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Würgespiele Kein Erwachen aus dem "Blauen Traum"

 ·  Um in eine Art Rausch zu verfallen, schnüren sich Jugendliche die Luft ab. Die Jugendlichen glauben der „Blaue Traum“ sei weniger gefährlich als Alkohol und Rauschgift. Die Zahl der ungewollten Todesfälle bei diesem Ohnmachtsspiel steigt.

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Würgespiele sind nur allzu bekannt. Seit Generationen geben Jugendliche die „Spielanleitungen“ untereinander weiter. Das zumindest wollen amerikanische Fachleute, die sich mit gefährlichem Verhalten Heranwachsender beschäftigen, herausgefunden haben. Inzwischen ist auch im Internet detailliert nachzulesen, wie „gespielt“ wird - und welche Konsequenzen eine bewusst herbeigeführte Beinahe-Ohnmacht haben kann.

Vergangene Woche strangulierte sich kurzzeitig ein Vierzehnjähriger aus dem Havelland mit einem Strick, um in eine Art Rausch zu verfallen. Dabei verlor er aber offenbar das Bewusstsein. Da er kniete, erstickte er vermutlich, weil das Gewicht seines eigenen Körpers ihn nach unten drückte und sich das Seil um seinen Hals immer fester zuzog. Als der Leichnam des Jungen entdeckt wurde, war sein Computer noch eingeschaltet. Die Anleitung für das angebliche Spiel war angeblich noch abrufbar.

Selbststrangulation kann süchtig machen

Auch wenn Strangulieren kein Spiel ist, so ist es in den beiden Ländern, wo es unter Jugendlichen bislang am häufigsten beobachtet wird, als ein solches bekannt: „Choking Game“ (englisch für „Würgespiel“) heißt es in den Vereinigten Staaten, „Jeu du foulard“ (“Halstuchspiel“) in Frankreich. Doch unter der Hand kursieren mindestens 60 weitere Begriffe allein im Englischen. Viele klingen durchaus verlockend: „California High“, „Purple Dragon“, „Rising Sun“. Selbst im Deutschen haben sich „Indischer Traum“ und „Blauer Traum“ als schönfärberische Namen unter Schülern eingebürgert. Erschreckend daran ist, dass Jugendliche häufig tatsächlich überzeugt davon sind, Würgespiele seien besser und sicherer, als Alkohol und Rauschgift zu konsumieren. In einem Aufklärungsfilm, der in Amerika mittlerweile an vielen Schulen Pflicht ist, heißt es, dass der überwiegende Teil der Kinder und Jugendlichen, die wegen eines Ohnmachtsspiels ums Leben kam, „aktiv, intelligent, stabil“ gewesen sei.

Selbststrangulation kann durchaus süchtig machen - die wenigsten ahnen das. Auch die Schwere der Verletzungen übersehen die Jugendlichen offenbar nicht. Wird die Blutzufuhr zum Hirn, das allein und ständig auf rund 20 Prozent des eingeatmeten Sauerstoffs angewiesen ist, unterbrochen, sind schwerste Hirnschäden unweigerlich die Folge. Millionen Hirnzellen sterben dauerhaft ab, Schlaganfälle und Infarkte können die unmittelbare Folge sein. Weniger schwere Verletzungen sind blutunterlaufene Augen, Schnittwunden am Hals oder gebrochene Knochen. Wird aber einmal der Punkt, an dem die Bewusstlosigkeit einsetzt, erreicht und dann auch überschritten, kann sich der Einzelne, wenn er denn zu Strick, Tuch oder Gürtel gegriffen hat, selbst nicht mehr helfen.

Er starb wenig später im Krankenhaus

In dem Aufklärungsfilm wird angenommen, dass jedes Jahr allein in den Vereinigten Staaten und in Kanada 250 bis 1000 Heranwachsende an einer der vielen Variationen des Würgespiels sterben. Das Tragische daran: Eltern glauben meist an einen gewollten Suizid ihres Kindes, der für sie völlig überraschend kommt und den sie sich nicht erklären können. Offiziell nennt die nationale Gesundheitsbehörde der Vereinigten Staaten, die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), die Zahl 82. So viele Jugendliche im Alter von sechs bis 19 Jahren seien zwischen 1995 und 2007 aufgrund eines Würgespiels ungewollt zu Tode gekommen. Mehr als zwei Drittel von ihnen waren männlich, das Durchschnittsalter lag bei 13,3 Jahren. Allerdings sind die Angaben nicht besonders aussagekräftig, wie es in der Untersuchung weiter heißt: Ihr wurden fast ausschließlich Zeitungsartikel und andere Medienberichte über Todesfälle im Zusammenhang mit Würgespielen zugrunde gelegt sowie Internetseiten, die sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Ein typischer Fall aus den Akten der Behörde zeigt, dass sich zuweilen erst im Nachhinein herausstellt, was die eigentliche Todesursache war: Im Februar 2006 kam ein Dreizehnjähriger zum Abendessen nach Hause. Er war gut gelaunt, setzte sich später in seinem Zimmer an die Hausaufgaben. Nach einer Stunde fand ihn die Mutter zusammengesackt und blau angelaufen mit einem Gürtel um den Hals. Er starb wenig später im Krankenhaus. Ein Abschiedsbrief wurde nicht gefunden. Erst in den Wochen danach erzählten Freunde des Jungen, dass sie des Öfteren Würgespiele auf Partys gespielt haben.

Würgespiele in Gruppen gelten unter jungen Menschen als sicher: Sie legen sich gegenseitig die Hände um den Hals in dem Glauben, der andere würde schon erkennen, wann man den Griff wieder lösen müsse. Dass dadurch ebenfalls schon schwerste Hirnschäden auftreten können, wird dabei unterschätzt. Genauso wie die Suchtgefahr, die größer ist, als lange angenommen. Das Phänomen, dass Jugendliche zunehmend Gürtel und Stricke einsetzen, um beim Würgespiel allein sein zu können, wird erst seit etwa 20 Jahren beobachtet. Und auch erst seither ist die Zahl der Todesfälle so stark angestiegen.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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