07.10.2002 · Der Medizin-Nobelpreis geht für die Entdeckung der genetischen Regulierung der Organentwicklung und Arbeiten über das programmierte Zellsterben an Brenner, Horvitz und Sulston.
Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an Sydney Brenner, Robert Horvitz und John Sulston. Sie werden für die Entdeckung der genetischen Regulierung der Organentwicklung und ihre Arbeiten über das programmierte Zellsterben ausgezeichnet. Das teilte das Karolinska Institut am Montag in Stockholm mit. Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist in diesem Jahr mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedische Kronen) dotiert.
Das Wissen um Tod und Entwicklung von Zellen ist ein Grundstein für das Verständnis von Krebs und anderen Krankheiten.
Der geregelte Tod von Zellen (Apoptose) ist eine Grundvoraussetzung für das Leben. Er stellt sicher, dass sich überzählige oder geschädigte Zellen selbst töten, bevor sie im Organismus Unheil anrichten. Gerät diese Kontrolle aus den Fugen, können sich Zellen unentwegt teilen. Krebs und andere Krankheiten sind oft die Folge.
Zellsterben als normaler Prozess
Unser Körper besteht aus Hunderten von Zelltypen, die alle von der befruchteten Eizelle stammen. Im Laufe der embryonalen Entwicklung erfolgt ein sehr umfassender Zuwachs der Zahl der Zellen, die reifen und sich spezialisieren, um die verschiedenen Gewebe und Organe des Körpers zu bilden. Auch bei Erwachsenen entstehen täglich eine Vielzahl von neuen Zellen. Parallel mit dieser Zellvermehrung erfolgt, sowohl bei dem Embryo als auch bei Erwachsenen, die Apoptose als normaler Prozess, um die Zahl der Zellen in den Geweben zu balancieren. Dieses fein abgestimmte, koordinierte Absterben der Zellen nennt man programmiertes Zellsterben.
„Die diesjährigen drei Nobelpreisträger in Physiologie oder Medizin haben entscheidende Entdeckungen auf dem Gebiet der Organentwicklung gemacht und die Regulierung des programmierten Zellsterbens untersucht“, heißt es in der Begründung der Preisvergabe. Durch die Etablierung und Verwendung des Fadenwurms Caenorhabditis elegans als Modellsystem sei es gelungen, die Zellteilung und Spezialisierung von der befruchteten Eizelle bis zum erwachsenen Individuum genau zu verfolgen. Die Preisträger hätten die wichtigen Gene identifiziert, die die Organentwicklung und das programmierten Zellsterben regulieren, und nachgewiesen, dass es entsprechende Gene bei höher entwickelten Organismen, einschließlich des Menschen, gibt. „Die Entdeckungen sind von großer Bedeutung für die medizinische Forschung und vertiefen das Verständnis für die Entstehung einer Reihe von Krankheiten“, heißt es.
Die Preisträger
Im Mittelpunkt der Forschungsarbeiten steht der winzige, nur einen Millimeter lange Fadenwurm Caenorhabditis elegans. Dieses sehr einfache Tier besteht aus nur 959 Körperzellen. Aufgabe und Entstehung jeder einzelnen davon sind bekannt. Damit haben die Forscher einen leicht zu verstehenden Modellorganismus gefunden, an dem sich alle Vorgänge studieren lassen - auch der kontrollierte Zelltod. Dies ist vor allem das Verdienst des in Südafrika geborenen Briten Sydney Brenner (geb. 1927). Er forscht heute am kalifornischen Molecular Science Institute in Berkeley (USA).
Der Brite John Sulston (geb. 1942) stellte den Stammbaum auf, der die Herkunft jeder einzelnen Zelle des Wurmes beschreibt. Er zeigte außerdem, dass der Tod einiger Zellen zum normalen Entwicklungsprogramm des Tieres gehört. Das passiert auch beim Menschen: Seine Hände zum Beispiel werden zunächst als eine Art Paddel angelegt. Die Zellen zwischen den Fingern sterben später während der Entwicklung des Embryos im Mutterleib. Sulston erkannte außerdem die erste Mutation in einem Gen, das an der Kontrolle der Apoptose beteiligt ist. Sulston arbeitet beim britischen Wellcome Trust in Cambridge (Großbritannien).
Sein Mitarbeiter Robert Horvitz (geb. 1947) erhält die höchste wissenschaftliche Auszeichnung für die Entdeckung der Erbanlagen, die den Zelltod steuern. Er beschrieb zudem, wie diese Gene zusammenarbeiten - und fand, dass es sie auch beim Menschen gibt. Horvitz forscht am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im US- amerikanischen Cambridge. Längst hat sich die Apoptose zu einer eigenen Fachrichtung ausgewachsen.