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Zehn Jahre nach dem Amoklauf in Erfurt Luftballons gegen das Vergessen

Vor zehn Jahren lief Robert Steinhäuser am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt Amok. Am Donnerstag gedachte die Stadt der 16 Opfer des Todesschützen.

© dapd Vergrößern Zehn Jahre danach: Hunderte Erfurter finden sich am Donnerstag zum Gedenken am Gutenberg-Gymnasium ein.

Der 26. April vor zehn Jahren, ein Freitag, begann in Erfurt als ein grauer Tag. Im Landtag stand eine Regierungserklärung über den Aufbau der Justiz auf der Tagesordnung, am Bahnhof drängten sich, wie vor jedem Wochenende, die Reisenden. Doch dann, am späten Vormittag, kam Unruhe auf in der Stadt. Mit gellenden Sirenen fuhren Polizeiautos durch die Straßen, immer mehr. Dann hieß es, an einer Schule, dem Gutenberggymnasium, habe es eine Schießerei gegeben. Der Zugang zur Schule war abgesperrt, Polizisten standen um das Gebäude. Hinter einem Fenster klebte ein Zettel mit der Aufschrift „Hilfe“. Erst am Nachmittag herrschte Gewissheit. Ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums hatte 16 Personen erschossen und sich dann gerichtet. Es war Robert Steinhäuser, der vor allem mit schlechten Leistungen, Großmäuligkeit und Selbstüberschätzung aufgefallen war. Seine Eltern lebten in dem Glauben, dass er noch zur Schule gehe. Aber seit Herbst 2001 bereitete er sich auf die Tat vor. Am Tag der letzten schriftlichen Abiturprüfung war es soweit. Seine Mutter hatte ihn morgens noch geweckt, damit er pünktlich zur Prüfung komme.

Claus Peter Müller Folgen:  

Die Tat hat Erfurt verändert. Fast die Hälfte der etwa 600 Schüler und jeder zweite Lehrer des Gutenberg-Gymnasiums galt als traumatisiert. Ein Jahr später litt immer noch jeder fünfte Schüler unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Bis heute werden sechs Personen psychologisch betreut.

Zehn Jahre nach dem Amoklauf gedachten Schüler, Lehrer und Angehörige am Donnerstag in Erfurt der 16 Opfer. Zu der Gedenkfeier kamen mehrere hundert Menschen. Verlesen wurden die Namen der zwölf Lehrer, zwei Schüler, der Sekretärin und des Polizisten, die von Steinhäuser getötet wurden. Der Amoklauf war der erste dieses Ausmaßes in Deutschland. Das Motiv der Tat wurde nie geklärt. Um 10.55 Uhr läuteten die Glocken der Erfurter Kirchen – zu dieser Zeit hatte der Amoklauf begonnen. Als Zeichen der Trauer und Hoffnung ließen Schüler weiße Luftballons aufsteigen. Auf der Treppe zu der nach der Tat umgebauten Schule und an der Gedenktafel wurden Blumensträuße und Rosen niedergelegt.

„Der 26. April 2002 hat auf grausamste Weise gezeigt, wie wichtig Gemeinschaft ist“, sagte Wieland Krispin am Donnerstag als Vertreter der Schüler. Eine Schülerin, die den Amoklauf als Abiturientin erleben musste, berichtete, wie gut ihr die Umarmungen teils wildfremder Menschen damals getan haben. „Mehr braucht es nicht, um sich nicht allein zu fühlen“, sagte sie. Lehrer und ehemalige Schüler verbanden das Gedenken mit der Mahnung, die Institution Schule zu einem besseren Ort zu machen und niemanden mit seinen Problemen alleinzulassen. Gefordert wurde aber auch eine Verschärfung des Waffenrechts.

Ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums hatte am 26. April 2002 16 Menschen erschossen, anschließend tötete er sich selbst. Am Donnerstag wurde mit einer stillen Gedenkfeier an die Opfer des Massakers erinnert. Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© reuters Vergrößern Video: Erfurt erinnert an Opfer des Amoklaufs vor zehn Jahren

Thüringens heutiger Kultusminister Matschie (SPD) verweist auf Verbesserungen nach der Tat, auf einen verschärften Jugendschutz und Jugendmedienschutz oder die Verschärfung des Waffenrechts. Um eine großkalibrige Sportwaffe besitzen zu dürfen, sei das Mindestalter von 18 auf 21 Jahre angehoben worden. Wer jünger als 25 Jahre sei und eine solche Waffe besitzen wolle, müsse sich einer medizinisch-psychologischen Prüfung unterziehen. Pumpgungs, wie eine von Steinhäuser mitgeführt aber nicht benutzt wurde, seien verboten. Die Schulen seien wachsamer geworden, sagt Matschie. Von den Schülern sei „negatives Drohpotential“ genommen worden. Die Schule solle dem Schüler durch individuelle Förderung Kompetenz vermitteln. Die Schüler erhielten nicht nur Noten, sondern zweimal imJahr eine verbale Einschätzung. Einmal im Jahr müsse der Klassenlehrer mit den Eltern sprechen.

Die Zahl der Schulpsychologen sei von 17 auf 32 nahezu verdoppelt worden. Es gebe an allen 1000 Schulen und 1000 Kindergärten des Landes Pläne zur Krisenprävention und Krisenintervention. Jeder Schulleiter und Lehrer wisse, was im Notfall zu tun sei. Die Zahl der Fälle der Androhung schwerer Gewalt wie von Mord oder einem Amoklauf sei rückläufig. 2009, im Jahr des Amoklaufs von Winnenden, wurden an Thüringer Schulen 84 solcher Drohungen registriert. 2010 waren es noch 50, 2011 noch 18 und in diesem Jahr bislang sechs. Die Zahl der Schlägereien am Schulgelände, die Eingang in die Statistik des Ministeriums fanden, sei dagegen von 53 im Jahr 2009 auf 121 im vergangenen Jahr gestiegen. 2012 waren es bislang 47 meldenswerte Prügeleien. Matschie zieht zum Jahrestag die „persönliche Schlussfolgerung“, dafür zu sorgen, dass kein junger Mensch zurückgelassen wird.

Elternsprecher bekräftigten zum Jahrestag des Amoklaufs ihre Forderung nach weiterer Verschärfung des Waffenrechts. Sieben Millionen Waffen in privaten Haushalten seien ein „ungeheures Gefahrenpotential“, sagte der frühere Elternsprecher des Gutenberg-Gymnasiums, Harald Dörig. Die 16 Opfer sollten die Politik dazu bewegen, den Missbrauch von Schusswaffen zu verhindern. „Das sind wir den Opfern des 26. April 2002 schuldig“, sagte der Jurist, der als Bundesrichter arbeitet.

Die Wunden, die der Amoklauf gerissen habe, seien auch zehn Jahre danach noch nicht verheilt, sagte Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) vor der Gedenkstunde. Sie ist der Auffassung, die öffentliche Diskussion vor dem Gedenktag sei zu sehr auf die Themen Waffenrecht und Aufbewahrung von Schusswaffen verengt. Die Wahl der Tatwaffe stehe aber erst am Ende einer langen Linie, die es frühzeitig zu unterbrechen gelte. „Wir müssen mehr Leidenschaft füreinander entwickeln und Solidarität mit denen, die vor dem Leistungsdruck in Schule und Gesellschaft zu scheitern drohen. Dies und eine umfassende Wertevermittlung und Gewaltprävention in den Schulen, in den Vereinen, in den Medien, in den Familien und in der Gesellschaft bilden die Grundsäulen der Verhinderung von solchen Amokläufen“, sagt die Ministerpräsidentin.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 26.04.2012, 16:54 Uhr

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