12.11.2003 · Im eklatanten Widerspruch zu den Werten des globalisierten Kapitalismus liegt für viele sicher der größte Anreiz für eine Beschäftigung mit dem Buddhismus. Aber nicht Selbstverwirklichung, sondern die Überwindung des Ich ist das Ziel buddhistischer Lebensform.
Von Hans P. TrötscherSteinig und mühsam ist der Pfad der Erleuchtung. Langwierig ist die Befreiung aus schädlichen körperlichen und mentalen Verstrickungen. Nicht Selbstverwirklichung, sondern die Überwindung des Ich ist das Ziel buddhistischer Lebensformen. Im Ignorieren dieser Basisfakten besteht das grundlegende Mißverständnis, dem westliche Sinnsucher häufig unterliegen, die sich für die Oberfläche des Buddhismus begeistern. In der vermeintlichen Esoterik der ursprünglich fernöstlichen Lehre bestand seit jeher der größte Anreiz für die Angehörigen der modernen Angestelltenkultur, sich mit dem Buddhismus oder vielmehr mit dem, was man sich darunter vorstellt, zu beschäftigen. Kontemplation, Meditation, Vergänglichkeit und Mitgefühl sind die wichtigen Erfahrungen, die derjenige zu sammeln hat, der die Erleuchtung anstrebt. Großzügigkeit, ethisches Verhalten, Geduld, Sammlung und Weisheit sind die Handlungen, die die buddhistische Praxis zwingend vorgibt. Vielleicht ist es auch der eklatante Widerspruch, den diese Begriffe zur allgemeinen Praxis des globalisierten Kapitalismus darstellen, der für viele gerade den Reiz der Lehre ausmacht. Aber nicht zuletzt der Dalai Lama warnt in seinen Vorträgen unablässig davor, sich vorschnell und ohne gründliche Vorbereitung auf den Buddhismus einzulassen. Die Ausübung ursprünglich buddhistischer Meditationsformen als Psychotherapieersatz stellt einen weiteren zwar fragwürdigen aber nicht unüblichen Zugang zum Buddhismus dar. Ob er beim Verständnis der recht komplexen Lehre helfen kann, sei dahingestellt.