Home
http://www.faz.net/-gum-75217
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Wort des Jahres 2012 „Rettungsroutine“ nicht routiniert verwendet

Warum hat sich die Gesellschaft für deutsche Sprache ausgerechnet für das Wort „Rettungsroutine“ entscheiden? Es ist kaum in Jemandens Munde. Routiniert vertreten wird nur die Euro-Skepsis.

© dapd Vergrößern Zur „Rettungsroutine“ gehört auch der Rettungsschirm

Nicht die Häufigkeit, sondern die „Signifikanz bzw. Popularität“ eines Ausdrucks steht laut der Gesellschaft für deutsche Sprache bei der Wahl der Wörter des Jahres im Vordergrund. Signifikanz - geschenkt: das Wort „Rettungsroutine“, das in diesem Jahr in stolzer Missachtung gängiger Rechtschreibprogramme auf dem ersten Platz landete, beschreibe, lernen wir, nicht nur das dauerhaft aktuelle Thema der instabilen europäischen Wirtschaftslage und die wiederkehrenden Maßnahmen zur Stabilisierung, sondern sei in seiner Verknüpfung zweier widersprüchlicher Begriffe zudem sprachlich interessant.

Lena Schipper Folgen:  

Doch auch von einem nur schnöde „populären“ Wort könnte man erwarten, dass die Leute es verwenden. Ganze sieben Ergebnisse in der Archiv-Suche (davon drei aus dem Jahr 2011) und nur knapp 1000 Google-Treffer kurz nach Bekanntgabe der Ehrung deuten aber darauf hin, dass es bislang nicht Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gehalten hat.

Ein rettungsroutinierter Politiker und Herausgeber

Der Großteil der Treffer verdankt sich einem Zitat des CDU-Politikers Wolfgang Bosbach, der sich in seiner Aussage, in der CDU sei Rettungsroutine eingekehrt, vermutlich von einem der Herausgeber der Frankfurter Allgemeine Zeitung  hat inspirieren lassen: Der älteste Treffer im Archiv ist ein Kommentar Holger Steltzners, in dem dieser sich im Mai 2011 mit dem Schlüpfen Portugals unter den „Euro-Rettungsschirm“ (Platz 10 2010) beschäftigte. Die Rettungsroutine bildete hier den Gegensatz zu der mittlerweile quer durch alle politischen Lager routiniert vertretenen Euro-Skepsis, deren Ausweitung auf die sogenannten 99 Prozent (Platz 10 2011) sich Angela Merkel als „Kanzlerpräsidentin“ (Platz 2) entschlossen entgegenstellt.

Während also die Popularität des diesjährigen Siegerwortes außerhalb von F.A.Z., CDU und der Gesellschaft für deutsche Sprache durchaus infrage steht, sorgt der dritte Platz für noch mehr Verwirrung: Die „Bildungsabwendungsprämie“ werde gewürdigt als „gelungener Kampfbegriff“ der Gegner des Betreuungsgeldes, so die Sprachwissenschaftler. Das Wort liege vor als „Hörbeleg“ aus einem Beitrag des ZDF, war uns aber weder ein Kampf- noch sonst ein Begriff.

Die zehn Gekürten

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat zehn Wörter und Ausdrücke zu Wörtern des Jahres 2012 gekürt:

1. Rettungsroutine
2. Kanzlerpräsidentin
3. Bildungsabwendungsprämie
4. Schlecker-Frauen
5. wulffen
6. Netzhetze
7. Gottesteilchen
8. Punk-Gebet
9. Fluchhafen
10. ziemlich beste

Quelle: Faz.Net mit AP und dpa

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Claude Lanzmann über Shoah Das Unnennbare benennen

Zwischen dem Verstehen der Ursachen und der faktischen Realität des Holocaust klafft ein Abgrund. Claude Lanzmann, Regisseur von Shoah, über die Notwendigkeit, den Blick ganz direkt auf den Schrecken zu richten. Mehr Von Claude Lanzmann

27.01.2015, 16:40 Uhr | Feuilleton
Wowereit tritt zurück

Schon länger galt er als amtsmüde, das Flughafen-Desaster hat seine Popularität weiter sinken lassen: Nun hat Klaus Wowereit angekündigt, zum 11. Dezember sein Amt als Regierender Bürgermeister von Berlin aufzugeben. Mehr

26.08.2014, 13:55 Uhr | Politik
Zulässige Religionskritik Ein Integrationshindernis ersten Ranges

Die Handhabung des Blasphemie-Paragraphen 166 durch die Justiz ist völlig unbefriedigend. Diffamierung von Religion im Namen von Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit kennt in Deutschland praktisch keine Grenzen. Mehr Von Professor Dr. Christian Hillgruber

28.01.2015, 13:27 Uhr | Politik
Niedrigzins Deutsche Sparer in Sorge

Sparen lohnt sich nicht mehr, die Zinsen sind niedrig und dazu kommt noch die Inflation. Trotzdem spart niemand im europäischen Vergleich soviel wie die Deutschen. Doch die Skepsis der Sparer wächst. Mehr

22.10.2014, 14:40 Uhr | Wirtschaft
Churchill-Gedenkjahr Wo wäre Europa ohne ihn?

Der größte Brite aller Zeiten – oder doch eine zweifelhafte Figur? Am Samstag beginnt mit dem fünfzigsten Todestag von Sir Winston Churchill im Vereinigten Königreich ein Gedenkjahr der Sonderklasse. Mehr Von Gina Thomas, London

24.01.2015, 10:54 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.12.2012, 10:16 Uhr

Benedict Cumberbatch Entschuldigung für Ausdruck „Farbiger“

Benedict Cumberbatch entschuldigt sich für seine „veraltete Ausdrucksweise“, Keira Knightley hätte eigentlich anders heißen sollen und Schauspieler Eddie Redmayne bedankt sich bei Stephen Hawking – der Smalltalk. Mehr 10

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden