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Sonntag, 12. Februar 2012
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Zeitumstellung Sozialer Jetlag ohne Sinn

28.10.2006 ·  Winterzeit: Aufbruch ins Trübe und Triste. In der Nacht zu diesem Sonntag werden die Uhren wieder einmal um eine Stunde zurückgestellt - von drei auf zwei Uhr. Bleibt die Frage: Warum eigentlich?

Von Franz Josef Görtz
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„Kommt im März die Sommerzeit, bleibt's länger hell für Schwarzarbeit.“ So klingt unterschichtfixierte Volkspoesie, wenn sie gut gelaunt das Frühjahr verspottet. Meist schlagen dann die Bäume aus, während draußen ganz allgemein länger gemauert, gesägt und gehämmert wird. Aber damit ist jetzt Schluß - denn Winterzeit ist angesagt: kürzere Tage, längere Abende, weniger Sonne und allenthalben viel weniger Wärme.

Schon stehen die Unduldsamen hinter den Gardinen, den Finger am Zeiger der Standuhr und die Augen starr auf den Horizont gerichtet. Und können es kaum erwarten, daß die Sonne endlich untergeht und mit dem Herbst allmählich der Winter ins Land fällt wie eine lästige Infektion. Winterzeit! Das klingt wie ein Fanal, Aufbruch zur kalendarisch verordneten Zeitenwende ins Trübe und Triste, Ausbruch eines Leidens, das die Mediziner sarkastisch als SAD bezeichnen: „saisonal abhängige Depression“. Eine spezifische Herbstmalaise, vielfach ansteckend, oft chronisch, selten vollkommen heilbar. An diesem Sonntag ist Stichtag: Am 29. Oktober um drei Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) werden die Uhren um eine Stunde auf zwei Uhr mitteleuropäische Zeit (MEZ) zurückgestellt.

Eine Stunde gewonnen oder eine Stunde verloren?

Oder nicht doch vorgestellt? Darüber streiten die Ungläubigen mit den Unentschiedenen immer noch oft und gern, seit Iren und Briten 1916 die Sommerzeit als „Daylight Saving Time“ eingeführt haben: im selben Jahr, in dem auch Kaiser Wilhelm, um in Kriegszeiten Energie zu sparen, in Deutschland erstmals die Uhren umstellen ließ. Vor oder zurück, eine Stunde gewonnen - oder eine Stunde verloren? „Die Zeit fährt Auto, doch kein Mensch kann lenken“, sagte Erich Kästner ein paar Tage später. Und Kurt Tucholsky erfand das Stundenkonto, um es seinen Landsleuten plausibel vorzurechnen. Das englische „Spring forward, fall back“ hat Tuchos Zeit-Rechnung am knackigsten übersetzt.

Das als Reaktion auf die Ölkrise der frühen Siebziger am 25. Juli 1978 vom Bundestag beschlossene Zeitgesetz in seiner vorläufig letzten Fassung vom 13. September 1994 gestattet der Bundesregierung, „zur besseren Ausnutzung der Tageshelligkeit und zur Angleichung der Zeitzählung an diejenige benachbarter Staaten für einen Zeitraum zwischen dem 1. März und dem 31. Oktober die mitteleuropäische Sommerzeit einzuführen“. Seit 1994 ist die Regelung in der EU einheitlich.

„Das hebt sich gegenseitig auf“

Energiesparen durch die bloße Umstellung der Zeit? „Der pure Unsinn!“ So wettert Gudrun Kopp, die energiepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, immer dann, wenn das dafür zuständige Innenministerium wieder mal die Zeit umstellen will. Andreas Troge, der Präsident des Umweltbundesamts in Dessau, hält es längst für obsolet. Eigentlich seit dem vergangenen Jahrhundert schon. Auf Anfrage entzaubert er den Energiesparmythos in einem einzigen Satz. „Zwar knipsen die Menschen im Sommer abends nicht so lange das Licht an, allerdings heizen sie im Frühjahr und im Herbst in den Morgenstunden auch mehr - das hebt sich gegenseitig auf.“

Vier Jahreszeiten waren es früher einmal. Seit die Globalisierung sich umfassend auch auf den Alltag des öffentlichen Lebens niedergeschlagen hat, gibt es in der Europäischen Union und einigen Staaten drum herum - sechzig Länder auf der Erde sind es insgesamt - nur noch Sommerzeit und Winterzeit. So heißen sie lakonisch brüsk und frei von aller Poesie. Und dauern im Norden Ungarns oder Polens so lange wie im Westen Spaniens oder im Süden Griechenlands. Nur in Rußland beginnt und endet die Sommerzeit einen Tag früher. Die Anmutungen der ehemals unmerklichen, weil kontinuierlichen Übergänge von einer Befindlichkeit in die nächste sind damit unwiederbringlich dahin. Eine Alternative ohne Zwischentöne, ohne Farbenspiel und offenes Ende: entweder Sommer - oder Winter? Kein Unentschieden, keine Überblendungen?

