15.03.2009 · Es gibt sichere Anhaltspunkte, dass der Vater des Amoktäters die Tatwaffe in der Nähe des Bettes zusammen mit passender Munition aufbewahrte. Für die Staatsanwaltschaft und die Gerichte ist weiterhin von Bedeutung, ob der Vater von der Gefährdung seines Sohnes wusste.
Von Rüdiger Soldt, WaiblingenBei den Ermittlungen zur Aufklärung des Amoklaufs von Winnenden wird ein Ermittlungsverfahren wegen „fahrlässiger Tötung“ oder „Beihilfe zum Mord“ gegen Tim K.s Vater immer wahrscheinlicher. So gibt es sichere Anhaltspunkte, dass der Vater des Amoktäters die Tatwaffe „Beretta“ in der Nähe des Bettes aufbewahrte und im selben Raum auch die passende Munition unverschlossen verwahrte. Geklärt werden muss noch, ob Tim K. Zugang zu den Waffenschränken des Vaters hatte. Hierzu werden DNA-Proben untersucht, die am Waffenschrank gefunden wurden. Die Schränke waren mit Zahlenschlössern verriegelt. Es ist noch fraglich, ob der 17 Jahre alte Täter die Zahlenkombinationen kannte.
Zugleich mehren sich Hinweise auf eine längerfristige Vorbereitung des Amoklaufs, bei dem am vergangenen Mittwoch in der Albertville-Realschule in Winnenden neun Schüler und drei Lehrerinnen sowie anschließend drei weitere Personen erschossen wurden. Nach Recherchen dieser Zeitung suchte Tim K. seine alte Schule eine Woche vor der Tat auf. Nach Angaben des „Spiegel“ benutzte er häufig gewaltverherrlichende Computerspiele wie „Counterstrike“ oder „Tactical Ops“. Noch am Abend vor der Tat habe der Junge zwischen 19.30 und 21.40 Uhr am Computer „Far Cry 2“ gespielt. Der Täter soll sich auch in spezialisierten Web-Foren angemeldet haben, um über die eigenen Erfahrungen mit Ballerspielen zu berichten. Nach Darstellung des „Spiegel“ soll Tim K. „im Korridor zur Waffenkammer“ menschenähnliche Pappkameraden aufgestellt haben. Er soll immer wieder auf Köpfe und Oberkörper dieser Silhouetten geschossen haben.
Warum begann er in Raum 305?
Nachdem die Spurensicherung in den Klassenräumen der Schule abgeschlossen ist, recherchieren und rekonstruieren die Ermittler derzeit zudem, welcher Plan dem Blutvergießen zugrunde liegen könnte. Warum begann er in Raum 305 im dritten Obergeschoss mit der Schießorgie? Warum klopfte er an die Klassenzimmertür und tötete dann seine ersten Opfer mit Schüssen in den Rücken? Zu klären ist auch, ob er bestimmte Schüler oder Lehrer töten wollte und ob er ein noch größeres Blutvergießen plante und sich von den oberen Etagen ins Erdgeschoss vorarbeiten wollte. Ein dreiköpfiges Interventionsteam der Polizei war drei Minuten nach dem Notruf an der Schule – das Winnender Polizeirevier liegt sehr nah. Durch ihr schnelles Handeln konnten die Beamten mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Erschießungen an der Schule verhindern.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart und der Anwalt von Tims Vater sind unterdessen unterschiedlicher Auffassung darüber, ob der Amokläufer in psychotherapeutischer Behandlung war. Der Anwalt sagte, eine psychotherapeutische Behandlung des Jungen habe es nicht gegeben. Ambulante Behandlungen seien etwas anderes als eine Psychotherapie. Die Staatsanwaltschaft erklärte dagegen, Tim K. sei „vom April 2008 bis September 2008 im Klinikum am Weissenhof in Weinsberg mehrmals vorstellig“ geworden. Mediziner und Psychologen unterscheiden zwischen psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung seelischer Störungen. Beide sind ambulant wie stationär möglich. Während in der Psychiatrie die akute Versorgung seelisch Kranker im Vordergrund steht, geht es bei der Psychotherapie um eine längerfristige Bearbeitung des Leidens. Tim K. litt nach bisherigen Erkenntnissen unter Depressionen. An fünf Terminen suchte er die psychiatrische Ambulanz auf, wo vermutlich diagnostische Gespräche stattfanden. Ob eine Psychotherapie angebahnt werden sollte, ist noch offen. In jedem Fall sollte Tim K. die Behandlung in der Klinik in Winnenden fortsetzen, was aber unterblieb.
Wusste der Vater von der Gefährdung seines Sohnes?
Für die Staatsanwaltschaft und die Gerichte ist die entscheidende Frage, ob der Vater von der Gefährdung seines Sohnes wusste und ob er durch das fahrlässige Herumliegenlassen von Munition und Waffen einen „Gefahrenkorridor“ geduldet hat. Deshalb versucht der Anwalt des Vaters, belastende Hinweise für eine „Amokneigung“, die von den Eltern hätten erkannt werden müssen, zu bestreiten.
An der Albertville-Realschule sind die Schüler aller Klassen bis zum 20. März von der Schulpflicht befreit, sie können aber freiwillig am Unterricht teilnehmen, was viele Schüler auch vorhaben. 30 zusätzliche Lehrer und zahlreiche Schulpsychologen sollen die Schüler betreuen. „Die Lehrerinnen und Lehrer haben in doppelter Hinsicht heldenhaft reagiert. Sie haben – obwohl manche schon verletzt waren – die Schüler rechtzeitig in Sicherheit gebracht und haben bei den Schülern für Ruhe gesorgt“, sagte der für die Schule zuständige Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl. Damit die Realschüler der Klassenstufe 10, die kurz vor ihren Abschlussarbeiten stehen, so wenige Nachteile wie möglich haben, soll es Gespräche mit der Industrie- und Handelskammer geben, so dass alle einen Ausbildungsplatz bekommen.
Das Staatsministerium in Stuttgart, die Stadt Winnenden sowie das zuständige Regierungspräsidium haben mit der Vorbereitung der Trauerfeier am Samstag begonnen. Teilnehmen werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Günther Oettinger (beide CDU) sowie Bundespräsident Horst Köhler. Es wird mit 35.000 auswärtigen Trauergästen gerechnet, Winnenden hat 28 000 Einwohner. Damit diese große Zahl der Trauergäste den Gottesdienst verfolgen kann, soll er in alle Kirchen der Stadt und auch im Fußballstadion übertragen werden.