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Wüstenstadt Shibam Manhattan aus Sand und Lehm

05.05.2009 ·  Wie restauriert man Wolkenkratzer in der Wüste? Die uralte Wüstenstadt Shibam im Jemen stand kurz vor dem Verfall. Nun werden die bis zu neun Stock hohen Gebäude aus Lehm und Holz detailgetreu restauriert - und zwar mit deutscher Unterstützung.

Von Rainer Hermann, Shibam
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Oft wird die jemenitische Händlerstadt mit Manhattan verglichen - dabei ist Shibam um Jahrhunderte älter. Die Hochhäuser sind aus Holz und Lehm, und Wasser umfließt nur nach Fluten das mittelalterliche Ensemble. Auf der einzigen Anhöhe des Wadis stehen auf knappem Raum die 437 Hochhäuser. Einige sind neun Stockwerke hoch, die meisten sieben. Das älteste wurde gebaut, als Kolumbus auf dem Seeweg nach Indien Richtung Westen aufbrach. Die Händler Shibams fuhren damals indes nach Osten, handelten Gewürze und Stoffe mit dem heutigen Indonesien und Malaysia.

Zu Hause, im Wadi des Hadramaut, endete ihr Blick nicht am fernen Horizont, sondern an den steil abfallenden rotbraunen Felsen, die nach oben auf die Hochebene führen. In dieser abgelegenen Gegend fühlten sich die Hadramautis sicher. Selbst die Römer hatte der Mut verlassen, sie wagten sich nicht in diesen Teil der Weihrauchstraße. Sie sahen nur die reichen Händler und meinten, deren Heimat müsse das „glückliche Arabien“ sein.

Exakt bis auf die Regenrinne

Shibam ist eines der am besten erhaltenen Stadtensembles. Wenn ein Haus abgerissen werden sollte, setzten sich Eigentümer und Nachbarn zusammen. Sie einigten sich auf ein Dokument, das alle Einzelheiten festhielt, Position und Art der Fenster wie den Verlauf der Regenrinne. Genauso musste das Haus wiederaufgebaut werden. Noch heute hält ein starkes Gemeinschaftsgefühl die Einwohner zusammen. „Das ist einer der Gründe“, sagt Omar Hallaj, „weshalb die Restaurierung von Shibam so erfolgreich ist.“

„Al almani“ rufen ihm in den engen Gassen zwischen den hohen Mauern die Kinder nach, „der Deutsche“. Dabei ist Hallaj ein Syrer aus Aleppo. In Shibam leitet er aber das Projekt der deutschen „Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit“ (GTZ) zur Restaurierung der alten Gebäude und zur Wiederbelebung der kommunalen Strukturen. Begonnen hatte das Projekt im Jahr 2000. Seither sind mehr als 70 Prozent der Häuser mit mindestens einem Bauauftrag mit dem Projekt verbunden. „Die einen haben wenig Geld und restaurieren in mehren Schritten, die anderen haben mehr Geld.“

Teurer als ein Neubau

Jedes dritte Haus, das 2000 leer stand, ist wieder bewohnt. Die Menschen kehren zurück. Ein Haus war vollkommen unbewohnbar. Stock für Stock wird es neu gebaut. Damit der Lehm gut trocknet, wird nach jedem Stockwerk eine Pause von mehreren Monaten eingelegt. Gebaut wird das Haus um eine zentrale Säule, „al arus“ (die Braut). Um sie führen die Treppen nach oben. „Solange dieser Teil intakt ist, kann man jedes Haus restaurieren.“ Im Erdgeschoss hatten die Händler ihre Lager, im Stock darüber die Tiere. Der dritte Stock war für die Männer, darüber wohnten die Familien. Drinnen ist es mehr als zehn Grad kühler als draußen in der Hitze der Wüste. Dafür sorgt der Luftschacht, der „shumsak“.

Hallaj macht sich nichts vor. Das Restaurieren ist teurer als ein Neubau mit billigen Methoden und Materialien. „Will eine Regierung etwas erhalten, erhebt sie von den Betroffenen indirekt eine Steuer.“ Der jemenitische Staat subventioniert daher über den „Social Development Fund“, der über Geberstaaten finanziert wird, jedes Restaurierungsprojekt mit 35 Prozent. Bei einigen Maßnahmen, etwa der Konservierung von Holz und dekorativen Elementen, sogar mit 75 Prozent. Die jemenitische Regierung subventioniert die Baumaßnahmen, die GTZ stellt Expertise und Experten zur Verfügung und gab dafür bislang sechs Millionen Euro aus, ein Viertel für Ausbildung.

