29.03.2010 · In der Nacht zum Sonntag wurden die Uhren eine Stunde vorgestellt. Die Zeitumstellung spart nicht nur keine Energie, sondern versetzt Millionen Menschen auch in einen „Mini-Jetlag“, der bei manchen mehrere Monate andauern kann. Die Isländer haben es gut: Sie haben sich gegen die Sommerzeit entschieden.
In der Nacht zum Sonntag hat die Sommerzeit begonnen. Um zwei Uhr morgens wurden die Uhren um eine Stunde vorgestellt. Die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) beginnt in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union immer am letzten Sonntag im März und endet am letzten Sonntag im Oktober. Taktgeber für die Zeitumstellung war in Deutschland die Atomuhr der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig.
Die größte organisatorische Leistung hatte die Bahn zu erbringen. Mehr als 50 Nachtzug-Verbindungen waren betroffen. Die Zeitumstellung lief automatisch per Funksignal in rund 2500 Hauptuhren und 120.000 Nebenuhren der Bahn. Nur das Wetter hält sich nicht an den Beginn der Sommerzeit: An diesem Sonntag wird es kühl und regnerisch.
Energieverbrauch steigt durch Sommerzeit sogar an
Zweimal im Jahr werden in Deutschland und weiten Teilen Europas die Uhren jeweils eine Stunde vor- oder zurückgestellt. Das ist gesetzlich festgeschrieben - im Zeitgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Die Sommerzeit bleibt bis zum letzten Sonntag im Oktober aktuell. Dann springen die Zeiger um 60 Minuten zurück, und es gilt wieder die Normalzeit, die im Volksmund auch Winterzeit genannt wird.
Die jetzt gültige Regel zur Zeitumstellung wurde in Deutschland 1980 eingeführt. Damals galt die Überzeugung, dass durch eine bessere Nutzung des Tageslichts Energie gespart werden könne. Hintergrund dieser Überlegung waren unter anderem die Nachwirkungen aus der Zeit der Ölkrise von 1973. Laut Erkenntnissen des Bundesumweltamtes spart man zwar während der Sommerzeit abends elektrisches Licht, allerdings werde dafür morgens mehr geheizt - vor allem in den kalten Monaten März, April und Oktober. Insgesamt steige der Energieverbrauch dadurch sogar an. Im Jahr 1994 wurden die unterschiedlichen Regelungen zur Sommer- und Normalzeit in der Europäischen Union vereinheitlicht. Sie gilt seitdem mit kleinen Ausnahmen wie den Kanaren oder den Azoren in allen EU-Mitgliedsstaaten.
Ausnahme Island
Die Isländer sind etwas Besonderes, das finden sie selbst auch. Und so stellten die etwa 320.000 Wikinger-Nachfahren am Sonntag im Gegensatz zu den restlichen 700 Millionen Europäern nicht auf Sommerzeit um. „Nein, wir haben 1968 entschieden, dass wir eigentlich das dauernde Umstellen der Uhren jedes Jahr zu lästig finden“, sagt Islands bekanntester Astronom Thorsteinn Sæmundsson. Wo es doch im Sommer sowieso rund um die Uhr hell und im Winter so gut wie immer dunkel sei. Klare Worte von der Atlantik-Insel, auf der die Menschen gerade gewichtigere Probleme plagen als anderswo die ewig schwere Frage, ob man beim Start der Sommerzeit eine Stunde länger schlafen kann oder umgekehrt.
Die Bankenkrise hat Island stärker getroffen als andere Länder, viele Familien haben ihre Existenz- Grundlage verloren. Auch der Vulkanausbruch unter dem Eyjafjalla- Gletscher vor einer Woche, dem ersten auf dieser Vulkaninsel seit zehn Jahren, stellt die Frage von Sommer- und Winterzeit deutlich in den Schatten.
„Mini-Jetlag“
Bei der Zeitumstellung gerät die „innere Uhr“ vieler Menschen erst einmal durcheinander. Ihnen macht eine Art „Mini-Jetlag“ zu schaffen, und sie brauchen mehrere Tage, um sich an den neuen Tag-Nacht-Rhythmus anzupassen. Besonders der Organismus von Babys und Kleinkindern tut sich schwer. Schlafstörungen und Appetitlosigkeit können die Folge sein. Schlafmittel sind in den meisten Fällen trotzdem überflüssig. Der Körper schafft die Umstellung allein. „Wer ihn unbedingt unterstützen will, sollte zu Baldrian, Hopfen und Melisse greifen“, rät die Techniker Krankenkasse. Nach zwei bis sieben Tagen seien die Anpassungsschwierigkeiten vorbei. „Wer kann, schläft die ersten Tage nach der Zeitumstellung eine Stunde länger als sonst. Und wer sonst immer einen Mittagsschlaf hält, verzichtet am besten eine Woche lang gänzlich auf das Nickerchen.“ So könne sich der Bio-Rhythmus leichter neu einstellen.
Eine repräsentative forsa-Umfrage im Auftrag der KKH-Allianz hat ergeben, dass fast jeder Zweite der 1.006 befragten Menschen durch die Zeitumstellung Schlafprobleme hat. Dagegen hilft viel Tageslicht. „Die schweren Vorhänge sollten offen bleiben, Helligkeit ist ein natürlicher Wachmacher“, riet Holger Steinhäuser, Leiter des KKH-Allianz Servicezentrums in Frankfurt. Umgekehrt helfe es, am Abend auf helles Licht und Bildschirmarbeit zu verzichten.
Kritik an der Zeitumstellung
Die Zeitumstellung bringt nach Ansicht von Wissenschaftlern die innere Uhr aus dem Rhythmus. Dies berge gesundheitliche Risiken, sagte der Frankfurter Mediziner Horst-Werner Korf im dpa-Interview. Der Regensburger Psychologe Jürgen Zulley fordert sogar die Abschaffung der Zeitumstellung. „Die körperlichen Auswirkungen können bis hin zu vegetativen Störungen gehen, also Veränderungen von Puls und Blutdruck“, erklärte Korf. Schläfrigkeit und ein eingeschränktes Konzentrationsvermögen treten vor allem beim Chronotyp der „Eulen“ - also Langschläfern - auf. Es gebe Untersuchungen, die belegen, dass es am Montag nach der Zeitumstellung vermehrt zu Verkehrsunfällen komme.
Die Sommerzeit sei nicht nur überflüssig, sondern auch schädlich, sagte Zulley der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Es würde unserer Biologie eher entsprechen, in der Winterzeit zu bleiben.“ Neue Untersuchungen zeigten, dass sich die Zeitumstellung nicht nur kurzfristig negativ auf die Gesundheit auswirkt - vielmehr störe sie sieben Monate lang bis zum Anfang der Winterzeit die innere Uhr einer Mehrheit der Bevölkerung. „Richtig gewöhnen werden wir uns daran nie“, weiß auch der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg aus seinen Forschungen über den Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Sommerzeit sei ein „von oben diktierter Eingriff in unser biologisches Zeitsystem“, sagte er der „Zeit“.
„Bürokratie abbauen - Zeitumstellung abschaffen“
Noch im Jahr 2007 forderten „Dr. Guido Westerwelle und Fraktion“ im Deutschen Bundestag „Bürokratie abbauen - Zeitumstellung abschaffen und Sommerzeit permanent einführen“. Der FDP-Antrag fand keine Mehrheit, und die Uhren werden weiterhin vor- und zurückgestellt: in diesem Jahr, im nächsten und so weiter.
Das Ende der Sommerzeit ist schon in Sicht: Am 31. Oktober werden die Uhren eine Stunde zurückgestellt.