Mehr Unfälle in der Winterzeit

Gewiß gibt es fließende Übergänge, zwischen den Jahreszeiten wie zwischen Tag und Nacht. Und das sind die gefährlichsten Stunden von allen. Weiß Andreas Hölzel vom ADAC und denkt an den Berufsverkehr, der im Winter zu großen Teilen bei Dunkelheit stattfindet und mit deutlich mehr Unfällen zu Buche schlägt als im Sommer. Die gleiche Auskunft gibt Klaus Jansen, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Er verweist auf die Häufigkeit der Straftaten bei Dämmerung, macht allerdings zwischen Sommer- und Winterzeit keinen Unterschied: „Dämmerung ist Dämmerung, ganz gleichgültig, ob es um 18 oder um 20 Uhr zu dunkeln anfängt.“

Michael Klein von der Eisenbahner-Gewerkschaft Transnet dagegen sieht in der Zeitumstellung „überhaupt kein Problem - abgesehen davon, daß am nächsten Wochenende wieder Tausende von Bahnhofsuhren justiert werden müssen“. Um die Fernzüge auf den Winterfahrplan zu eichen, gönnt man ihnen auch diesmal eine Stunde zusätzlichen Aufenthalt, und schon ist alles im Lot. Wo der Zeitgewinn nicht verschlafen wird, genießen Personal und Passagiere ihn im Sitzen.

„Sozialer Jetlag“ bringt Rhytmus durcheinander

„Das Schönste wäre natürlich“, sagt Thomas Kantermann, Chronobiologe an der Münchner Universität, „Tag und Nacht, Wach- und Schlafphasen ließen sich individuell regeln, gemäß den inneren Uhren von Früh- und Spättypen.“ Diese biologische Uhr, die von der Verdauung über die Hormonproduktion und den Herzschlag sämtliche Funktionen des menschlichen Körpers regelt, ist dessen „zentraler Zeitgeber“, so Kantermann, und „wird von der Sonne getaktet“. Schichtarbeit, ein Flug in andere Zeitzonen oder die Umstellung der Uhr in Frühjahr und Herbst haben auf ihn direkten Einfluß. Ein „sozialer Jetlag“ ist die Folge, der den natürlichen Rhythmus „ganz schön durcheinanderzubringen vermag“. Abhilfe, sagt der Fachmann, durchaus mit einem Funken Hoffnung in der Stimme, könnte ein Verzicht auf die Zeitumstellung bringen.

Warum die Zeit auf allen Kontinenten solch irrationale Sprünge und Würfe macht, bleibt eines der wenigen noch ungelösten Welträtsel. Die Mongolei zum Beispiel läßt zweimal im Jahr per Dekret alle Uhren anhalten, Australien aber nicht, und von den amerikanischen Bundesstaaten weder Arizona noch Hawaii, noch Teile von Indiana. Zeit ist Politik, keine Frage. An der in Frankreich 1975 eingeführten Sommerzeit, die der Europäische Rat rasch für ganz Europa durchzusetzen versuchte, war die DDR aus Daffke und Prinzip nicht interessiert. So daß eine innerdeutsche „Zeitspaltung“ drohte, falls die Bundesrepublik nicht stillschweigend Rücksicht genommen und die DDR nicht am Ende, ebenso beiläufig, eingelenkt hätte. Danach konnte das „Gesetz über die Zeitbestimmung“, 1978 beschlossen, 1980 schließlich in Kraft treten. Ost-Berlin war einverstanden. Widerstrebend zwar, so ließ man erkennen, aber dann doch gnädig kopfnickend.

„Zeitumstellung ist nutzlos und kontraproduktiv“

Auch in der DDR verfing das Argument, daß durch die Sommerzeit der Energieverbrauch spürbar zu reduzieren sei, auf der Stelle. Denn aus Ungarn war gemeldet worden, daß dort durch eine vergleichbare Maßnahme angeblich 110 Millionen Kilowattstunden eingespart worden seien - was einem Heizwert von veritablen 28.000 Litern Öl entspreche. Aus Spanien kamen noch schönere Erfolgsmeldungen: 80.000 Liter Erdöl gespart, tönte es aus Madrid. Geprüft wurde das nie. Unsere Bundesregierung, so verrät ihre Antwort auf eine Kleine Anfrage aus der FDP-Fraktion im Mai 2005, hat in puncto Sommerzeit allerdings seit langem schon keinen Zweifel daran, „daß deren Einfluß auf den Energieverbrauch so gering ist, daß er vernachlässigt werden kann“.

„Warum also“, fragt Gudrun Kopp, auch am Telefon hörbar außer sich, „den Unsinn der alle Jahre fälligen Zeitumstellung nicht stoppen, der energiepolitisch so nutzlos, technisch so aufwendig und insgesamt ziemlich kontraproduktiv ist?“ Nicht umstellen auf die Winterzeit, schlägt sie vor, sondern lieber die Sommerzeit beibehalten - mit der weitaus größeren Anzahl längerer, hellerer und deutlich wärmerer Tage? Sie hofft auf das Europäische Parlament und den Rat zur Regelung der Sommerzeit. Die werden nämlich, gemäß einer Richtlinie namens 2000/84/EG, Ende des nächsten Jahres noch einmal grundsätzlich darüber zu befinden haben, ob sich die Abfolge der Jahreszeiten nicht auch vollkommen anders regulieren ließe. Wenn man wollte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.10.2006, Nr. 42 / Seite 68
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