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Wörterbuch Abspacen - noch ohne Rollator

Erstmals erscheint ein deutsches Werk, das neue Begriffe aufführt und so den Wandel des Sprachgebrauchs dokumentiert. „trendy“ sind neue Gesundheitsbegriffe.

© dpa Vergrößern Der Begriff „Herunterladen” findet sich von nun an im neuen deutschen Wörterbuch

Vielleicht spiegeln die Sprache und ihre Wörter nicht unbedingt das ganze Weltbild ihrer Sprecher wider, wie Wilhelm von Humboldt meinte. Auf jeden Fall aber wird im Wortgebrauch der Zeitgeist auf den Begriff gebracht. Ganz besonders gilt das für Neologismen, neue Wörter, neue Wortverbindungen und neue Wortbedeutungen, die zu einer bestimmten Zeit allgemein gebräuchlich werden.

Man könnte einen Zipfel des Zeitgeistes erfassen, wenn man den neuen Wörtern auf die Spur käme. Das versucht Doris Steffens, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim. Sie hat gerade die Arbeit am ersten Neologismen-Wörterbuch für die neunziger Jahre abgeschlossen, genauer: am ersten, dem die Prinzipien wissenschaftlicher Lexikographie zugrunde liegen. Denn zügig zusammengefaßte "Trendwörter"-Lexika erscheinen immer wieder mal in verschiedenen Verlagen.

Für Steffens spiegeln Neologismen die gesellschaftliche Gesamtsituation. Kein Zufall also, daß sich in dem Wörterbuch, das im Sommer bei de Gruyter erscheint, besonders Begriffe aus der Wirtschaft ("outsourcen", "Globalisierungsfalle"), aus den Medien ("Latenightshow") oder dem Computerwesen ("Browser", "Server") finden.

Neologismen-Wörterbücher bisher nicht in deutsch

Als Ausdruck zunehmender Jugend- und Freizeitorientierung kann man die Übernahmen von Szenevokabeln in die Gemeinsprache deuten: Hängte man früher nur Wäsche ab, so macht man es seit einigen Jahren auch mit sich selbst - um auszuspannen. Und da die Wirklichkeit auf der Welt immer anstrengender wird, scheint es eine legitime Entlastung zu sein, sich von ihr gelegentlich zu lösen - und "abzuspacen".

Überhaupt ist Entspanntheit wichtig geworden: Deshalb begegnet man der fußballerischen Strategie, den Ball flach zu halten, zunehmend auch allgemeinsprachlich in der erweiterten Bedeutung "sich zurückhalten", "unaufgeregt reagieren". Und weil einer Entspannung logischerweise erst einmal die Spannung vorausgeht, finden sich auch für diese neue Ausdrucksweisen: Man feiert, tanzt oder trinkt derart ausgelassen und intensiv, "bis der Arzt kommt".

Für Steffens und ihre drei Mitarbeiter begann alles im Jahr 1997 mit dem Sammeln von Wörtern in deutschsprachigen Zeitungs- und Zeitschriftentexten, die in den Textkorpora des IDS elektronisch gespeichert sind. 6000 mehr oder weniger stark belegte Wörter fielen ihnen dabei auf. Deren Neuheit wurde mit einem älteren Textkorpus abgeglichen. Schließlich mußten die Lexikographen erwägen, ob die Ausdrücke tatsächlich über fach-, gruppen- oder regionalsprachliche Verwendungsweisen hinaus gebräuchlich sind.

Der "Genparadeiser" beispielsweise blieb auf der Strecke, weil diese genetisch veränderte Tomate nur in Österreich vorkommt. "Schnupperkurse" und "Pay-TV" mußten ebenfalls außen vor bleiben, weil sie schon vor dem untersuchten Zeitraum existierten. Am Ende ergaben sich 700 Stichwörter, 1500 Ableitungen dieser Wörter oder Zusammensetzungen. Doch nicht alle werden hier erstmals erfaßt. Die jüngsten Auflagen von "Duden" oder "Wahrig" verzeichnen schon eine Menge von ihnen - was in der Natur der Sache, also der langen Bearbeitungszeit, liegt.

Neue Begriffe in der Gesundheitssprache

Wissenschaftliche Neologismen-Wörterbücher gebe es zwar schon in vielen europäischen und außereuropäischen Sprachen, bisher aber noch nicht für das Deutsche, sagt Steffens. Die Sachlichkeit des neuen Wörterbuchs könnte womöglich auch zur Versachlichung der Diskussion über die Anglizismen beitragen. Steffens hat nämlich festgestellt, daß nur 40 Prozent der Neologismen reine Anglizismen sind, also direkte Übernahmen aus dem Angloamerikanischen. Im großen Rest findet sich freilich auch vieles, das von englischen Wörtern abgeleitet ist - wie die "Outdoorjacke", die "Internetseite" oder das "Herumzappen" am Fernsehgerät. Allerdings gibt es auch Übersetzungen englischsprachiger Begriffe, die zuweilen häufiger benutzt werden als die ursprünglichen: So ist im Internet-Sprachgebrauch das "Herunterladen" gebräuchlicher als das "Downloaden".

Doris Steffens bereitet schon das Neologismen-Wörterbuch fürs erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends vor. Und was sind hier die Felder, auf denen die Sprache den Spiegel vorhält? Nicht zuletzt ist es der Gesundheitssektor. "Anti-Aging" liege stark im Trend, und Gehhilfen oder -wägelchen scheinen derart an Bedeutung zu gewinnen, daß sich erstmals eine Wortneuschöpfung auf sie besinnt: Der "Rollator" ist auf dem Vormarsch.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2004, Nr. 114 / Seite 10

 
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