Traditionell, aber mit moderner Infrastruktur

Der Fonds hätte den Auftrag zur Sanierung Shibams einem großen Bauunternehmen geben können. Stattdessen einigte man sich aber darauf, dass die GTZ die örtlichen Handwerker in den traditionellen Methoden ausbildet und der Fonds nur dann eine Subvention auszahlt, wenn der Bauherr ein Mitglied der städtischen Bauzunft beauftragt. Vor neun Jahren zählte diese Zunft zwar noch 34 Mitglieder. Die meisten aber waren alt und mit den traditionellen Techniken nicht mehr vertraut. Heute sind es 42, und ihre Fertigkeiten sind so begehrt, dass sie auch außerhalb Shibams arbeiten. Um das Projekt herum entstand eine blühende Wirtschaft.

Eine Bürgerversammlung ist angesetzt. Stadtverwaltung, Fonds und GTZ wollen mit den Einwohnern über die Sanierung der gesamten Infrastruktur diskutieren. Die Erfahrungen über das Pilotviertel hinter der Polizeistation sollen ausgetauscht werden. Die Experten der GTZ, wie Hallaj überwiegend Araber, fanden Lösungen, dass Shibam weiter wie eine traditionelle Stadt aussehen wird, aber dennoch mit moderner Infrastruktur ausgestattet. Rohre für Wasser und Abwasser, Kabel für Strom und für Telefon, Straßenbeleuchtung und Regenwasserdrainage werden vorhanden sein, aber eben nicht zu sehen. Die Sanierung ist ein Projekt der gesamten Gemeinschaft, die Einwohner wollen im Geist dieser Tradition leben, und örtliche Handwerker werden eingesetzt.

Restaurierung der Gesellschaft

So haben die Holzhandwerker ein Laboratorium eingerichtet, um alte Hölzer zu konservieren, etwa für Kapitelle oder Fenster. Einer säubert gerade ein Kapitell von Termiten und ersetzt ein fehlendes Stück. Auch in anderen Branchen schlossen sich Handwerker zusammen. Eine Vereinigung bietet ein Alphabetisierungsprogramm und Nähkurse für Frauen an - auch der Schulbesuch der Töchter nahm dadurch zu. Der Kulturklub will eine Bibliothek einrichten, und der Imam Omar BaObaid gründete die Vereinigung für Landwirtschaft und Bewässerung.

Ein Zufall ist es nicht, dass Projektleiter Omar Hallaj aus Aleppo stammt. Dort hatte die GTZ die Altstadt saniert, an dem Projekt war Hallaj schon beteiligt. In Austin (Texas) hatte er zuvor Architektur studiert und dabei Vorlesungen in Soziologie und Geschichte belegt. Er brachte aus Aleppo auch Fachleute mit, die ebenfalls in Shibam ausbildeten. Das Gesellenstück ihrer Schüler war der Predigerstuhl, der Minbar, in der Freitagsmoschee aus dem 14. Jahrhundert. An der Stelle hatte zu Lebzeiten Mohammeds eine Moschee gestanden. Aus demselben Holz wie der Minbar war auch Jesu Dornenkrone.

Die Handwerker, die den Minbar restaurierten, führen heute das Holzlabor von Shibam und bilden an einem weiteren Ort Fachleute für Restaurierungen aus. Denn die in Aleppo und Shibam gewonnenen Erfahrungen werden nun in weiteren Städten angewandt, zunächst in Zabid, dem historischen Ort in der Tihama-Ebene am Roten Meer. Die Stadt wäre womöglich von der „World Heritage List“ gestrichen worden. Das eben angelaufene GTZ-Projekt verhinderte es. Von Texas aus war der Syrer Hallaj eben nicht in Manhattan gelandet, sondern in dessen jemenitischem Vorgänger. Statt an der Rettung der Wall Street arbeitet er nun an der Rettung der Märkte von Zabid.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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