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Wurstraub Ein Naturtalent, wie er sich schlängelte

14.01.2004 ·  In München bekam ein wurstliebender Einbrecher fünf Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe. Ölgemälde und Kristallvasen interessierten ihn nicht, dafür aber um so mehr der Inhalt des Kühlschranks.

Von Roswin Finkenzeller
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Ein solcher Einbrecher war der Polizei und dem Landgericht München II noch nicht vorgekommen. Die Zeugenaussage des leitenden Kriminalbeamten, der die amtliche, zwei Jahre anhaltende Ratlosigkeit schildert, gipfelt in dem Satz: "Wir sind einem Phantom hinterhergejagt." Im Juni 2003 war die gesuchte Person, womöglich aus Lustlosigkeit, immer leichtsinniger geworden und konnte so in flagranti ertappt werden. Nach ihrer Festnahme erzählte sie jedem, der es hören wollte, sie sei froh, erwischt worden zu sein. Und auch jetzt, da er zu fünf Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt wird, ist der 33 Jahre alte, arbeitslose Tölzer guter Dinge. Der Gerichtsvorsitzende Weitmann gibt ihm den guten Ratschlag mit auf den Weg, sich im Kittchen nicht den verkehrten Leuten anzuschließen. Denn vielleicht wird noch einmal etwas aus Alfred P.

Er wohnte in Krailling, einem der angenehmsten Orte im Münchner Speckgürtel, wo die Abendspaziergänge vielversprechend sind und die eine oder andere Nachtwanderung auch. P. ging schon deshalb zu Fuß, weil er keinen Führerschein hatte, wenn auch ein Auto, einen Jeep, den aber nur eine Freundin fuhr. Wer sich auf Schusters Rappen unauffällig bewegt, kommt nicht weit, höchstens nach Stockdorf, das mit Krailling zusammengewachsen ist. P. schlenderte, ließ die Blicke schweifen und erblickte dann und wann ein geöffnetes Fenster, in warmen Sommernächten vielleicht sogar eine geöffnete Haustür. Denn in Krailling und Stockdorf war, wie der Kriminaler bezeugt, immer noch "heile Welt".

Waschmittel und Kosmetikartikel

Was wäre gewesen, wenn jemand Alfred P. erkannt hätte? Nichts. Ein Bürger wird in seiner Gemeinde doch noch spazierengehen dürfen. Und so ungezwungen, wie er als Straßenpassant auftrat, begab er sich auch in fremde Häuser, sofern sie ihm zugänglich waren. Kein Schloß mußte geknackt, keine Scheibe eingeschlagen werden. Selbstverständlich führte P. auf seinen Streifzügen auch keine Einbruchswerkzeuge mit sich, höchstens ein Messer und eine Lampe. "Er schlängelte sich", formuliert es der Vorsitzende nicht ohne Bewunderung. "Ein Naturtalent, wie er sich schlängelte. Man hat's, oder man hat's nicht." Jeder Polizist, auch jeder Jurist hätte nun gewettet, daß P. am Tatort darauf verfallen wäre, nur die allerschönsten Angebote des Schicksals anzunehmen. Doch gerade diese schlug er aus. Die kostbarsten Einrichtungsgegenstände blieben unverrückt an ihrem Platz. Der ungebetene Gast griff allenfalls zu, wenn die kriminelle Energie auf niedrigstem Stand verharren konnte, wenn beispielsweise der Schmuck offen herumlag oder nach den Worten des Vorsitzenden "der Eigentümer so blöd" gewesen war, neben die EC-Karte einen Zettel mit der Geheimzahl zu plazieren. Fand P. mit seiner Taschenlampe, deren Licht aus der Ferne nicht bemerkt werden konnte, mehrere Scheine, war es gut; fand er nur einen, war er auch nicht unzufrieden. Gelegentlich steckte er Waschmittel ein oder Kosmetikartikel.

Vor allem aber zog es ihn zu den Kühlschränken und Kühltruhen. Wie gut, daß in fast allen anständigen Villen die Küche im Erdgeschoß liegt. Der Eindringling versah sich mit Lebensmitteln, zuweilen auch nur mit Wurst, einfach mit Wurst. "Das macht", lautet das Fachurteil des Polizeibeamten, "kein Einbrecher." Klaute P. eine Flasche, so war höchstwahrscheinlich nicht Champagner drin, sondern Mineralwasser. Sah die Dame des Hauses am Morgen, daß der Kühlschrank geplündert worden war, verdächtigte sie eher ihre Tochter und deren Freund als einen wildfremden Menschen. Nur allmählich wurde den Kraillingern und Stockdorfern klar, was in ihren beiden Gemeinden los war. Denn zuweilen bemächtigte sich P. auch des Haustürschlüssels, um diesen beim nächsten Mal im Sinne des Erfinders zu benützen.

Leichtsinnig und geständnisfreudig

Oder wie das Sprichwort sagt: Wenn es dem Esel zu wohl wird, begibt er sich aufs Glatteis. P. fing an, auch verschlossene Türen zu öffnen oder auszuhebeln, vielleicht sogar aufzubrechen. Es kam vor, daß ein Gitterrost zertrennt und eine Fensterscheibe zertrümmert wurde. Alfred hatte sich eben ein wenig geändert, aber wirklich nur ein wenig, denn Ölgemälde und Kristallvasen waren weiterhin vor ihm sicher, was sich von den Würsten nicht behaupten ließ. Mit der "heilen Welt" jedenfalls schien es aus zu sein. Wären die Polizisten - zum Schluß waren es ein rundes Dutzend - des Täters nicht habhaft geworden, hätte sich in Krailling glatt eine Bürgerwehr formiert. Da aber das Phantom enttarnt wurde, blieb es bei 82 Fällen von Diebstahl.

Einmal hatte Alfred P. zwei Paar Turnschuhe mit sich genommen und vor dem Haus entdeckt, daß einer der Schuhe beschädigt war. Folglich schleuderte er diesen auf ein Garagendach und warf einen zweiten hinterher. Es war aber nicht der richtige, so daß die Polizei zuerst auf dem Garagendach und später in Alfreds Wohnung das gleiche ungleiche Paar aufstöberte. Vor der Verhaftung war P. ziemlich leichtsinnig, danach sehr geständnisfreudig. "Sie brauchen", ermahnt ihn der Vorsitzende, "einen Halt. Als Sie elf Jahre lang eine Lebensgefährtin hatten, ist nichts passiert." Eines Tages also wird P. eine ganz feste Freundin nötig haben und natürlich einen Job. Sein Bildungsgang umfaßt keinerlei Schulabschluß, doch hat er in seinem vorstrafenfreien Leben schon bewiesen, wie sehr er befähigt ist zu geregelter Tätigkeit. Beschäftigt war er nämlich, bis er in einer Trotzreaktion kündigte, bei einem privaten Sicherheitsdienst.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.01.2004, Nr. 12 / Seite 9
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Jahrgang 1934, schreibt die Schachkolumne im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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