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Zwischen Nord- und Südkorea : Es war einmal der 38. Breitengrad

Ein Mädchen steht nahe der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea in Paju zwischen zwei Fernrohren. Bild: Reuters

Politiker und Medien verorten die Grenze zwischen Nord- und Südkorea oft falsch. Warum eigentlich?

          Gleich zweimal innerhalb weniger Wochen hat der amerikanische Außenminister Rex Tillerson zuletzt den 38. Breitengrad erwähnt. Im August versicherte er dem Diktator Kim Jong-un, Amerika strebe keinen Regimewechsel in Nordkorea an und suche auch keinen Vorwand, um nördlich des 38. Breitengrads Truppen zu stationieren. Im Dezember sagte Tillerson, man habe mit China über den Fall eines Zusammenbruchs des Regimes gesprochen. In einem solchen Fall würden amerikanische Truppen nach Norden eilen, um die nordkoreanischen Atomwaffen zu sichern. Aber man habe China zugesagt, so Tillerson, dass die Soldaten sich anschließend wieder hinter den 38. Breitengrad zurückziehen würden. Viele Medien fügten erklärend hinzu, dieser Breitengrad markiere die Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Das aber stimmt nicht – schon lange nicht mehr.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Wahr ist, dass am 11. August 1945 ein amerikanischer Soldat, ein Pentagon-Mitarbeiter und ein späterer Außenminister spontan entschieden, dass dort auf dem 38. Breitengrad die Grenze verlaufen sollte. Der Soldat hieß George Lincoln. Er bekam nachts um zwei einen Anruf vom State-War-Navy-Koordinierungskomitee, in dem ihm mitgeteilt wurde, die Vereinigten Staaten würden jetzt Truppen nach Korea verlegen, um dort die besiegten Japaner zu entwaffnen. Das war fünf Tage nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und vier Tage vor der offiziellen Kapitulation Japans, das Korea bis dahin kolonisiert hatte. Sowjetische Truppen stießen am selben Tag, an dem Lincoln den Anruf bekam, an der Ostküste Koreas vor. Die Zeit drängte. Und die Frage war: Bis wohin konnten sich die Amerikaner vorwagen, ohne einen Zusammenstoß zu provozieren? All das kann man anschaulich in dem Buch „Der vergessene Krieg“ des Historikers Rolf Steininger nachlesen.

          Dutzende Flüsse, 300 Straßen und sechs Eisenbahnlinien

          Lincoln also überlegte nicht lange, schaute auf die Karte und entschied sich für den 38. Breitengrad, weil er Korea in zwei etwa gleiche Teile teilt. Ihm blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, dass Dutzende Flüsse, mehr als 300 Straßen und sechs Eisenbahnlinien die Linie passierten. Lincoln gab seinen Vorschlag an den Pentagon-Mitarbeiter Charles Bonesteel und an Dean Rusk vom State Department weiter, um ihn zu prüfen. Dabei ging es vor allem um die Frage, welche Linie für die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion gleichermaßen akzeptabel sein würde. Die beiden Männer hatten nach Angaben Steiningers für diese Abwägung nur 30 Minuten Zeit.

          Dean Rusk wurde später Außenminister. Über die Nacht von damals erzählte er, die Linie habe „ökonomisch und geographisch keinen Sinn“ gehabt. Eigentlich wollten sich die beiden Männer an Provinzgrenzen orientieren, doch es fehlte ihnen das passende Kartenmaterial. „Wir nutzten eine National-Geographic-Karte und schauten direkt nördlich von Seoul nach einer passenden trennenden Linie, aber konnten keine natürliche geographische finden“, schrieb Rusk in seinen Memoiren, in dessen Erinnerung der Soldat Lincoln nicht vorkommt. Für Rusk jedenfalls war entscheidend, dass die Großstadt Seoul zum amerikanisch besetzten Territorium gehören sollte.

          Bild: F.A.Z.-Karte

          Und so gelangte der 38. Breitengrad in die „General Order No. 1“, die die Details der Kapitulation der japanischen Streitkräfte regelte. Vorschläge, doch lieber den 39. oder gar den 40. Breitengrad zu nehmen, wurden verworfen. Auch Stalin stimmte der Demarkationslinie schließlich zu, von der man dachte, sie hätte nur vorübergehend Gültigkeit.

          Als im August 1948 zunächst in Seoul die Republik Korea gegründet und im September in Pjöngjang die „Demokratische Volksrepublik Korea“ ausgerufen wurde, wurde der 38. Breitengrad zur Grenze, obwohl beide Regime für sich in Anspruch nahmen, das ganze Korea zu vertreten.

          Im Juni 1950 begann der Korea-Krieg mit dem Übertritt nordkoreanischer Truppen über den 38. Breitengrad. Im Laufe des Krieges verschob sich die Front mal weit nach Süden, mal weit nach Norden. Doch obwohl der 38. Breitengrad am Anfang fast schon beliebig gewählt worden war, behielt er während des gesamten Krieges eine immense symbolische Bedeutung. Bei allen militärischen Operationen der von Amerika geführten UN-Truppen und auch der von ihnen unterstützten Südkoreaner wurde zwischen solchen südlich und nördlich des 38. Breitengrads unterschieden. Als amerikanische Truppen schließlich nach langem Zögern im Oktober 1950 die Linie überschritten, war das für China der Auslöser für den Kriegseintritt. Schon wenige Monate später zogen sich die Amerikaner wieder hinter den 38. Breitengrad zurück, zum Ärger der Südkoreaner, die auf eine militärisch erkämpfte Wiedervereinigung gehofft hatten. Ein südkoreanischer General soll damals über „diese verdammte Linie“ geschimpft haben.

          Nach einem zermürbenden Stellungskrieg entlang des 38. Breitengrads wurde schließlich am 27. Juli 1953 ein Waffenstillstand vereinbart. Der damalige Frontverlauf wurde als Waffenstillstandslinie festgeschrieben. Und obwohl sie quer zum 38. Breitengrad verläuft, wird sie umgangssprachlich in Korea oft genau so genannt: Sampalseon.

          Es ist auch kein Zufall, dass sie letztlich kaum abweicht von der willkürlichen Linie, die acht Jahre zuvor drei Amerikaner über einer National-Geographic-Karte gezogen hatten. Denn die Kriegsparteien rangen darum, zumindest nicht hinter den status quo ante bellum zurückzufallen. Die von der Waffenstillstandskommission festgelegte Demarkationslinie ist 248 Kilometer lang. Auf ihren beiden Seiten erstreckt sich ein zwei Kilometer breiter Pufferstreifen, die sogenannte demilitarisierte Zone. Bis heute wird jeder Schuss registriert, der über diese Linie hinweggeht.

          Im Dialog : Nord- und Südkorea nähern sich an

          Mittendrin liegt die Siedlung Panmunjom, in der die Waffenstillstandskommission ihr Hauptquartier hat. Dort sollen nach dem Willen Südkoreas kommende Woche Gespräche mit Vertretern des Nordens über die Entsendung einer nordkoreanischen Delegation zu den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang stattfinden. Die Siedlung liegt nicht auf dem 38. Breitengrad. Aber knapp daneben: auf 37,956 Grad nördlicher Breite.

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