein Versuch wie der in Bielefeld sei lokal sicher hilfreich, aber eben doch nur eine „Insellösung“ gewesen.
Der Aufbau einer solchen Zentralstelle ist eine Idee des baden-württembergischen Landespolizeidirektors Erwin Hetger, der gleichzeitig auch das „Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes“ leitet. Uwe Stürmer: „Wir von der Polizei sind zwar immer noch der Meinung, das Pin-Verfahren sei der einzige sichere Schutz, aber eine solche Zentralstelle wäre ein sehr guter Weg. Wenn der Einzelhandelsverband bei seiner Ankündigung bleibt, dann kann das schon im Juli so in der Innenministerkonferenz festgeklopft werden.“